Only Lovers Left Alive

Only Lovers Left AliveAuf dem Plattenteller rotiert Wanda Jacksons Funnel of Love. Nicht mit den üblichen 45, sondern 33 Umdrehungen pro Minute. Dank dieser künstlichen Verlangsamung ziehen sich Jacksons Worte in die Länge, der Sound driftet zunehmend in düstere, psychedelische Sphären ab. Zwischen die Bilder der Schallplatte schieben sich ebenfalls kreisende Aufnahmen der Protagonisten Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton). Die hypnotische Wirkung ist perfekt. Selten hat eine Eröffnungsszene den dazugehörigen Film formal besser zusammengefasst als im Falle von Only Lovers Left Alive.

Denn Jim Jarmuschs neuester Film lässt sich Zeit. Viel Zeit. Und das hat seine Gründe. Es geht hier schließlich nicht um eine gewöhnliche Liebesbeziehung, denn – lassen wir die Katze aus dem Sack – Adam und Eve sind Vampire. Damit gehören sie einer Spezies an, die in den vergangenen Kinojahren beinahe an Kitsch und Glitzerstaub zugrunde gegangen wäre. Zwar kann auch Jarmusch dem Mythos keine gänzlich neuen Facetten abgewinnen, sein großer Verdienst besteht vielmehr darin, das klassische Bild des Blutsaugers wieder geradezurücken. Besonders Adam kommt dem Idealtypus eines brütenden, von der menschlichen Welt abgekapselten Nachtschwärmers extrem nahe. Dem gegenüber steht seine, naja, lebensfrohe Begleiterin Eve: Über die Jahrhunderte hat sie sich mit ihrer unsterblichen Existenz arrangiert. Dass die Welt wieder einmal vor dem Abgrund steht, ist für sie daher keine Neuigkeit.

Das Konzept ewigen Lebens und den damit verbundenen Zeitspannen spinnt Jarmusch konsequent weiter. Seine Blutsauger sind hochintelligente Kulturwesen, wahre Experten auf ihrem jeweiligen Gebiet, das sie über die Jahrhunderte zur Meisterschaft gebracht haben. So ist Adam etwa ein begnadeter Musiker, während sich Eve in der Literatur wie keine zweite auskennt. Auf der anderen Seite ist diese Genialität aber auch die einzige Möglichkeit am Leben der Menschheit teilhaben oder viel mehr die Strippen im Hintergrund ziehen zu können. Seit Jahren agieren Jarmuschs Vampire als gönnerhafte Ghostwriter für bedeutende Persönlichkeiten wie Franz Schubert oder Shakespeare (toll: John Hurt als Christopher Marlowe) und verhelfen den Menschen somit zu kulturellen Höchstleistungen.

Die eigentliche Handlung, wenn man die konsequente Verweigerung gegenüber einer solchen so nennen will, ist indes schnell zusammengefasst: Adam ist in den Detroit den Umtrieben der Menschheit längst überdrüssig geworden und spielt mit dem Gedanken an Selbstmord, was seine Geliebte Eve auf den Plan ruft. Kleinere Episoden, wie der Überraschungsbesuch von Eves aufgedrehter Schwester Ava (Mia Wasikowska) oder die fortwährenden Querverweise auf die Kulturgeschichte können da maximal amüsante Akzente setzen. Für eine ausgeklügelte Geschichte reicht das aber noch lange nicht. Letztlich bleibt Only Lovers Left Alive ein Werk, das vor allem Wert auf seine Atmosphäre legt.

Und dort kann der Film wirklich punkten. Das fängt schon bei den wirklich coolen Charakteren an, setzt sich bei dem düster-hypnotischen Soundtrack fort und findet seine Vollendung in den stilvollen Aufnahmen eines trostlosen Detroits bei Nacht. Mit den leerstehenden Produktionshallen, verlassenen Eigenheimen und menschenleeren Straßenzügen der ehemaligen Motorcity hätte Jarmusch kaum eine bessere Kulisse und Versinnbildlichung von Adams Seelenlandschaft finden können. Wenn er und Eve gemeinsame Spritztouren unternehmen erinnert das bisweilen an Drive, nur eben ohne Neonfarben. Was bleibt ist der Blick auf eine ungeschönte moderne Welt, deren früherer Glanz längst abgeblätterten Farbschichten und bröckelnden Wänden gewichen ist.

Auf das bisweilen ziellose Mäandern von Only Lovers Left Alive muss man sich freilich einlassen können. Erst dann wird man in der Langsamkeit keine Langatmigkeit sehen, sondern die einzig logische Umsetzung eines Vampirlebens. In so einem besteht überhaupt keine Notwendigkeit, Dinge zu überstürzen oder zu übereilen. Nur wer bereit ist sich in Adam und Eves Welt einzufühlen, wird die ganze Schönheit dieser ebenso schwarzen wie romantischen Reise durch die Nacht begreifen können.

Laufzeit: 122 Minuten
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Darsteller: Tom Hiddleston, Tilda Swinton, John Hurt, Mia Wasikowska, u.a.

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