Smoke

Smoke

Es gibt da gegen Ende von Smoke eine ganz besondere Szene: Harvey Keitel sitzt mit William Hurt in einem Bistro und erzählt ihm eine Weihnachtsgeschichte. Alles beginnt mit der Geldbörse eines Ladendiebes. Als er ihm diese zurückbringen will, findet er an der Adresse lediglich die blinde Großmutter des Diebes vor, welche ihn prompt für ihren eigenen Enkel hält. Er geht auf das Spiel ein und verhilft sich und der alten Frau somit zu einem schönen Weihnachtsabend, an dessen Ende er schließlich in den Besitz seiner Kamera kommt. Während Harvey Keitel also seine Geschichte erzählt, rückt die Kamera unmerklich näher. Für mehrere Minuten sehen wir nichts anderes als sein Gesicht, wenige Momente später sogar nur noch seine Lippen.

In jener Schlussszene wird noch einmal alles verpackt, was die vorherigen anderthalb Stunden geschehen ist. Stets ist es der Zufall, der auf bedeutungsame Weise in das Leben der Figuren eingreift. Überraschend ist diese Tatsache nicht. Schließlich ist es Paul Auster, der das Drehbuch zum Film verfasst hat. Wenn man ein wenig mit seinen Romanen vertraut ist, dann ist Austers Handschrift nicht zu übersehen. Natürlich spielt der Film in New York, genauer gesagt in Brooklyn. Selbstverständlich stehen Figuren, in deren Lebensverlauf irgendwas zerbrochen ist, im Mittelpunkt. Da wäre zum Beispiel der Autor Paul (kein Zufall), dargestellt von William Hurt, dessen schwangere Frau bei einem Banküberfall durch eine Kugel umgekommen ist. Oder nehmen wir nur Rashid, der seit dem Verschwinden seines Vaters vor zwölf Jahren auf der Suche nach ihm ist.

Smoke ist damit gewissermaßen die Verfilmung eines Romans, den Paul Auster nie geschrieben hat. Das erste Mal kam ich mit dem Autor vor etwa vier Jahren in der heute längst geschlossenen (lies: nicht mehr erreichbaren) Astronautenbar in Kontakt. Der Betreiber Elbenno, schrieb dort einen Text zu Paul Austers Die New York Trilogie. Zu gerne würde ich noch auf den Artikel verlinken können, aber das Internet vergisst scheinbar doch. Was sich zu Beginn wie eine normale Rezension las, wurde im weiteren Verlauf immer seltsamer. Verschroben. Unberuhigend. Diffus. Die Grenzen zwischen Autor und Werk verschwammen zusehends. Der Text löste sich auf, wurde zu einem Spiel mit Identitäten.

Ab da war ich Auster und seinem Werk hoffnungslos verfallen. Auch wenn ich noch längst nicht alle Romane gelesen habe, versuche ich mich seither chronologisch durch sein Schaffen zu lesen. Es ist schon faszinierend, wie sehr auch meine erste Begegnung mit Paul Auster durch den Zufall bestimmt war. Jener geheimnisvollen Kraft, die sich wie ein Schleier über seine Romanwelten legt. Man könnte auch sagen: Wie der Rauch, der tagein tagaus durch den Tabakladen von Harvey Keitels Figur Auggie wabert und alle wichtigen Personen des Films miteinander verbindet.

Als William Hurt zu Beginn des Films von Rashid davor bewahrt wird, vor einen Laster zu laufen, will er ihn danach sofort zu einem Kaffee einladen, um das Universum wieder in Gleichklang zu bringen. Schließlich schulde er Rashid ja etwas. Diese Idee zieht sich nicht nur durch den Film selbst, sondern trifft sogar noch mehr für den Zufall zu. Erst hat er den Figuren etwas auf schmerzliche Weise genommen, später gibt er ihnen wieder etwas zurück. Der Weg dorthin mag verschlungen und holprig sein, am Ende ist aber alles irgendwie gut. Sowohl im Roman als auch im echten Leben.

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