Kleckern statt klotzen

Zu Beginn ist alles weiß. Keine Erklärungen oder Hinweise, einfach nur unendliches Weiß. Dann beginnt man Tasten durchzuprobieren und vollführt möglicherweise einen Sprung. Zumindest glaubt man das, denn lediglich die Geräusche deuten darauf hin. Wegen fehlender Bezugspunkte inmitten dieser Leere ist die Bewegung an sich aber gar nicht spürbar. Man probiert weiter und wirft beim nächsten Tastendruck einen schwarzen Farbball in den Raum. Mit einem befriedigenden Geräusch zerplatzt die Kugel an einer nahen Wand und verteilt ihren Inhalt in sämtliche Richtungen. Plötzlich begreift man das geniale Prinzip von The Unfinished Swan: Alle Objekte, Wände und Bewohner sind schon da, müssen aber mit schwarzer Farbe sichtbar gemacht werden. Von Leere kann also gar nicht die Rede sein.

Schritt für Schritt tastet man sich weiter voran, wie in einem dunklen Keller, nur dass hier das Farbspektrum umgekehrt wurde. Die schwarze Farbe ist Taschenlampe und Tastsinn zugleich. Erst wenn der Weg dank der Kleckse zu sehen ist, bewegt man sich auf ihm weiter. Ein Game Over gibt es zwar nicht, eine gewisse Vorsicht ist bei derartiger Orientierungslosigkeit jedoch vorprogrammiert. Und so wirft man vor jedem weiteren Schritt einige Farbkugeln in die Umgebung und macht damit Seen, Schilf, Brücken, Treppen und Statuen sichtbar. Die Idee hinter The Unfinished Swan ist absolut einzigartig und gerade deshalb auch so hochgradig faszinierend. Leider untergräbt sie sich viel zu schnell selbst.

Denn bereits nach einer guten halben Stunde schleichen sich Schattierungen in die bislang weiße Umgebung. Von nun an gibt sich die Welt auch ohne die Schmierereien des Spielers zu erkennen. Die Entwickler von Giant Sparrow wollen mit The Unfinished Swan nicht nur ein überdimensionales Tintenklecksbild abliefern, sondern gleich mehrere Herangehensweisen anbieten. Alle drehen sich um die unkonventionelle Erschließung von Wegen in Spielen und sind zugleich eine Metapher für künstlerische Schöpfungskraft: Im weiteren Verlauf wirft man mit Wasserbomben und lässt damit Ranken an Wänden und Türmen entlangwachsen, die Welt wird quasi mit grünen Pinselstrichen „ausgemalt“. Noch ein paar Abschnitte später müssen dunkle Wälder mit Lichtquellen ausgeleuchtet werden, bevor man dann sogar selbst Formen in der Welt entstehen lassen darf.

Zusammengehalten werden die insgesamt vier Kapitel von einer märchenhaften Geschichte um den Waisenjungen Monroe und den Herrscher dieses verwunschenen Königreichs. Obwohl charmant und mit einer Prise Humor erzählt, bleibt die Geschichte aber eher leichte Kost. Emotionaler Tiefgang vom Kaliber eines Papo & Yo ist hier nicht zu erwarten. Viel mehr erinnert die Erzählung in Form und Struktur an ein Kinderbuch und passt somit gut zum ohnehin sehr sorglosen Grundton des Spiels.

Der größte Vorwurf, den man The Unfinished Swan machen kann, ist der erzwungen wirkende Abwechslungsreichtum. Zu schnell rückt das Spiel von seiner fantastischen Grundidee um die schwarzen Farbkleckse ab. Zwar lässt sich den anderen Kapiteln ihr spielerischer Wert nicht absprechen und auch im Kontext der Geschichte mögen sie nicht ganz unwichtig sein. Die Faszination der ersten Minuten bleibt aber für den Rest des Spiels unerreicht. Weil Monroe nach etwa zwei bis drei Stunden auch schon am Ziel seiner Reise ankommt, hätte es so eine Abwechslung vielleicht gar nicht gebraucht. Das eingangs präsentierte Prinzip, eine weiße Welt mit schwarzer Farbe stückweise zu entdecken, hätte locker das gesamte Spiel tragen können.

The Unfinished Swan bleibt aber trotz der Kritikpunkte ein empfehlenswertes Spiel. Denn auch wenn es sich viel zu früh selbst torpediert, bleiben die ersten Minuten in dieser Welt unvergesslich. Allein der Mut zu solch einem originellen Spielprinzip verdient Respekt und rechtfertigt den Kaufpreis. The Unfinished Swan nimmt damit seinen Platz zwischen ähnlich unkonventionellen und hervorragenden Spielen wie Journey oder Papo & Yo ein. Zwar bleibt der unfertige Schwan in dieser Gesellschaft nur das Schlusslicht, eine Schande ist das aber absolut nicht.

Entwickler: Giant Sparrow
Plattform: Playstation 3 (PSN)
Erscheinungsjahr: 2012

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