Du hast es versprochen

Die deutsche Filmlandschaft gleicht einer geschniegelten Schrebergartensiedlung. Sämtliche Hecken sind penibel gestutzt, Rasenflächen werden umgehend gemäht, sobald das Grün über die magische Grenze von 2,863 Zentimetern hinauswächst. Es ist eine ruhige Gegend. In seinem Garten züchtet der alte Til Keinohrhasen und Zweiohrküken, die fröhlich poppend Kokowähs und andere Absonderlichkeiten zur Welt bringen. Macht nichts, die Tiere erzielen auf dem Markt immerhin exzellente Preise. Wenn dann der verträumte Katzenrubbler Matthias am Wochenende zur harmlosen Russendisko in seine Laube lädt, ist das schon unter „wild“ zu verbuchen. Damit hier auch in Zukunft eitel Sonnenschein herrscht, sind Fremdlinge und Außenseiter gar nicht erst erwünscht. Alexandra Schmidt klopft trotzdem mal an die Pforten der Siedlung.

Denn ihr Film „Du hast es versprochen“ ist weder Drama noch Romantikkomödie, sondern ein schauriger Mystery-Thriller und passt damit so gar nicht in das einheitliche Bild deutscher Kinoproduktionen. Nachdem sich die beiden Freundinnen Hanna (Mina Tander) und Clarissa (Laura de Boer) seit ihrer Kindheit aus den Augen verloren haben, treffen sie Jahre später wieder aufeinander. Um die verlorene Zeit nachzuholen, beschließen die beiden ein paar Tage auf jener Insel zu verbringen, die schon zu Kindertagen als gemeinsamer Ferienort gedient hat. Selbstverständlich läuft der Urlaub aber nicht so idyllisch ab, wie es sich die zwei Frauen gewünscht hätten: Bereits nach kurzer Zeit beginnt Hanna ein geisterhaftes Mädchen zu sehen, welches sie nicht nur an ihrem Verstand zweifeln lässt, sondern auch längst vergessene Erinnerungen an die womöglich gar nicht so unbeschwerte Kindheit weckt.

Alexandra Schmidt gelingt es mit „Du hast es versprochen“ einen waschechten Genrefilm auf die Beine zu stellen. Das hat jedoch auch seinen Preis. Denn das ambitionierte Projekt arbeitet gängige Horrorklischees wie auf einer To-Do-Liste ab: Natürlich ist die Insel von der Außenwelt abgeschnitten. Natürlich sind die Dorfbewohner allesamt zwielichtige Gestalten und Fremden gegenüber verschlossen. Natürlich sind gespenstische Kinderstimmen im Wind zu hören. Das obligatorische Geistermädchen darf da ebenso wenig fehlen wie die verspukte Ruine im Wald und Botschaften aus dem Jenseits. Selbst der kryptische Warnungen aussprechende Einsiedler ist mit an Bord.

Für sich genommen ergibt das alles natürlich noch keinen schlechten Film. Was die ästethische Gestaltung der einzelnen Versatzstücke angeht, beweist Alexandra Schmidt nämlich ein gutes Händchen. Die Natur auf der Insel wirkt dank Nebelschwaden oder wahlweise totaler Finsternis angenehm bedrohlich. Und auch das in schmuddeligem Grau in Grau gehaltene Dörfchen lädt nicht unbedingt zum Verweilen ein, schon gar nicht mit so einer unheimlichen, von Katharina Thalbach gespielten Fischverkäuferin. Trotz dem verschwenderischen Einsatz von Klischees, lässt sich eine schaurige Grundstimmung also nicht von der Hand weisen.

Schade ist hingegen, dass der Film ab da stagniert. Zu sehr verlässt er sich auf plumpe Schockmomente der Marke „Rasanter Schnitt und/oder lautes Geräusch“. Auch mangelt es den Figuren an Tiefe und Nachvollziehbarkeit. Wenn das Ferienhaus trotz seines sichtlich heruntergekommenen Zustandes und Probleme mit der Innenbeleuchtung (klar, es muss ja schaurig wirken) von den Frauen als perfektes Urlaubsdomizil empfunden wird, ist das schlichtweg albern. Dafür kann die Story aber trotz etwas Verwirrung im Mittelteil mit einer straffen Dramaturgie und einer überraschend bösartigen Schlusspointe aufwarten.

„Du hast es versprochen“ ist in erster Linie ein gewagtes Projekt. Horrorkino aus Deutschland bekommt man wirklich nicht oft zu sehen. Leider erschöpft sich damit auch schon die Originalität des Films. Anstatt tausendmal gesehene Ideen wiederzukäuen, hätten ein paar eigene sicher nicht geschadet. So bleibt „Du hast es versprochen“ trotz guter Atmosphäre ein stinknormaler Genrefilm, frei von jeglichen Überraschungen oder gar denkwürdigen Momenten.

Laufzeit: 102 Minuten
Regie: Alexandra Schmidt
Drehbuch: Alexandra Schmidt, Valentin Mereutza
Darsteller: Mina Tander, Laura de Boer, Katharina Thalbach, Max Riemelt u.a.
Kinostart: 20. Dezember 2012

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