Oh Boy

„Arm aber sexy“. Den von Klaus Wowereit geprägten Slogan, wird Berlin wohl nie wieder zur Gänze abschütteln können. An der Hauptstadt scheiden sich die Geister. Für die einen ist es die reinste Hipster-Hochburg, in der sogar die schmutzigste Ecke noch aufgesetzt wirkt. Für die anderen ist es ein Faszinosum; immer in Bewegung, immer im Wandel. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Fest steht jedoch: Berlin ist reich an Möglichkeiten, aber arm an schwarzem Kaffee. Das bekommt auch Niko (Tom Schilling) in „Oh Boy“ zu spüren.

Niko ist Mitte Zwanzig, hat sein Jura-Studium vor zwei Jahren geschmissen und lebt seitdem einfach in den Tag hinein. Niko trifft Mädchen, schläft mit Mädchen, trennt sich von Mädchen. Wortkarg und ohne großes Interesse an seiner Umwelt, einem Job oder gar so etwas wie einer Perspektive lebt es sich schließlich ganz okay. Selbst als ihm sein Vater den Geldhahn zudreht, lässt sich Niko einfach weiter treiben. Gut für den Zuschauer, der Niko an einem dieser typischen Tage durch die Großstadt begleiten darf.

Regisseur Jan-Ole Gerster bemüht sich „Oh Boy“ nicht wie einen Werbefilm für die Stadt an der Spree aufzuziehen. Dennoch versteht er es, die Metropole mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen und leichtfüßigen Jazz-Klängen in ein elegantes Licht zu rücken. Unkommentierte Momentaufnahmen von Fußgängerzonen oder dem Verkehr, erinnern in ihrer Schlichtheit an frühe Dokumentationen des Großstadtlebens. Und in diesem ganzen Gewimmel wird Niko mit einem Sammelsurium schräger Figuren und Situationen konfrontiert.

Gerster erzählt keine Geschichte im eigentlichen Sinne. Viel mehr erinnert „Oh Boy“ an einen Episodenfilm, mit dem Unterschied, dass die Kamera sich nie an irgendwelchen Nebenschauplätzen abarbeitet. Der Fokus liegt ganz klar auf Niko, der von einer Situation in die nächste schlittert. Und was das für welche sind! Mal rührend, mal zum Schreien komisch, dann wieder irgendwo dazwischen, aber garantiert immer skurril. Niko begegnet Trinkern und Halbstarken, ehemaligen Klassenkameradinnen, ausgeflippten Regisseuren, einsamen Großmütterchen oder einem sadistischen Psychologen beim Idiotentest. Fast alle haben eine kleine Geschichte zu erzählen und tragen ihren Teil zum Großstadtportrait bei.

Mit Tom Schilling, der scheinbar irgendwann beschlossen hat nicht mehr älter zu werden, hat Jan-Ole Gerster einen Darsteller gefunden, der den planlosen Mittzwanziger glaubhaft transportiert. Schilling spielt minimalistisch, ohne viel Aufwand und macht somit die unterschwellige Orientierungslosigkeit seiner Figur für den Zuschauer greifbar. Komplettiert wird die Besetzung durch zahlreiche Nebendarsteller wie Ulrich Noethen als resoluter Vater oder Michael Gwisdek mit einem denkwürdigen Auftritt als nostalgischer Kneipenbesucher.

Bis zuletzt bleibt unklar, was uns Jan-Ole Gerster mit „Oh Boy“ eigentlich sagen will. Eine typische Auflösung bietet der Film nicht, schließlich verweigert er sich ja schon einem konkreten Problemaufriss. Klar kann Niko nicht ewig so weiterleben, aber so richtig schlecht geht es ihm mit seiner Laissez-faire-Attitüde nun auch wieder nicht. Geht es Gerster also um ein Portrait der „Generation Maybe“? Oder ist „Oh Boy“ einfach nur eine schüchtern-melancholische Liebeserklärung an Berlin? Oder irgendwas über diese Postmoderne, von der immer alle reden?

Vielleicht spielt all das aber auch gar keine Rolle. Denn es ist ein gutes Gefühl, mit dem „Oh Boy“ einen nach 83 Minuten zurücklässt. Unaufgeregt inszeniert Jan-Ole Gerster den ganz normalen Wahnsinn der modernen Großstadt. Einen, den man jetzt vielleicht sogar selbst erleben möchte. Und falls nicht, tut es wohl auch eine Tasse frisch gebrühter, schwarzer Kaffee.

Laufzeit: 83 Minuten
Regie: Jan-Ole Gerster
Drehbuch: Jan-Ole Gerster
Darsteller: Tom Schilling, Friederike Kempter, Michael Gwisdek, Ulrich Noethen, u.a.

5 Gedanken zu „Oh Boy

  1. Ich habe den Film vor kurzem auch im Volkstheater Friedrichshain gesehen. Meiner Meinung nach genau das richtige Kino für Oh Boy. Mir hat er auch sehr gefallen, obwohl ich bei deutschen Produktionen immer sehr vorsichtig bin, da sie nur recht selten meinen Nerv wirklich treffen. Aber auf der anderen Seite habe ich auch eine kleine Schwäche für Berlin-Filme. Immer, wenn ich „unsere“ („meine“) Stadt in Filmen sehe, gibt es schon Pluspunkte. Aber mir hat auch der Humor sehr gefallen, die kleine Spur Wahnsinn und auch die Schwere am Ende. Der Film erzählt so viele kleine Geschichten statt einer einzigen großen und das alles in Schwarzweiß, das fand ich irgendwie ganz frisch. Ich finde Oh Boy besticht mit einer schönen Leichtigkeit, die ich in den meisten deutschen Filmen immer vermisse. Sonst ist immer alles so verkrampft, bierernst und gezwungen. Oh Boy war da so ganz anders – hätte ruhig noch ne halbe Stunde länger sein können, hat man ja auch nicht so oft.🙂

    • Bei mir war’s eine Vorstellung in einem kleinen Hofkino bei sommerlichen Temperaturen. Hat dieser Leichtigkeit, die du ansprichst auch nochmal perfekt Rechnung getragen. „Oh Boy“ fließt halt einfach so locker-flockig vor sich hin, dass man sich sehr gut fallen und treiben lassen kann.

      Für waschechte Berliner ist der Film natürlich nochmal um einiges näher. Aber ich saß auch so oft da und dachte mir in allerlei Situationen „Kennste!“. Der Wahnsinn ist überall😉

      Und das Ende war super! Erst rollt man die Augen über den Trinker und lacht vielleicht auch und dann erzählt der seine Geschichte und das ganze Kino wird still. Großartig.

  2. Ich habe den Film auch vor Kurzem im Filmtheater am Friedrichshain gesehen, und schließe mich der Meinung an, dass der Film gerne noch eine halbe Stunde länger hätte sein können! Der Film ist tolle Unterhaltung und Denkanstoß in einem. Für mich besonders, da ich gerade in einer ganz ähnlichen Situation bin (allerdings nicht schon seit 2 Jahren).

    Der Begriff „Generation Maybe“ trifft es haargenau!

  3. Ich finde Doreen beschreibt den Schluss recht nett. „Die Schwere am Ende.“ Ich habe mir den Film zweimal angeschaut und mich an einer ganz eigenen Interpretation versucht. Vielleicht gehe ich dabei zu weit, aber die vielen kleinen Geschichten haben sehr angeregt. Lieber Gruß aus Basel von einer ehemaligen Berlinerin ;o)

  4. Pingback: Jahresrückblick 2013: Sehen | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

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