Nick Cave & The Bad Seeds – Push The Sky Away

Nick Cave

Was hat er sich dabei nur gedacht? Es gibt ja weiß Gott nicht viele Menschen auf diesem Planeten, die einen Schnauzbart tragen können, ohne damit komplett bescheuert auszusehen. Nick Cave ist so jemand. Besser gesagt: Er war so jemand. Von der selbstbewussten Gesichtsbehaarung war bereits im Trailer zum neuen Album „Push The Sky Away“ nichts mehr zu sehen. Traurig aber irgendwie auch verständlich, stand das Machogestrüpp doch stellvertretend für den lärmenden Sound des 2008 erschienenen „Dig, Lazarus, Dig!!!“ und erst recht für die beiden brachialen Grinderman Alben. Davon wollen Nick Cave & The Bad Seeds im Jahr 2013 aber nichts mehr wissen.

Für die Aufnahmen zum 15. Studioalbum hat sich die Band in ein altes Herrenhaus in Südfrankreich zurückgezogen. Dessen verträumtes Flair hat sich hörbar auf die neun Songs übertragen. Mit dem wüsten und sperrigen Geschrammel der letzten Veröffentlichungen haben die nicht mehr viel zu tun. Fast klingt es so, als hätten Nick Cave und Loop-Spezialist Warren Ellis sämtliche Altlasten über Bord geworfen und nochmal bei null angefangen. Damit sich die Magie von “Push The Sky Away” entfaltet, genügen einzelne Noten auf einer Handvoll Instrumente. Seien es die unheilschwangeren Bass- und Streicherloops in „Water’s Edge“ oder die hypnotische Melange aus Orgel, Flöte und sanfter Elektronik in „We Know Who U R“: Minimalismus ist oberstes Gebot und Kunstform gleichermaßen.

Die Zwischenräume solcher Song-Gerippe füllt der Meister wieder höchstpersönlich mit seinem unnachahmlichen Sprechsingsang aus. Anstatt aber mit Bibel- und Mythologie-Verweisen um sich zu werfen und somit wieder mal den Prediger zu geben, verharrt Nick Cave in der Rolle eines beobachtenden Erzählers. Es sind jedoch keine Geschichten, die er auf „Push The Sky Away“ zum Besten gibt. Vielmehr handelt es sich um kurze Sinneseindrücke, Impressionen und Gedankenfetzen, die sich zu mannigfaltigen Mosaiken zusammenfügen. Es ist ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichsten Themen und Bildern: Hier baumeln Meerjungfrauen an Straßenlaternen, dort treibt Miley Cyrus in einem Pool und zwischendurch schaut auch der alte Kumpel Luzifer vorbei. Sogar die Grenzen einzelner Songs weicht dieses Prinzip auf: „Finishing Jubilee Street“ thematisiert einen Traum, den Cave nach der Fertigstellung von „Jubilee Street“ hatte. Ganz schön meta.

„Push The Sky Away“ ist nicht weniger als ein radikaler Gegenentwurf zum 2008 erschienen „Dig, Lazarus, Dig!!!“ War das noch ein mit allerlei Muntermachern versetzter Testosteron-Cocktail, so ist das neue Album am ehesten mit dem Delirium am Tag danach vergleichbar. Jenem diffusen Dahinschweben zwischen Traum und Wirklichkeit, bei dem der Kopf wie aus Watte scheint und die Schatten im Zimmer bisweilen alptraumhafte Formen annehmen. Ein ungewöhnlicher Vergleich? Vielleicht. Ganz sicher jedoch ist, dass „Push The Sky Away“ nie aus dem Fluss gerät. Kein Song spielt sich übermäßig in den Vordergrund. Selbst „Jubilee Street“ nicht, wenn am Ende die leicht verstimmte Gitarre von Streichern aufgerichtet und gen Himmel getragen wird. Oder wenn sich Nick Cave mit seinem Gesang in den aberwitzigen Visionen des achtminütigen Groove-Monstrums „Higgs Boson Blues“ aalt.

Der einzelne Song zählt hier weniger als das Gesamtwerk. Nick Cave & The Bad Seeds sprechen sich damit klar für das Albumformat aus. „Push The Sky Away“ will am Stück – idealerweise über Kopfhörer und mit heruntergelassenen Jalousien – gehört werden. 42 Minuten soll der Trip in die Traumlandschaften des Nick Cave angeblich dauern. Es fühlt sich nach bedeutend weniger an. Und während man noch über diese Wahrnehmungsstörung nachgrübelt, beginnt die Platte auch schon wieder von vorn. Zum Teufel mit dem Schnauzbart.

Tracklist:
Push The Sky Away

 

 

 

 

01. We Know Who U R
02. Wide Lovely Eyes
03. Water’s Edge
04. Jubilee Street
05. Mermaids
06. We Real Cool
07. Finishing Jubilee Street
08. Higgs Boson Blues
09. Push The Sky Away

Spielzeit: 42:43

Titelbild: NRK P3

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