Damon Albarn – Everyday Robots

albarn

Ob Smartphone, Tablet, iPod, E-Reader oder Internet: Modernste Technik bestimmt unseren Alltag. Und warum auch nicht? Die elektronischen Helferlein nehmen uns enorm viel Arbeit ab und bieten rund um die Uhr Informationen und Unterhaltung. Ein rein analoges Leben ist nur noch schwer vollstellbar. Dass unser ach so tolles Informationszeitalter aber auch seine Schattenseiten hat, ist hingegen keine brandneue Erkenntnis. Man schaue sich beispielsweise nur mal an Bushaltestellen um: Kaum jemand, der nicht am Bildschirm seines Smartphones klebt. Kommunikation scheint sich nur noch über Messenger abzuspielen. Die moderne Technik ist zwar hilfreich aber zugleich auch das effektivste Sedativum unserer Zeit.

Das hat auch Damon Albarn, seines Zeichens umtriebiges Musikgenie, erkannt und betitelt sein erstes Soloalbum nach uns allen: den Everyday Robots. Mit seinen mittlerweile 46 Jahren hat es Damon Albarn weit gebracht. Mit Blur war er eine der Schlüsselfiguren des Britpop. Die Gorillaz waren wiederum sein Ventil für die verrückteren Sachen. Nicht minder ambitionierte Projekte wie The Good, The Bad & The Queen oder eine chinesische Oper namens Monkey: Journey To The West, verkommen angesichts dieses umfangreichen Schaffens fast schon zu Randnotizen.

Everyday Robots stellt in dieser Aufzählung gewiss sein persönlichstes und intimstes Werk dar. Zugleich zementiert er darauf seinen Ruf als musikalischer Tausendsassa. Ausufernde Arrangements, wie man sie von den Gorillaz kennt oder den bunten Britpop aus Blur-Zeiten sucht man hier vergebens. Dieses Album dreht sich nicht um irgendeine Band, sondern um Albarn selbst. Treffend eingefangen wird diese Tatsache vom Cover, auf welchem der Brite in sich gekehrt auf einem Hocker sitzt.

Im schwammigen Feld zwischen Ambient, Chillout und Electronica hat es sich Everyday Robots bequem gemacht. Zarte Pianotupfer, ein Beat und Albarns Gesang sind die Grundzutaten vieler Songs. Es sind verspielte Details, die viele Tracks aus diesem sehr gleichförmigen Grundkonzept herausheben. Der Titeltrack ist etwa noch mit einem windschiefen Streichersample ausstaffiert und fängt die Tristesse unserer schönen neuen Welt ziemlich perfekt ein. Wer sich von der melancholischen Grundstimmung treiben lässt, wird bald die Qualitäten und gut gesetzten Akzente dieses Albums zu schätzen wissen.

Glücklicherweise inszeniert sich Damon Albarn aber nicht als verbohrter Technologieskeptiker, sondern malt die eingangs erwähnte Problematik weder schwarz noch weiß. So wundert er sich in „Photographs (You Are Taking Now)“ über zwanghaftes Sammeln von Erinnerungen via Handykameras. Essen, Selfies, Sonnenuntergänge. Was natürlich die Frage aufwirft: Ist das noch echt oder beraubt man solche Momente damit nicht ihrer Bedeutsamkeit? Gleichzeitig ist Albarn den guten Seiten nicht abgeneigt. Denn im schönen Informationszeitalter muss niemand mehr allein sein. Es genügt ein beherzter Tastendruck. Der Play-Button als On-Off-Gesellschaft – „Lonely Press Play“ macht’s möglich. Um ein Augenzwinkern ist Damon Albarn sowieso nicht verlegen. Wie sonst könnten solch wunderbare Zeilen wie „It’s hard to be a lover when the TV is on“ („The Selfish Giant“) zustande kommen, von denen man sich sowohl ertappt als auch verstanden fühlt?

Es ist nicht einfach mit Everyday Robots warm zu werden. Das ist vor allem dem recht ähnlichen Sound vieler Tracks geschuldet. Eine hörbare Ausnahme bildet da höchstens „Mr Tembo“ mit seiner Ukulele und dem Gospelchor. Der Song für und über ein Elefantenjunges, ist ironischerweise auch der einzige, der ohne jegliche Elektronik auskommt. Womöglich verbirgt sich in dieser Tatsache auch die zentrale Botschaft des Albums: Es besteht noch Hoffnung für uns! Also einfach mal abkoppeln und für ein paar Minuten wieder das echte Leben genießen. Gerne auch mit Everyday Robots im Ohr.

Tracklist:

01. Everyday Robots
02. Hostiles
03. Lonely Press Play
04. Mr Tembo
05. Parakeet
06. The Selfish Giant
07. You & Me
08. Hollow Ponds
09. Seven High
10. Photographs (You Are Taking Now)
11. The History Of A Cheating Heart
12. Heavy Seas Of Love

Spielzeit: 46:32
Titelbild: Rama (CC BY-SA 2.0 FR)

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