Skyfall

Wenn Adele vom Ende der Welt, von Händchen halten und gemeinsam stark sein singt, dann ist das nichts besonderes und sogar ein bisschen kitschig. Flimmert dazu aber das Intro von „Skyfall“ über die Leinwand, dann ergibt das dreieinhalb Minuten pure Kinomagie. Nicht nur, dass es hervorragend auf die folgenden zwei Stunden einstimmt, nein, es schlägt mit seinem betont klassischen Flair auch eine Brücke zu früheren Filmen des britischen Geheimagenten. Überhaupt lässt sich „Skyfall“ wohl am ehesten als Verquickung des traditionellen und modernen Bonds verstehen. Der 23. Film wagt eine Bestandsaufnahme nach 50 Jahren 007, Aston Martin, Bond-Girls und geschütteltem Martini.

Nachdem die Serie mit Pierce Brosnan in der Rolle des Geheimagenten zuletzt immer absurder wurde, wagte man mit „Casino Royale“ 2005 eine radikale Neuausrichtung und machte damit auch Zugeständnisse an das moderne Heldenbild: Martinis schlürfen, reihenweise Frauen flachlegen und die Pläne des Superschurken im Handumdrehen durchkreuzen ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Es braucht Helden mit Rissen in der sonst so makellosen Fassade. Dieser Traditionsbruch wurde mit Daniel Craig in der Hauptrolle besiegelt: James Bond als blonder, kerniger Rohling. Einer, der sich in einer Schlägerei schon mal eine blutige Nase holt und dessen impulsive Ader im krassen Gegensatz zum Gentleman der früheren Filme steht.

Diese Entwicklung setzte sich im nachfolgenden „Ein Quantum Trost“ konsequent fort. Zu konsequent. Denn ein James Bond auf seinem persönlichen Rachefeldzug mag auf dem Papier nach einer frischen Idee klingen, ist auf der Leinwand aber lediglich eine seelenlose Kopie von Jason Bourne. Schön also, dass die Action in „Skyfall“ wieder in wohldosierten Schüben serviert wird. Dafür dürfte vor allem Regisseur Sam Mendes (American Beauty, Jarhead) verantwortlich sein. Ihm und den Drehbuchschreibern ist es wohl ebenfalls zu verdanken, dass den Figuren im aktuellen 007-Abenteuer wieder deutlich mehr Platz eingeräumt wird.

Im Kern geht es um die ambivalente Beziehung zwischen 007 und seiner Vorgesetzten M (Judi Dench). Letztere gerät gleich zu Beginn in die Bredouille, als eine Festplatte mit den verschlüsselten Identitäten sämtlicher NATO-Geheimagenten in die Hände mutmaßlicher Terroristen fällt. Wie für einen Agentenfilm üblich ist das aber nur die halbe Wahrheit. Tatsächlich vergeht eine gute Stunde voller Bombenanschläge, Erpressungen und Intrigen, ehe Bonds Gegenspieler die Bühne betritt: Vorhang auf für Raoul Silva (Javier Bardem).

Dass Bardem ein außerordentlicher Charakterdarsteller ist, hat er in seinen vergangenen Filmen ein ums andere Mal bewiesen. In der Rolle des hochintelligenten Cyber-Terroristen, der bisweilen an Heath Ledgers Joker erinnert, spielt er sich jedoch mühelos in die vorderen Reihen der besten Bond-Bösewichte überhaupt. Wie Craigs Bond vereint auch Raoul Silva Tradition und Moderne in sich. Sein Hauptquartier auf einer verlassenen Insel erinnert an die Geheimbasen früherer krimineller Genies. Zugleich trachtet er aber nicht nach der Weltherrschaft, sondern will lediglich Rache an M nehmen, egal um welchen Preis.

Es sagt viel über Daniel Craig aus, dass er sich von so jemandem wie Javier Bardem nicht die Show stehlen lässt, wie es beispielsweise bei Christian Bale in The Dark Knight passiert ist. In seinem dritten Bondfilm verkörpert er die Rolle des Geheimagenten besser als je zuvor. Wenngleich seine Interpretation der Figur in Casino Royale schon beeindruckend war, scheint er erst jetzt, mit „Skyfall“, so richtig aus den Vollen zu schöpfen. Einerseits wieder rau und mit tödlicher Konsequenz, andererseits aber auch ebenso charmant wie frühere Inkarnationen des Spions. Vertraglich ist Daniel Craig noch für zwei weitere Bondfilme verpflichtet. Angesichts seiner Leistung in „Skyfall“ ist Vorfreude also durchaus angebracht.

Die Kombination aus alt und neu, modern und traditionell zieht sich als auffälliges Motiv durch die 143 Filmminuten. Unzählige Anspielungen auf frühere Filme hat Sam Mendes in „Skyfall“ versteckt. Wiedersehen mit Charakteren wie Q (grandios: Ben Whishaw) und Miss Moneypenny gehören da noch zu den offensichtlicheren Querverweisen. Wesentlich interessanter ist jedoch die Schablone, durch die der Regisseur das gesamte Bond-Universum betrachtet: Geheimdienste und Spione sind in einer modernen, vollständig vernetzten Welt komplett überflüssig geworden, heißt es da in einer Szene. Q entgegnet Bond auf seine Frage nach explodierenden Stiften, dass so etwas vom MI-6 schon lange nicht mehr verwendet wird und der Außendienst sei sowieso nur etwas für übereifrige Jungspunde. Bond ist so alt und überholt wie das System, welches er repräsentiert; ein Relikt des Kalten Krieges eben. Daraus entwickelt Sam Mendes eine regelrechte Phoenix-aus-der-Asche-Parabel, ähnlich dem Aufstieg des gebrochenen Helden, den uns Christopher Nolan mit seinem diesjährigen Abschluss seiner Batman-Trilogie vorgeführt hat.

Ganz und gar nicht antik ist hingegen die Inszenierung: Mendes gelingt eine nahezu perfekte Mischung zwischen temporeichen, brachialen Actionsequenzen und ruhigen Passagen, die den Figuren reichlich Raum zur Entwicklung lassen. Obwohl die eigentliche Geschichte einige Anlaufschwierigkeiten überwinden muss und zum Ende hin überhastet wirkt, entschädigen die reinen Schauwerte von „Skyfall“ für so manchen Patzer in der Dramaturgie. Unglaublich stimmige Set Pieces wie das komplett verglaste und stoßweise von Leuchtreklamen erhellte Obergeschoss eines Shanghaier Hochhauses wechseln sich mit einem verschwenderisch ausgestatteten Casino in Macao oder einer „Geisterinsel“ inmitten des Chinesischen Meeres ab. Dennoch beschränkt sich „Skyfall“ nicht auf den asiatischen Raum, sondern macht auch Abstecher nach Istanbul, den Londoner Untergrund oder die schottische Einöde. Nach wie vor ein echter Globetrotter dieser Bond.

Von Ermüdungserscheinungen kann nach 50 Leinwandjahren keine Rede sein: „Skyfall“ erweist sich als nahezu perfekte Mischung aus traditionellen Bond-Charakteristika und modernstem Actionkino. Mühelos entzaubert Regisseur Sam Mendes die Kultfigur 007 und gewinnt ihr damit neue, interessante Facetten ab. Ob geschüttelte Martinis oder Aston Martin: Der 23. Bond ist sich seiner Wurzeln bewusst, klammert sich aber nicht zu sehr daran und bietet damit reichlich Angriffsfläche für kritisch-humorvolle Blicke auf die eigene Vita. „Skyfall“ ist nicht nur der beste Craig-Bondfilm, sondern auch einer der besten Actionfilme des Jahres.

Laufzeit: 143 Minuten
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: John Logan, Neal Purvis, Robert Wade
Darsteller: Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem, Ben Whishaw u.a.

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