Jahresrückblick 2012: Sehen

Wenn man beim mehr oder weniger regelmäßigen Aufräumen immer wieder zerknüllte Kinokarten aufstöbert, lässt das genau zwei Schlüsse zu: Entweder man besitzt keinen Mülleimer oder man war verdammt oft im Kino. Nach reiflicher Überlegung und Inspektion der eigenen Wohneinheit, kann ich guten Gewissens behaupten: Ich habe einen Mülleimer (einen randvollen sogar!). Meinen Vorsatz, für 2012 wieder öfter die Lichtspielhäuser meiner Stadt von innen zu sehen, möchte ich an dieser Stelle also als Erfolg verbucht wissen.

Apropos Müll. Der ist mir in diesem Jahr erstaunlich selten vor die Linse gekommen. So richtig schlimmen, üblen Schund, meine ich. Stattdessen gab es viele Hochglanzprodukte, die bei einem genaueren Blick zwar immer noch funkelten, sich unter ihrer Oberfläche aber als erstaunlich hohl und seelenlos erwiesen haben. Es ist wohl kein Zufall, dass ich vielen meiner Highlights nicht im gigantischen Multiplex-Kino in Reihe 583 begegnet bin, sondern in kleinen gemütlichen Programmkinos. Lange Rede, kurzer Sinn: Hier also die fünf „Preisträger“:



Die Filme

Drive

Allein der Gedanke an Drive verwandelt mich in ein vor Entzückung quiekendes Etwas. Was Regisseur Nicolas Winding Refn hier geschaffen hat, kann ich ohne mit der Wimper zu zucken als einen meiner absoluten Lieblingsfilme bezeichnen. Drive ist die nahezu perfekte Symbiose aus Arthouse- und Actionkino. Großartig gefilmt und mit einem stimmigen Soundtrack unterlegt, mimt Ryan Gosling die moderne Variante des edlen Ritters. Ohne Ross und Rüstung, dafür aber mit weißer Jacke und einem 1973 Chevrolet Chevelle unter dem Hintern. Drive ist Liebe.

Shame

Ebenfalls fantastisch: Michael Fassbender als sexsüchtiger Yuppie Brandon. Es wäre ein leichtes gewesen eine derartige Thematik ins Lächerliche zu ziehen. Stattdessen ist Shame ein hartes und erbarmungsloses Psychogramm eines unter seiner eigenen Obsession leidenden Mannes. Einmal mehr mutiert Fassbender zum Schauspielgott, wenn er auf Suche nach Linderung seines Verlangens durch das nächtliche New York irrt. Ihm dabei zuzusehen schmerzt, ist bisweilen unerträglich, zugleich aber auch ein beeindruckender Beweis für die Kraft dieses Films.

Beasts of the Southern Wild

Ein Film wie ein Traum. Mit kraftvollen Bildern erzählt Regiedebütant Benh Zeitlin die Geschichte von Hushpuppy und den übrigen Bewohnern von Bathtub, einer Überschwemmungsregion in den Sümpfen Louisianas. Poesie und Gesellschaftskritik gehen hier Hand in Hand, und doch ist die komplizierte Beziehung zwischen Hushpuppy und ihrem Vater das eigentliche Zentrum des Films. Dass Benh Zeitlin auf viele Laiendarsteller zurückgegriffen hat, die noch nie vor einer Kamera standen, merkt man dem Projekt zu keiner Sekunde an. Beasts of the Southern Wild mag mitunter kalkuliert wirken, doch angesichts der ungebändigten Lebensfreude, die der Film versprüht, ist das locker zu verschmerzen.

Der Vorname

Sneak Preview lohnt sich. Andernfalls wäre ich wohl gar nicht über diese französische Komödie im Stil von Polanskis Der Gott des Gemetzels gestolpert. Das Szenario: Ein kleiner Scherz lässt ein gemütliches Abendessen zur Zerreißprobe für fünf Freunde werden. Das ist nicht nur hochgradig amüsant, sondern auch überraschend handzahm umgesetzt. Beiden Regisseuren liegen ihre Figuren am Herzen. Somit verkommt der Streit nicht zur reinsten Fremdschamparade, sondern ist letztlich „nur“ eine dringend nötige Rauferei unter Freunden.

Skyfall

Dass ich einen James Bond Film mal zu meinen Lieblingsfilmen des Jahres zählen würde, hätte ich selbst nicht geglaubt. Doch Skyfall hat sogar mich als Bond-Muffel abholen können. Und was das für eine wilde Fahrt war: Mit einem Motorrad über die Dächer Istanbuls, zu Fuß durch den Londoner Untergrund bis zum Geburtsort von 007. Skyfall ist wunderbares Blockbusterkino, das sich nicht zu schade ist, die Legende des größten Geheimagenten der Welt kritisch und augenzwinkernd zu hinterfragen.



Der Rest

Bester Soundtrack: Beasts of the Southern Wild
Größte Enttäuschung: Prometheus
Größte Überraschung: Chronicle
Bester nicht gesehener Film: 7 Psychos
Beste (Mini-)Serie: Black Mirror

2 Gedanken zu „Jahresrückblick 2012: Sehen

  1. Ich habe dieses Jahr außerhalb des jährlichen „Fantasy Filmfestes“ nicht wirklich viel im Kino gesehen. Drive kam Weihnachten hier auf DVD hereingeschneit und wird sicherlich demnächst geguckt werden.

    Aber ich möchte das, was du zu „Beasts of the Southern Wild“ geschreiben hast, noch einmal unterstreichen. Der lief auf besagtem Filmfestival und beschäftigt mich noch heute. Der Film strahlt eine Lebensfreude aus, die mich richtig mitgerissen hat. Und dass du den Soundtrack lobst, kann ich auch nachvollziehen. Den habe ich mir nach dem Film gleich geholt und er begleitet mich immer, wenn ich am Schreiben bin. Traumhaft.

    • Drive hat mich vollkommen elektrisiert aus dem Kino entlassen. Weil ich an dem Abend sowieso an nichts anderes mehr denken konnte, hatte ich mir direkt noch den Soundtrack bestellt. Kommt bei mir auch nicht all zu oft vor. Wünsche dir auf alle Fälle viel Spaß mit Drive!

      Beasts of the Southern Wild: Traumhaft, ja. Besser kann man’s wohl nicht beschreiben. Der Soundtrack steht auch noch auf meiner Einkaufsliste, immer nur auf Youtube rumklicken ist doof und wird dem Ding einfach nicht gerecht🙂

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