Django Unchained

Sehr geehrter Herr Tarantino,

meine Vorfreude auf Ihren neuen Film hielt sich in Grenzen. Den Kinostart habe ich direkt verschlafen und auch das Drehbuch, welches vorab im Netz zu lesen war, hat mich nicht die Bohne interessiert. Dabei mag ich Ihr Schaffen. Mit Ihren bisherigen Werken haben Sie sich auf ewig ins popkulturelle Gedächtnis unserer Zeit eingebrannt. In gefühlt jeder zweiten Studenten-WG springt mir ein Filmplakat von Pulp Fiction ins Auge. ‚Please don’t let me be misunderstood‘ kann ich nicht mehr hören, ohne sofort an Kill Bill denken zu müssen. Überhaupt Kill Bill: Den habe ich erst relativ spät gesehen. Lange Zeit hatte ich den Eindruck, dass es sich dabei um eine stumpfe Gewaltorgie in Spielfilmlänge handeln würde. Wann immer ich mir etwas über Kill Bill erzählen ließ, ging es vor allem um das blutige Schwertballett zwischen der Braut und 88 verrückten Asiaten. Natürlich steckte so viel mehr in dem Film. Aber ich schweife ab. Was ich eigentlich sagen wollte, Herr Tarantino: Ich mag ihre Filme weil ich leidenschaftliche Menschen mag. Sie selbst sind aber nicht nur leidenschaftlich, nein, Sie sind fanatisch – Sie lieben Filme mit jeder Faser Ihres Körpers. Manchmal stelle ich Sie mir als eine Art Schwamm vor, der alles, was jemals über die Leinwände dieser Welt geflimmert ist, in sich aufgesogen hat. Man muss nur etwas drücken und schon perlen Tropfen aus dem Gewebe, deren Namen man heute in Ihrer Filmographie nachlesen kann.

Bei Ihnen kann man sich nie sicher sein. Wenn Sie einen Heist-Movie drehen, bekommt man den eigentlichen Bankraub überhaupt nicht zu sehen. Wenn Sie einen Film über den zweiten Weltkrieg inszenieren, bringen Sie Hitler in einem französischen Kino um. Sie scheren sich nicht um Konventionen und das macht Ihre Filme so unberechenbar. Warum war ich also skeptisch wegen Django Unchained, fragen Sie sich jetzt? Vielleicht weil Western immer so einen vorgestrigen, muffigen Beigeschmack haben. Vielleicht weil ich bei Laufzeiten ab zwei Stunden ernsthafte Probleme bekomme, eine angenehme Sitzposition im Kinosessel zu finden. Aber das können Sie ja nicht wissen. Ihnen ist das auch herzlich egal. Sie machen mal wieder Ihr ganz eigenes Ding. Streng genommen machen Sie aus Ihrem Western einen Southern. Von Klischees, wie dem von einer Banditenbande gebeutelten Städtchen, das auf die Hilfe eines unbekannten Fremden wartet, fehlt jede Spur. Stattdessen geht es um Rassismus und Sklaverei – eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte.

Ein heißes Thema, das Sie da anfassen, Herr Tarantino. Es ist mir völlig egal, ob die Eckpunkte Ihrer Geschichte historisch korrekt sind. Denn traurigerweise ist Rassismus ein ebenso zeitloses wie hässliches Thema, das Sie in seiner ganzen Unmenschlichkeit darzustellen wissen: Schwarze prügeln sich zum Amüsement ihrer weißen Herren in grausamen Kämpfen gegenseitig zu Tode. Angst und Einschüchterung sind an der Tagesordnung. Wer sich weigert wird von Hunden zerfleischt, mit Peitschenhieben zerpflückt oder sonst wie bestraft. Bei solchen Bildern zwickt es ganz unangenehm in der Magengegend. Und doch ist ‚Django Unchained‘ ein äußerst unterhaltsamer Film geworden. Denn Sie, Herr Tarantino, belassen es nicht bei der bloßen Dokumentation der Grausamkeiten, sondern stellen die ganze Idee Rassismus als das dar, was sie ist: vollkommen überflüssig.

Daher ist der Konflikt zwischen Schwarzen und Weißen für Sie und Ihre Figuren auch gar nicht der Dreh- und Angelpunkt. Django geht es in erster Linie um die Rettung seiner Frau und nicht um die Abschaffung der Sklaverei. Hilfe bekommt er dabei ausgerechnet von einem weißen Mann der Aufklärung: Dr. King Schultz. Nach anfänglicher Skepsis wachsen beide zu einem unschlagbaren Team zusammen. Die Hautfarbe des Anderen spielt keine Rolle. Django und Schultz sind zwei bunte Hunde, die sich in der reaktionären Südstaatenwelt des 19. Jahrhunderts gegenseitig ergänzen. Besonders deutlich machen Sie das, wenn Sie die beiden auf ihre Gegenspieler treffen lassen: Plantagenbesitzer Calvin Candy und sein treu ergebener Hausdiener Stephen sind so etwas wie die verzerrte, dunkle Version von Django und King Schultz.

Wie gesagt, mir gefällt wie Sie mit der potenziell schwierigen Thematik umgehen. Auch dass ‚Nigger‘ quasi als Satzzeichen verwendet wird, stört mich kein bisschen, passt es doch zu der Zeit, in der Ihr Film angesiedelt ist. Doch ganz ohne Makel ist Django Unchained eben doch nicht. Besonders mit dem Humor und wie er präsentiert wird, habe ich so meine Probleme. Als Beispiel möchte ich hier mal die Szene mit der Ku-Klux-Klan-Versammlung anführen: Da regen sich die Kapuzenträger darüber auf, dass sie unter ihren Kopfbedeckungen nichts sehen können. Jaha, außerordentlich witzig, keine Frage. Aber relevant für die Handlung ist diese Szene nicht. Tatsächlich werde ich das Gefühl nicht los, dass Sie die Szene nur für einen billigen Lacher in Ihren ohnehin schon recht lang geratenen Film eingebaut haben. Ernsthaft: Das können Sie doch besser!

Überhaupt machte Django Unchained auf mich einen sehr zusammengestückelten Eindruck. Sicher, wir haben es hier wohl mit Ihrem geradlinigsten Film zu tun. Keine ausschweifenden Nebenhandlungen und selbst die von Ihnen gern benutzten Flashbacks sind auf ein Minimum reduziert. Ein Sehfluss wollte sich bei mir aber nicht einstellen. Zumal die Handlung vor allem gen Ende ins Stocken gerät. Anstatt am richtigen Punkt zum Schluss zu kommen, schlagen Sie mit der Handlung noch zwei, drei völlig unnötige Haken. Und wofür? Damit Sie in einer Szene nochmal selbst mit Dynamitstangen herumspielen können. Ach, ach, Herr Tarantino. Vielleicht hätte Ihnen mal jemand am Set sagen sollen, dass solche Szenen komplett überflüssig sind. Wem wollen Sie denn noch etwas beweisen? Mit mehr Selbstdisziplin hätte man den Film sicher auch auf zwei erträgliche Stunden Laufzeit eindampfen können.

Sie können von Glück sagen, dass der Rest des Films überzeugen kann! Schade nur, dass ausgerechnet Jamie Foxx als vermeintliche Hauptfigur im Vergleich zu Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio und Samuel L. Jackson etwas untergeht. Denen haben Sie nämlich die spannendsten Dialogzeilen in den Mund gelegt. Aber irgendwie passt das ja. Der Original-Django von 1966 war schließlich auch kein großer Redenschwinger. Und selbst wenn Jamie Foxx kein Maschinengewehr in einem Sarg hinter sich her zieht, lassen Sie im Verlauf der fast drei Stunden wieder reichlich Kunstblut über die Leinwand spritzen. Mal abgesehen von einer langen, großartig gefilmten und sehr schmerzhaften Schießerei am Ende, lassen Sie die eigentliche Action aber wieder mal abseits der Action stattfinden. In den Dialogen und dem Zusammenspiel der Charaktere liegt Ihre große Stärke, Herr Tarantino. Es ist schon verrückt. Einerseits halte ich Django Unchained für einen viel zu langen Film. Andererseits hätte ich aber gerne noch viel mehr über die eine oder andere Figur erfahren und hatte das Gefühl, dass Sie gerne noch viel mehr erzählen wollten. Vielleicht im Director’s Cut, ja?

Bei all der Nörgelei auf hohem Niveau: Mit Django Unchained haben Sie mich mal wieder prächtig unterhalten. Ihren nächsten Film schiebe ich auch ganz bestimmt nicht so lange vor mir her. Aber nur wenn Sie mir versprechen, sich beim nächsten Mal wieder etwas mehr zu zügeln. Deal? Schön.

Sincerely yours,

Sven

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