Marcus Wiebusch – Konfetti

WiebuschWas ein Uhlmann kann, kann ein Wiebusch schon lange: eine Soloplatte machen. Nachdem Tomte ihren Zenit schon längst überschritten hatten und es immer ruhiger um die Band wurde, war da zumindest Thees Uhlmann mit seinen mittlerweile zwei Lebenszeichen. Einer solchen Situation sahen sich die Label-Kollegen von Kettcar indes nicht ausgesetzt. Das letzte Album Zwischen den Runden erschien 2012 und offenbarte keinerlei Ermüdungserscheinungen bei Marcus Wiebusch und seiner Band.

Trotzdem ließ es sich der Sänger nicht nehmen, ein eigenes Projekt zu starten. Nach einer kleinen EP folgt nun das vollwertige Album namens Konfetti, dessen Name kaum treffender sein könnte. Bunt, vielfältig, leicht und in den Haaren (lies: Ohren) bleibt es auch noch hängen. Anstatt sich auf einen einzelnen Produzenten zu verlassen, greift Wiebusch gleich auf eine ganze Hand voll zurück. Die Angst um den roten Faden auf Konfetti ist aber unbegründet. Der ist schon allein dank Wiebuschs Stimme gegeben und hält das Gesamtpaket wunderbar zusammen.

Wo sich die Texte bei Kettcar vor allem durch ihre sensible Betrachtung alltäglicher Zwischenmenschlichkeit auszeichnen, wagt Wiebusch mit Konfetti einen Blick aufs große Ganze. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr nur exklusiv auf das Innere, sondern streift auch ganz gerne Mal die Gesellschaft. Derart kritische Worte fand Marcus Wiebusch zuletzt auf Sylt. Auf seiner Soloplatte versteckt er seine Meinung jedoch nicht hinter verschwurbelten Sätzen sondern benennt die Probleme klar und deutlich: Homophobie, Internethass oder hohle Worum-gehts-ich-bin-dagegen-Attitüden.

Das Gegengewicht bilden fast schon traditionelle Wiebusch-Stücke. Egal ob einem der Opener „Off“ das Herz aufgehen lässt, das wunderbar perlende „Springen“ zum Weitermachen antreibt oder „Wir waren eine Gang“ von verratenen Idealen erzählt: Auch Kettcar-Hörer kommen auf ihre Kosten. Jedoch sind es weniger die textlichen Gegensätze, die Konfetti so spannend und gehaltvoll machen, als viel mehr die musikalischen.

Kein Song klingt wie der andere. Der Opener ist so prächtig arrangiert, dass man die Strahlen der aufgehenden Sonne förmlich auf der Haut spüren kann. Gleich danach wirft Wiebusch mit „Der Tag wird kommen“ eine spärlich instrumentierte aber trotzdem tonnenschwere Decke über den Hörer und erstickt so jeden Anflug von Freude. Gut so. Sieben Minuten lang zeichnet er die Geschichte eines homosexuellen Fußballspielers nach. Das Resultat ist ein bissiges Manifest gegen Homophobie und alle Ewiggestrigen. „Haters Gonna Hate“ wurde wiederum ein formschönes Electronica-Gewand inklusive 80er-Jahre-Gedächtnis-Refrain auf den Leib geschneidert. Bläser, Händeklatschen, Piano und Oh-Oh-Oh-Chöre werden dann schließlich von „Was wir tun werden“ aufgefahren. Tanzen? Unbedingt! Aber bitte beeilen, denn die Welt lässt Wiebusch in „Schwarzes Konfetti“ dank tiefen Klavierpassagen und ausuferndem Schlagzeug mit Leichtigkeit über die Klippe springen.

Auch als Sänger gibt sich Wiebusch facettenreicher als man es bisher von ihm gewohnt war. Gleich in mehreren Songs lässt er sich zu Sprechgesang hinreißen. Zwar wird in diesem Leben wohl kein begnadeter Rapper mehr aus ihm, aber Spaß machen die Versuche dennoch.

Alles in allem ist Marcus Wiebuschs Soloausflug mehr als nur geglückt. Befürchtungen, der Mann hätte nach all den Jahren nichts mehr zu sagen, lösen sich in Wohlgefallen auf. Klar, mitunter wedelt der Hamburger übereifrig mit dem moralischen Zeigefinger, ohne sonderlich in die Tiefe zu gehen – aber hey: zumindest findet er klare Worte. Selbst wem das partout nicht schmecken möchte: Die musikalische Vielfalt ist sowieso über alle Zweifel erhaben. Vielleicht lässt sich die Platte so auch am besten begreifen. Nicht als traditionelles Album, sondern als ein Mixtape aus 12 abwechslungsreichen Pop-Songs, die trotz Vielfalt hervorragend harmonieren

Tracklist:

01. Off
02. Der Tag wird kommen
03. Nur einmal rächen
04. Jede Zeit hat ihre Pest
05. Was wir tun werden
06. Haters Gonna Hate
07. Der Fernsehturm liebt den Mond
08. Das Böse besiegen (Der Exorzismus des David R.)
09. Wir waren eine Gang
10. Springen
11. Schwarzes Konfetti

Spielzeit: 45:52
Titelbild: Henry Laurisch (CC BY-SA 3.0)

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