Jahresrückblick 2012: Hören

Ist es wirklich schon wieder soweit? Ja, tatsächlich. Ein Blick auf den Kalender macht mit sämtlichen Zweifeln kurzen Prozess. Das Jahr 2012 ist im Begriff zu enden. Natürlich ist die Welt nicht am 21.12. untergegangen. Wäre aber auch zu schön gewesen, denn dann könnte ich mir das alles jetzt sparen. Tschuldigung. Auch die schlechten Witze müssen gemacht werden. Natürlich macht das hier alles weiterhin großen Spaß, selbst wenn der Dezember eher arm an Beiträgen gewesen ist. Nichtsdestotrotz würde ich nun ganz gern zum Punkt kommen: Jahresende ist Jahresrückblickzeit! Wie schon 2011 wird das Ganze erneut in drei Akten über die Bühne gehen: Hören, Sehen, Knöpfe drücken, eben.

Und da haben wir auch schon den Salat. Denn das Musikjahr 2011 war ein durchwachsenes, nicht nur wegen Dubstep. Egal ob Werbespot, Trailer oder sonstwas: Wer was auf sich hält, macht gefälligst irgendwas mit Dubstep. Das war nicht nur ermüdend, sondern auch hochgradig nervig. Auch abseits davon hatte 2012 wenig Überraschungen zu bieten. Wirklich spannende neue Künstler musste man mit der Lupe suchen, wollte man nicht von der Masse wiedergekäuten Materials erdrückt werden. So wurde etwa der vielversprechende September mit lang erwarteten Alben von The XX und Mumford & Sons zum enttäuschendsten Monat überhaupt. Man musste man sich ehrlich fragen, weshalb beide Bands so lange für ihr zweite Platte gebraucht haben. Vielleicht war meine Erwartungshaltung zu groß, nach all der Zeit hätte ich jedoch mehr als nur eine faule Selbstkopie erwartet.

Doch genug gemeckert. Schließlich hatte das Musikjahr auch das ein oder andere Highlight zu bieten. Vorhang auf für fünf große, zwanzig kleine und „den Rest“ in loser Reihenfolge:


Die Alben

Tu Fawning – A Monument

Besser spät als nie: A Monument erschien zwar schon im Mai, fand jedoch erst im Herbst seinen Weg in meine Gehörgänge. Der Zeitpunkt hätte kaum besser sein können. Denn Tu Fawning laden mit ihrem zweiten Album zu einer atmosphärisch dichten Reise durch nebelverhangene Klangwelten ein. Hoffnungsschimmer sind hier rar gesät und entpuppen sich nicht selten als Irrlichter. Einen ganz erheblichen Reiz geht von der reichlich schrägen Instrumentierung aus. Die lässt nicht nur Genregrenzen verblassen, sondern vermag auch immer wieder aufs Neue zu überraschen. Ob Soundtrack für eine Geisterbeschwörung, Weltmusik-Puzzle oder verschrobenes Gesamtkunstwerk: A Monument ist alles und nichts davon und eben diese Ungewissheit macht diese Platte so interessant.

The Gaslight Anthem – Handwritten

Wie inkonsequent! Erst motze ich in der Einleitung über mangelnde Innovationen, und dann wähle ich im selben Atemzug die aktuelle Platte der vier Jersey-Rocker in meine Top 5. Okay, Handwritten hat es zwar ganz deutlich auf die ganz großen Bühnen dieser Welt abgesehen. Ihre Songs stricken The Gaslight Anthem aber auch 2012 nach dem bewährten Prinzip: Simpel und druckvoll müssen sie sein, zugleich aber auch hymnisch und mitreißend. All das ist Handwritten. Brian Fallon & Co. bringen erneut diese ganz bestimmte Saite in mir zum Schwingen. Warum und weshalb ist mir nach wie vor ein Rätsel. Aber es fühlt sich verdammt gut an.

Get Well Soon – The Scarlet Beast o‘ Seven Heads

Das Problem an Platten von Get Well Soon ist eigentlich ganz leicht erklärt: Sie sind viel zu ambitioniert. Was Konstantin Gropper auf einem Album unterzubringen versucht, daraus würden andere Künstler zwei oder drei Alben basteln. Es ist wie mit einem großen Kuchen, der zwar unglaublich lecker schmeckt, aber leider für fünf Personen gedacht ist, so dass man nach ein paar Bissen schon satt in der Ecke liegt. Nicht so The Scarlet Beast o‘ Seven Heads. Erstmalig kratzen Get Well Soon nur an der 60-Minuten-Marke anstatt sie zu durchbrechen. Das allein ist noch kein Qualitätsmerkmal. Doch scheint sich in die größenwahnsinnigen Kompositionen des Konstantin Gropper so etwas wie Bescheidenheit bemerkbar zu machen. Der Mittelweg zwischen Anspruch und Hörbarkeit: The Scarlet Beast o‘ Seven Head geht ihn sicheren Schrittes.

John K. Samson – Provincial

Sagte ich was von einem überraschungsarmen Jahr? Ups. Der kanadische Singer-Songwriter und Kopf der Weakerthans erwischte mich quasi aus dem Nichts. Die Weakerthans habe ich bislang immer nur am Rande wahrgenommen. Schade, denn so wäre ich schon bedeutend früher auf John K. Samson aufmerksam geworden. Es fällt mir schwer das Können dieses Mannes in Worte zu fassen. Nur soviel: Wenn nur durch ein paar simple Worte die farbenprächtigsten Gedanken im Kopf entstehen, dann muss nicht unbedingt Magie, ganz sicher aber ein unvergleichliches Talent am Werk sein. John K. Samson ist so jemand, ein Kopfkinomacher, ein Poet. Wunderbar.

Kettcar – Zwischen den Runden

Nicht die ganz große Geste, weniger verkopft, viel direkter – so oder so ähnlich lässt sich das aktuelle Album von Kettcar zusammenfassen. Dass das nicht mehr all zu viel mit Hamburger Schule zu tun hat: geschenkt. So richtig beinharte Vertreter dieser Bewegung waren Kettcar ja eh nie. Zwischen den Runden ist eine Platte für’s Herz, nicht für’s Hirn und das ist vollkommen in Ordnung. Die beiden Songschreiber Marcus Wiebusch und Reimer Bustorff konzentrieren sich auf das Wesentliche, heißt, kleine private Geschichten rund um das Leben und die Liebe. Nicht mit dem Kopf in den Wolken, sondern mit beiden Füßen fest auf dem Boden.



Die Songs

1. The Gaslight Anthem – Handwritten
2. M|O|O|N – Hydrogen
3. Kettcar – Rettung
4. Get Well Soon – Roland, I Feel You
5. Macklemore & Ryan Lewis – Can’t Hold Us
6. Nick Cave & The Bad Seeds – We No Who UR
7. Calexico – Hush
8. Kraftklub – Songs für Liam
9. John K. Samson – Heart of the Continent
10. Tu Fawning – Bones
11. Cro feat. Ahzumjot & Rockstah – Konfetti
12. Bloc Party – Team A
13. Kimbra – Cameo Lover
14. Agent Fresco – Implosions
15. Karen O#, Trent Reznor & Atticus Ross – Immigrant Song
16. O Emperor – Po
17. Jim Guthrie – Young Lungs
18. Blumentopf – Neulich in der City
19. Rhye – The Fall
20. The XX – Angels


Der Rest

Heißester Kandidat für den ZDF-Fernsehgarten: Muse – The 2nd Law
Egalstes Album: Die Ärzte – Auch
Größte Enttäuschung: Mumford & Sons – Babel
Bestes Musikvideo: Rhye – The Fall

2 Gedanken zu „Jahresrückblick 2012: Hören

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