Vergiss mein Ich

Vergiss mein IchAlles beginnt in der Egoperspektive: Die Augen, durch die der Zuschauer blickt, gehören Lena und was sie sieht, ist zutiefst beunruhigend. Nichts als verschwommene Schemen, sogar reichlich viele davon. Vermutlich befindet sich Lena auf einer Party. Den Gästen ist klar, dass mit Lena etwas nicht stimmt. Erst als sie von ihrem Mann Tore in die Notaufnahme gefahren wird, sehen auch wir, wie schlimm es um sie bestellt ist. Lena steht völlig neben sichen söll. Diagnose: Hirnhautentzündung. Die Folgen sind verheerend. Denn Lenas biografisches Gedächtnis wurde zerstört.

Lena (Maria Schrader) ist durch den Zwischenfall für sich selbst und ihr soziales Umfeld zu einer Fremden geworden. Sie erkennt weder sich noch ihre Angehörigen auf Fotos nicht wieder. Nur allgemeines Wissen, wie der Name des aktuellen Bundeskanzlers, ist ihr geblieben. Aber auch das Wissen um und das Deuten von Emotionen sind ihr abhanden gekommen. Wie eine Hülle tapst sie anfangs an der Seite von Tore (Johannes Krisch) durch das gemeinsame Heim und kann sich nur mühsam erschließen, was für ein Mensch sie vor der Krankheit einmal gewesen sein muss.

Eine Schriftstellerin mit Fachgebiet Gendertheorie nämlich, und wenn man sich ihre Vorortvilla so ansieht, wohl auch recht erfolgreich. Der neuen Lena ist das aber reichlich suspekt, weil ihr sämtliche Bezugspunkte zu diesem Leben fehlen. Auch Tore muss das allmählich einsehen. Seine Frau existiert nicht mehr und jene, die er dafür hält, antwortet ihm mit Dialogfetzen aus Filme oder Sätzen, die sie aus einem Tagebuch aufgeschnappt hat.

Jan Schomburg beschäftigt sich in Vergiss mein Ich mit der Frage nach Identität. Was macht uns eigentlich aus? Und vor allem: Könn(t)en wir einfach nochmal ganz von vorn anfangen? Lena wird diese Chance eher unfreiwillig ermöglicht. So verführerisch der Gedanke auch sein mag: Ganz ohne Kollateralschäden lässt sich eine neue Persönlichkeit dann doch nicht aufbauen.

So wirkt Lena mal gespenstisch, mal kindlich naiv. Gespenstisch, wenn sie wie eine Maschine auswendig gelernte Phrasen oder Sätze in den jeweiligen Gesprächskontext einfließen lässt und dabei ja doch nur ihr früheres Ich nachahmt, ohne diese Person auch wirklich zu sein. Unnötig zu erwähnen, dass ihre Freunde davon irritiert sind. Schlimmer trifft es jedoch Ehemann Tore, der den Verlust der früheren Lena nicht verkraften kann und ständig einem Trugbild seiner Frau ausgesetzt ist. Und dann sind da eben auch die unschuldigen Momente, die Lenas Krankheit tatsächlich wie eine Chance erscheinen lassen. Etwa wenn Lena im Grunde alberne gesellschaftliche Konventionen einfach nicht versteht und sich ohne weiteres darüber hinwegsetzt oder ihre Lust völlig neu entdeckt.

Die Inszenierung hingegen ist weder Fisch noch Fleisch. So ganz scheint sich Jan Schomburg nicht darüber im Klaren gewesen zu sein, welchen Ton er mit Vergiss mein Ich eigentlich anschlagen möchte. Hier und da blitzen zwar komische Elemente auf. Die meiste Zeit verbringt der Regisseur jedoch mit vermeintlich realistischen Beobachtungen einer Frau auf der Suche nach sich selbst. Gerne driftet der Film in solchen Momenten ins Dramatische ab. Nur: So ganz wollen beide Elemente nicht miteinander harmonieren. Es wirkt fast so, als befände sich zwischen ihnen eine unsichtbare Wand, wie sie auch zwischen der früheren Lena und ihrem jetzigen Ich besteht.

Vergiss mein Ich lässt den Zuschauer daher mit gemischten Gefühlen zurück. Die Fragen, die der Film aufwirft sind durchweg interessant und diskussionswürdig. Glücklicherweise konstruiert Schomburg keine endgültigen Antworten. Ob der Gedächtnisverlust und das Vergessen des eigenen Ichs als Traum von Freiheit oder Angst vor dem Verlorensein verstanden wird, liegt ganz beim Zuschauer. Für ein paar spannende Denkansätze ist also gesorgt.

Laufzeit: 95 Minuten
Regie: Jan Schomburg
Drehbuch: Jan Schomburg
Darsteller: Maria Schrader, Johannes Krisch, Ronald Zehrfeld, Sandra Hüller

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