Killing Them Softly

Es ist noch gar nicht so lange her, da verteidigte US-Präsident Barack Obama sein Amt erfolgreich gegen den Republikaner Mitt Romney. Nochmal Schwein gehabt. Der Wind of Change darf weiterhin ungestört durch die Vereinigten Staaten wehen. Ausgerechnet jetzt kommt Andrew Dominik mit seinem Film „Killing Them Softly“ um die Ecke. Hinter der Fassade eines geradlinigen Gangsterfilms rechnet der Australier mit dem amerikanischen Traum ab, enttarnt den Wind of Change als laues Lüftchen und gibt damit seinen ganz eigenen Kommentar zur Lage der Nation ab.

Es klingt wie ein narrensicherer Plan: Die beiden Kleinkriminellen Frankie (Scott McNairy) und Russell (Ben Mendelsohn) lassen sich vom Wäschereibesitzer Johnny Amato (Vincent Curatola) dazu überreden, das Pokerturnier von Markie Trattman (Ray Liotta) zu überfallen. Für reichlich Beute ist gesorgt, immerhin gehören die Teilnehmer zur örtlichen Mafia. Warum der Plan so genial ist? Weil Trattman vor Jahren schon mal sein eigenes Turnier überfallen hat und es überall erzählt hat. Ein neuer Raub würde den Verdacht also sofort auf Trattman lenken; Frankie, Russell und Amato wären hingegen fein raus. Aber natürlich läuft die Aktion nicht so reibungslos wie gedacht und schon bald sitzt den drei Kleinganoven der Mafiakiller Jackie Cogan (Brad Pitt) im Nacken.

Im Grunde ist „Killing Them Softly“ die Filmversion eines Trojanischen Pferdes. Die Inszenierung des Überfalls orientiert sich an klassischen Heist-Filmen: Alles wird genau geplant, vorbereitet und letztlich auch durchgeführt. Regisseur Andrew Dominik beweist hier absolute Stilsicherheit. Mit seiner gnadenlosen Spannungskurve gehört der Raubüberfall zu den intensivsten Szenen im gesamten Film. Doch mit jeder Minute weicht der gesellschaftskritische Subtext die Fassade des Gangsterstreifens weiter auf. Der Bauch des Pferdes öffnet sich und lässt zwar keine Griechen, dafür aber beißende Systemkritik auf die Zuschauer los.

Es geht um Geld, Geld, Geld. Angefangen beim Ein-Dollar-Trinkgeld bis hin zum 50.000-Dollar-Jackpot des Pokerturniers: Grüne Scheine sind der Antriebsmotor sämtlicher Figuren. Es ist der Grund für Frankie und Russell den amerikanischen Traum herauszufordern. Immerhin sollte mit so viel Geld der Selbstverwirklichung nichts mehr im Wege stehen, oder? Für die Mafia ist Geld hingegen das Schmiermittel, um ihre kriminelle Maschinerie am Laufen zu halten. Jedoch wird der Kreislauf durch Frankie und Russell gestört. Jackie Cogan ist der erbarmungslose Handwerker, der die Maschine wieder zum Laufen bringen soll – natürlich nicht für lau.

Es entbehrt nicht einem gewissen Zynismus, wenn Dominik das Geschehen auf der Leinwand mit realen Radio- und TV-Ansprachen von Obama und Co. kommentiert. Da postuliert zum Beispiel ein Nachrichtensprecher, dass sich das amerikanische Finanzsystem in einer Krise befände – ausgerechnet zu dem Zeitpunkt als Frankie und Russell die versammelte Gangstermannschaft um ihr Geld erleichtern. Zugegeben, nicht immer gelingt es dem Film seine kritischen Untertöne so geschickt wie in diesem Beispiel einzubauen. Oftmals pfeift er auf derartiges Feingefühl und hämmert seine Botschaft mit Gewalt in die Zuschauerköpfe: „Amerika ist kein Land, es ist nur ein Business.“ Hui.

Auf handwerklicher Ebene kann man „Killing Them Softly“ aber fast nichts vorwerfen. Das Bild ist so schmutzig und abgewrackt wie das industrielle Ödland, in dem der Film spielt. Statt Glück liegt hier nur der amerikanische Traum wimmernd auf der Straße. Gleiches gilt für Figuren: Gebrochene, lethargische Gestalten. Jackies Kollege Mickey (James Gandolfini), einst gefürchteter Profikiller, gibt sich heute nur noch Prostituierten und Alkohol hin. Frankies Partner Russell flüchtet sich dagegen in einen Heroinrausch nach dem anderen.

Wie bereits angedeutet ist „Killing Them Softly“ kein einfacher Gangster- geschweige denn Mainstreamfilm. Actionszenen sind spärlich gesät, überraschen aber mit schmerzhafter Härte und sind toll gefilmt. Ein Großteil der Zeit wird stattdessen in lange Dialoge investiert. Wunderbare, geschliffene, pointierte Dialoge. Gerne nur aus Schimpfwörtern bestehend und sehr oft auch komplett unwichtig für die Handlung. Trotzdem geben sie dem durchweg hervorragenden Ensemble genügend Raum zum Glänzen.

Dennoch: Wer nach dem Trailer – und das wäre gar nicht so verwunderlich – einen flotten Streifen für zwischendurch erwartet hat, wird vermutlich enttäuscht werden. Denn die simple Glücksritter-flüchten-vor-Killer-Geschichte gibt nicht genug her, um über die gesamte Filmlänge zu unterhalten. So schleichen sich trotz kompakter 97 Minuten Laufzeit so einige Längen ein.

„Killing Them Softly“ ist ein übellauniges, zynisches Biest. Zwar ist die Gangstergeschichte tadellos in Szene gesetzt, dient aber viel zu offensichtlich nur als Vehikel für Andrew Dominiks USA-Kritik. Die wiederum hat ihre ganz eigenen Probleme: Oft verhält sie sich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, ist plump und plakativ. Letztlich kann keine der beiden Erzählebenen vollständig überzeugen. Trotz guter Ansätze stehen sie sich in vielerlei Punkten gegenseitig im Weg. „Killing Them Softly“ ist deswegen kein schlechter Film. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt. Ansonsten geht es einem wie dem Brad-Pitt-Fanclub neben mir, der schon nach einer halben Stunde selig geschlummert hat.

Laufzeit: 97 Minuten
Regie: Andrew Dominik
Drehbuch: Andrew Dominik
Darsteller: Brad Pitt, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, James Gandolfini u.a.

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