Hörspiel: House of Leaves

House of Leaves

Mit Adaptionen ist es ja so eine Sache. Bestenfalls sind sie in Ordnung, denn gute oder gar großartige besitzen Seltenheitswert. Im schlechtesten Fall sind sie ein Verbrechen, ach was, ein Verrat am Original. Bei House of Leaves stellt sich die Frage nach einer guten oder schlechten Adaption gar nicht erst. Viel drängender ist eine Antwort darauf, ob man ein solches Wagnis überhaut eingehen sollte. Wer je auch nur einen Blick auf die Seiten dieses Romans werfen konnte, der wird verstehen, woher meine Zweifel rühren.

House of Leaves ist viel mehr als nur ein Buch. So abgehoben es auch klingen mag, aber dieses hier liest man nicht nur, man erlebt es. Mark Z. Danielewski beschreibt sein Werk selbst als dreidimensionalen Roman und trifft damit ins Schwarze. Der Einband, die Seiten, einfach alles an diesem Buch ist nicht nur eine Oberfläche, auf der eine Geschichte erzählt wird. Das Buch ist selbst elementarer Bestandteil der Geschichte. Sowohl im optischen, haptischen als auch übertragenen Sinn.

Nicht selten bricht Danielewski in seinem Roman das normale Schriftbild auf. Plötzlich stehen Sätze auf dem Kopf, sind gespiegelt, schräg angeordnet, ineinander verschränkt oder gar in Fragmenten über die gesamte Seite verteilt. Viele Seiten sind nur mit wenigen oder gar keinen Wörtern bedruckt. Zudem tummeln sich unzählige verschlüsselte Botschaften und Geheimnisse auf den über 600 Seiten. Überhaupt ist die Geschichte vielleicht das größte Mysterium von allen. Das liegt vor allem an der Erzählstruktur des Romans.

Im Kern geht es um den Pulitzerpreisträger Will Navidson und seine Familie. Der Fotograf entdeckt in seinem Haus eine Tür samt Raum, die laut Bauplänen nicht existieren dürfte. Dahinter erstreckt sich ein schier endloses Labyrinth aus Dunkelheit. Navidson hält seine Erkundungen auf Film fest und tauft die Dokumentation auf den Namen „The Navidson Record“. Selbiger wird von Zampanó, einem blinden Amateur-Filmanalytiker, bis zu seinem mysteriösen Tod untersucht. In wissenschaftlich-sachlichem Stil nimmt er Navidsons Dokumentation auseinander, unterfüttert seine Thesen mit allerlei Zitaten und Fußnoten. Johnny Truant schließlich ist ein Junkie und Herumtreiber, der auf Zampanós Arbeit stößt. Beim Versuch dessen Werk zu vollenden verstrickt sich Johnny jedoch immer mehr in Wahnvorstellungen und kann fortan keine klare Linie mehr zwischen Realität und Einbildung ziehen.

Diese drei Erzählebenen sind es auch, auf denen das Hörspiel zu House of Leaves fußt. Eines vorweg: Wir haben es hier mit einer Adaption zu tun, nicht mit einem Hörbuch. Bei einer gesamten Spielzeit von gut drei Stunden wäre so ein Unterfangen auch unmöglich. Zwar ist es schade, dass die Handlung stellenweise beachtlichen Kürzungen unterworfen ist, andererseits sind solche dank des schieren Umfangs des Ausgangsmaterials unumgänglich gewesen. Dafür entschädigt der Clou dieses Hörspiels für eben jene Schnitte.

Sofern man es nicht möchte, läuft das Hörspiel, ganz im Geiste der Romanvorlage, nicht linear ab. Die Produzenten stellen es dem Hörer frei, wie er sich durch die Geschichte bewegt. Im Modus „One Way“ werden alle drei Erzählebenen nacheinander abgespielt. „Follow Way“ ermöglicht vorgeschlagenen Weg durch die Geschichte. Den größten Reiz übt aber zweifellos der Modus „Own Way“ aus, bei dem der Hörer jederzeit zwischen den drei parallel ablaufenden Hörspielen wechseln kann. So lässt sich bisweilen eine völlig andere Sichtweise auf die Geschichte provozieren. Welche Abzweigungen man auch nehmen mag: Nach gut einer Stunde ist bei dieser Variante Schluss.

Der „Own Way“ stellt zudem eine Remineszenz an das ursprüngliche Radiohörspiel dar. 2009 sendete der WDR zeitgleich auf drei Wellen die Erzählungen von Navidson, Zampanó und Johnny Truant. Das Wechseln der Frequenzen entspricht also so ziemlich dem „Own Way“ der vorliegenden Hörspielfassung. Allein die Möglichkeit, immer wieder einen neuen Weg durch die Erzählung einzuschlagen, ist Gold wert. Wenn schon Kenner der Buchvorlage nach der erstmaligen Lektüre kaum beschreiben können, was sich auf den über 600 Seiten genau abspielte, dann dürften die Hörer sogar noch viel größere Probleme haben. Wie bereits erwähnt haben wir es hier mit einer sehr schlanken Hörspielfassung zu tun, die viele Nebenhandlungen und -Figuren komplett außen vor lässt.

Dafür fängt sich Umsetzung aber scheinbar mühelos die verstörende Wirkung ihrer Vorlage ein. Obwohl eine optische Transformation des Textes hier schon wegen der Beschränkung auf eine reine Audioebene ausgeschlossen ist, haben die Macher einige clevere Einfälle in die Adaption eingeflochten. Besonders in Zampanós und Johnnys Geschichte überlagern sich des Öfteren die Tonebenen. In Navidsons Parts kommen dagegen besonders oft Echos zum Einsatz, die die schiere Größe des finsteren Labyrinths perfekt simulieren. Ergänzt wird diese ohnehin schaurig-verstörende Reise durch allerlei Rauschen und Zischen, die mich wohlig an die Gruselhörspiele meiner Kindheit zurückdenken ließen. Nur eben viel eindrucksvoller.

Natürlich müssen auch ein paar Worte über die Sprecher verloren werden. Bis auf eine Ausnahme sind alle Protagonisten perfekt besetzt. Egal ob Wolfram Koch als Will Navidson oder Roberto Ciulli als Zampanó: Beide vermögen den ganz eigenen Wahn dieser beiden Figuren überzeugend darzustellen. Erwähnte Ausnahme bildet jedoch Tom Schilling als Johnny Truant. Ich habe per se nichts gegen Schilling und seine Interpretation der Rolle. Tatsächlich wirkt die hörbare Angst und zunehmende Verzweiflung in seiner Stimme erschreckend echt. Soweit so gut, nur: Mit dem Johnny Truant der Buchvorlage hat das nur zum Teil etwas zu tun. Ich vermisste die großspurige, fast schon selbstverliebte Art, mit der Johnny mich als Leser all zu oft auf das Glatteis geführt hat. Diese Facette – Johnny als Lügner und  Geschichtenerzähler in Personalunion – spart das Hörspiel gänzlich aus.

Um an die Frage vom Anfang anzuschließen: Ist das Hörspiel nun eine gelungene Adaption von Danielewskis Roman? Ja! Nein! Vielleicht! Fangen wir vielleicht erst mal beim Nein an: Natürlich ist es keine gelungene Adaption, weil der Roman im Grunde nur als Buch funktionieren kann. Anders gesagt: Danielewski reizt das Medium Buch nicht nur aus, sondern sprengt zugleich auch dessen Rahmen. Wie bereits erwähnt, ist House of Leaves weniger Lektüre als viel mehr Erlebnis. Es ist so sehr mit seinem Medium verwachsen, dass ein Transfer auf ein anderes Medium zum Scheitern verurteilt sein muss.

Dennoch ist die Umsetzung des WDR gelungen. Warum? Weil sie sich ebenso wie der Roman als Experiment versteht. Eine Hörspiel auf drei Ebenen, ineinander verschachtelt und beim ersten Mal kaum zu durchdringen? Darauf muss man auch erst einmal kommen. Wie das Buch selbst, ist auch das Hörspiel ein Labyrinth. Der Hörer wird zum Irrgartenläufer, trifft auf Sackgassen, bewegt sich im Kreis und hat am Ende womöglich gar nichts verstanden.

Mehr noch: Das Fehlen eines optischen Erlebens kehren die Macher in eine Tugend um. Ein Hörspiel bedient nun mal nur die Ohren. Keine revolutionäre Erkenntnis, doch für die Adaption von House of Leaves nicht unwichtig. Zwar könnte man die Augen offen halten, aber es hilft nicht dabei, die Geschichte zu entschlüsseln. Stattdessen ist man blind und kann sich lediglich von Klängen, Stimmen oder Geräuschen durch die Dunkelheit führen lassen. Wie schon das Buch ist auch das Hörspiel ein Labyrinth. Der Hörer wird somit zu Navidson, der ebenfalls diesen Echos in der Finsternis hinterherläuft und hofft, so den Ausgang zu finden.

Ganz bewusst spielen die Macher also die Stärken des gewählten Mediums aus und reizen wie schon Danielewski dessen Grenzen aus. Aus dem passiven Zuhörer wird ein aktiver Hörer. Jemand, der mit dem Hörspiel interagieren muss. Womöglich liegt darin die größte Errungenschaft dieser Adaption: Man hört sie nicht nur, man erlebt sie.

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