Nebraska

NebraskaMit einer Million Dollar lässt sich so einiges anfangen. Eine Weltreise zum Beispiel. Oder doch lieber eine kleine Yacht kaufen? Oder man teilt den Gewinn mit seinen Liebsten. Die Möglichkeiten sind ebenso zahlreich wie verlockend. Woody Grant (Bruce Dern) will sich hingegen nur seinen bescheidenen Wunsch nach einem neuen Truck und Kompressor erfüllen. Der Kniff an der Sache: Woody hat gar nichts gewonnen, sondern ist fest von einem typischen „Sie sind ein Gewinner!“-Werbebrief überzeugt.

Jeden Tag aufs Neue unternimmt der senile Alkoholiker Fußmärsche nach Lincoln, wo der angebliche Gewinn auf Abholung wartet. Meistens wird er dabei von der Polizei oder seinem Sohn David (Will Forte) aufgelesen und nach Hause gebracht, wo ihn seine Frau Kate (June Squibb) auch schon keifend empfängt. Die Situation scheint ausweglos. Aber vielleicht sollte man den Alten einfach mal machen lassen, so Davids Meinung zu der Sache. Womöglich wird er seinen Irrtum dann einsehen. Vater und Sohn begeben sich somit auf einen schrägen Roadtrip durch den Mittleren Westen der USA.

Regisseur Alexander Payne fischt mit Nebraska in ähnlich tragikomischen Gefilde wie schon bei The Descendants. Die Reise führt Woody und David durch die endlose Weite (oder Leere?) des nordamerikanischen Kontinents. Nichts als Felder und Ebenen, so weit das Auge reicht. Dort, im Mittleren Westen, kommt eine gänzlich andere Seite der USA zum Vorschein, die man sonst nur mit Metropolen wie Los Angeles oder New York verbindet. Menschen, Städte und Landstriche, die in der Vergangenheit festzuhängen scheinen, während der Rest des Landes längst in der Zukunft angekommen ist. Die Entscheidung all diese Trostlosigkeit in Schwarz-Weiß zu dokumentieren, erscheint somit mehr als gerechtfertigt.

Und doch ist Nebraska mehr als nur ein Abgesang auf das amerikanische Hinterland. Viel mehr erzählt der Film von Hoffnungen, Träumen und den Konsequenzen früherer Entscheidungen. Vieles davon spiegelt sich besonders in den Figuren wieder. Woody Grant ist etwa nur auf den ersten Blick ein trinkender Zausel. Unter all der wortkargen Schroffheit steckt ein Herz aus Gold, dem die vielen Jahre tiefe Narben zugefügt haben. Ähnlich verhält es sich mit den übrigen Mitgliedern der Familie Grant. Angefangen bei David, über die immerfort meckernde Kate oder den etwas hochnäsigen zweiten Sohn Ross (Bob Odenkirk).

Im Mittelpunkt steht jedoch die zaghafte Annäherung zwischen dem sich fremd gewordenen Vater-Sohn-Gespann. Besonders Woodys unkonventionelles Verhalten raubt David die Nerven. Es ist Bruce Dern und seinem vielschichten Spiel zu verdanken, dass man als Zuschauer nie ganz sicher sein kann, ob Woody sich nur einen Spaß erlaubt oder wirklich nicht weiß, was um ihn herum geschieht. Obwohl in Nebraska auch prima gelacht werden kann, vermeidet es Regisseur Payne seine Figuren der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch gerade dieser Respekt vor der Familie Grant lässt alle übrigen Personen in einem schlechten Licht erscheinen.

Besonders beim Zwischenstop in Hawthorne, Woodys Heimatstadt, erinnern die Einwohner mehr an Aasgeier als an echte Menschen. Woodys Millionengewinn ist das Ereignis schlechthin und plötzlich will jeder ein Stück vom Kuchen abhaben. Ganz gleich ob alte Rivalen, Freunde oder die restliche Grant-Sippe. Die Sensation reißt alle aus ihrer Lethargie und macht den ursprünglichen amerikanischen Traum schnell vergessen. Es mag etwas seltsam wirken, wenn das Drehbuch Woody und seine Liebsten davon ausklammert. Zugleich sorgen solche Gegensätze für teils absurde Situationen sowie Dialoge und wirken sich keinesfalls störend auf den Rest des Films aus.

Mit Nebraska ist Alexander Payne ein wunderbarer Indepentent-Film, dessen Geschichte, sofern man sie herunterbrechen möchte, universellen Charakter besitzt: Geh raus, jag deinen Träumen hinterher, ganz gleich was andere davon halten. Woody macht genau das und es ist rührend, ihm dabei zuzusehen.

Laufzeit: 115 Minuten
Regie: Alexander Payne
Drehbuch: Bob Nelson
Darsteller: Bruce Dern, Will Forte, June Squibb, Bob Odenkirk

2 Gedanken zu „Nebraska

    • Vielen Dank liebe Doreen. Nebraska ging ja angesichts der Konkurrenz gänzlich leer bei den Oscars aus. Aber davon sollte man sich bestimmt abhalten lassen. Freu dich drauf!🙂

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