Hello Dark Souls, my old friend…

Kaputt. Fertig. Aus und vorbei. Die Anspannung der letzten zehn Minuten weicht aus jeder Faser meines Körpers und lässt nur dieses altbekannte, tiefe Gefühl der Befriedigung zurück. Kein frenetischer Jubel, kein Freudentanz oder Urschrei, der die Nachbarn 110 wählen lässt. Lediglich ein tiefes Durchatmen und zufriedenes Lächeln bevor der Controller zur Seite gelegt wird. Vierzig Anläufe waren nötig, ehe Manus im Dreck liegen durfte. Der Weg dorthin war wie immer steinig. Bei unserer ersten Begegnung musste ich noch sämtliche Heiltränke köpfen, um überhaupt einen Treffer zu landen, im finalen Anlauf waren lediglich vier nötig. Ehemals undurchschaubare Attacken wurden mit der Zeit zu klar erkennbaren Angriffsmustern, die mit jedem neuen Versuch mehr in Fleisch und Blut übergingen. Der Kampf gegen Manus zeigt in aller Deutlichkeit, dass die stärksten Waffen hier immer noch Konzentration und Ausdauer sind. Und obwohl Manus ganz sicher der härteste Brocken im Dark Souls DLC „Artorias of the Abyss“ ist, ist er nur einer von vielen Höhepunkten. Aber der Reihe nach.

Die Vorfreude auf den Zusatzcontent war enorm. Wahrscheinlich habe ich dem DLC so sehr entgegengefiebert wie dem Release von Dark Souls im Oktober letzten Jahres. Verrückt. Ist immerhin bloß ein DLC. Aber eben auch einer für das vielleicht beste Spiel der aktuellen Konsolengeneration. Eines, dem ich in dreistelliger Stundenzahl so gut wie jedes Geheimnis entlocken konnte, das ich mittlerweile in- und auswendig kenne und beherrsche. Woche für Woche habe ich nach meinem ersten Durchgang mit PvP zugebracht, mir später (natürlich) die Platintrophäe erspielt und eine Handvoll weiterer Charaktere geplant und in Rekordzeiten durch die Welt von Lordran gepeitscht. Man könnte auch sagen: Dark Souls + Ich = Liebe.

Neben Vorfreude war da aber auch Angst. Die Befürchtung, der neue Content könnte mich dank meiner umfassenden Erfahrungen mit Dark Souls unterfordern, wurde in den Tagen vor Release immer größer. Mit meinem Hauptcharakter habe ich in den vergangenen Monaten so unglaublich viele Duelle gegen andere Spieler bestritten, dass wir förmlich miteinander verwachsen sind. Ich weiß wie schnell er ausweichen kann, wie gut sein Schild blockt und was für verheerenden Schaden er in kürzester Zeit anrichten kann. So jemand soll also in ernsthafte Schwierigkeiten kommen? Lachhaft. Meine Ängste, die neuen Gebiete könnten für mich zu einem Kindergeburtstag verkommen, waren also nicht völlig unbegründet.

Doch schon beim ersten Boss, einem blitzeschleudernden Manticor, setzte die Erleichterung ein: Länger als eine Minute kann es nicht gedauert haben, ehe mein ach so unbezwingbarer Held das Zeitliche segnete. Der erwartete 5-Sekunden-Sieg blieb aus. Und ab da war klar: Es wird eben kein Durchmarsch. All die im Hauptspiel gesammelten Erfahrungen sind rein gar nichts wert. Das hier ist Neuland, das Stück für Stück erobert werden möchte. Ein paar Anläufe hat es schlussendlich doch gebraucht, ehe der Manticor besiegt war. Manchmal ist es eben besser Aggressivität mit Aggressivität zu kontern und sich nicht nur die ganze Zeit hinter einem Schild zu verkriechen.

Anschließend der erste kleine Wow-Moment: Das Royal Woods genannte Gebiet ist eigentlich Darkroot Garden. Nur eben ein paar hundert Jahre in der Vergangenheit. Richtig: Der DLC verbindet die neuen Gebiete per Zeitreise mit der übrigen Spielwelt. Da verwundert es kaum, dass hier die schon aus dem Hauptspiel bekannten Baumwesen und Steinriesen im Halbschatten der Wälder lauern. Mit dem Unterschied, dass sie wesentlich jünger, vielleicht auch etwas unbesorgter als ihre Geschwister in der Gegenwart wirken, lange bevor Lordran so richtig den Bach runterging. Nachdem sich die Welt also etwas mehr öffnet, setzt auch sofort wieder der Entdeckertrieb ein. Hier eine Leiche plündern, da einen rätselhaften Gegenstand finden, dort einen versteckten Pfad erspähen. Und natürlich auch wieder: Auf dem Zahnfleisch kriechend eine Abkürzung finden, die künftige Wege durch die Baumreihen dramatisch verkürzen wird.

Ist auch dringend nötig. Hinter der nächsten weißen Nebelwand wartet nämlich niemand geringeres als Knight Artorias himself. Ich wusste vorab fast nichts über den DLC und hätte anhand des Titels erwartet, Artorias erst ganz am Ende zu begegnen. Weit gefehlt. Besser geht’s nicht. Gänsehaut. Pure Gänsehaut. Nicht aus Angst, nein, aus Ehrfurcht. Vor mir steht nicht irgendein x-beliebiger Boss. Das ist verdammt nochmal Artorias the Abysswalker, der mir da gerade ans Leder will. Dieser legendäre Ritter, dessen fragmentierte Geschichte ich im Hauptspiel so verschlungen habe. Dessen Schild und Großschwert ich in Anor Londo geschmiedet habe. An seinem Grab habe ich gegen seinen treuen Wolf Sif gekämpft, der nach all den Jahren immer noch über die letzte Ruhestätte seines toten Herren wachte. Ich wandelte auf Artorias‘ Spuren und folgte ihm in die Ruinen von New Londo, um genau wie er in den Abyss hinabzusteigen und gegen die Four Kings anzutreten. Jetzt steht er vor mir und hat trotz Korrumpierung durch den Abyss noch immer etwas edles, gar heldenhaftes an sich. Die folgende Auseinandersetzung ist einer der wenigen Bosskämpfe in Dark Souls, der an ein klassisches Duell zweier ebenbürtiger Gegner erinnert. Es passt wie die Faust aufs Auge. Artorias‘ Kampfstil ist schnell, unerbittlich und gleichzeitig elegant. Selbst in den zahlreichen Niederlagen fühle ich mich geehrt gegen so einen Gegner verloren zu haben. Es ist einfach zu episch und für mich wohl der großartigste Bosskampf in ganz Dark Souls. Erst nach zwei Dutzend Versuchen ist es überstanden. Der Fluch über Artorias ist gebrochen, seine Ehre wiederhergestellt. Gutes Gefühl. Großartiges Gefühl!

Kann es danach noch besser werden? Nein, zumindest nicht auf diesem ganz besonderen Niveau. Und dabei warten noch zwei weitere Gebiete. Die Stadt Oolacile zum Beispiel, von deren Schicksal man im Hauptspiel nur am Rande mitbekommen hat. Verwinkelte Gassen, schmale Pfade, geheime Durchgänge. Dazu gemeine Schwarzmagier und Hinterhalte. Ist aber alles nur eine Durchgangsstation, ehe es in Richtung Abyss, unter den Katakomben der Stadt, geht. Hier wird es dann so richtig finster. Fiese Erinnerungen an das Tomb of Giants kommen hoch. Im Endeffekt ist es aber nur halb so schlimm. Die nächste Nebelwand ist schnell erreicht. Manus, Father of the Abyss begrüßt mich kurz und heftig und schickt mich auch gleich wieder zum letzten Leuchtfeuer zurück. Dann also nochmal zurück zu Artorias‘ Arena und den Weg nach unten ins Tal eingeschlagen. Dort angekommen werde ich erneut kurz und heftig von einem schwarzen Drachen begrüßt. Nächste Station: Leuchtfeuer. Man lässt mir also die Wahl, ob ich mich in 30 Sekunden von einem Drachen gut durchbraten oder in noch kürzerer Zeit von Manus zerstampfen lassen möchte. Meine Wahl fällt auf den Drachen. Auch da gilt es wieder einiges an Lernzeit zu investieren, ehe das Vieh endlich das Zeitliche segnet. Auf die Möglichkeit seinen Schwanz vom restlichen Körper zu trennen habe ich dann aber verzichtet. Man soll sein Glück nicht zu sehr strapazieren. Was darauf folgt, findet sich im ersten Absatz dieses Artikels.

Ein Blick auf die Spielzeit verrät, dass ich gute 14 Stunden in den neuen Gebieten verbracht habe. 14 Stunden. Bitte mal auf der Zunge zergehen lassen. Wir reden immerhin von einem DLC. Mir ist natürlich bewusst, dass man den Content wohl auch in drei bis vier Stunden durchspielen könnte. Aber das ist eben Dark Souls. Gescheiterte Versuche an Bossen sind hier keine tote oder gestreckte Spielzeit, sondern wertvolle Lektionen. Und von solchen gab’s mal wieder eine ganze Menge. Exakt 101 Tode konnte ich auf meiner Strichliste verzeichnen. Das entspricht etwa einem Viertel aller Tode, die ich in meinem ersten Durchgang mit Dark Souls erleiden musste.

Schön war’s. Vor allem weil ich mich wieder ganz klein fühlen durfte. Weil der Tod wieder hinter jeder Ecke lauerte. Weil ich Charaktere treffen durfte, von denen ich nie geglaubt hätte, sie jemals zu Gesicht zu bekommen. Wäre Dark Souls nicht erst ein Jahr alt, könnte man glatt von Nostalgie sprechen. Grundsätzlich beneide ich jeden, der Dark Souls noch nicht gespielt hat und völlig unerfahren an das Spiel herangehen, es erkunden und meistern kann. Das ursprüngliche Spiel ist längst zu einem Spaziergang für mich geworden. Aber „Artorias of the Abyss“ war nicht nur eine Zeitreise im Spiel, sondern auch eine für mich selbst. Wieder zurück in die Anfangstage, als noch ein mysteriöse Schleier über allem lag, als es noch Geheimnisse und Geschichten zu entdecken gab. All das bietet der DLC und ein größeres Lob kann man ihm wohl gar nicht aussprechen. Kaputt. Fertig. Aus und vorbei. Ich bin dankbar und glücklich.

4 Gedanken zu „Hello Dark Souls, my old friend…

  1. Hui, da trieft ja aus jeder Zeile größte Begeisterung! Ich habe es (noch?) nicht gespielt…und sagen wir mal, nicht jeden Tag ist die Frustrationsgrenze gleich groß und Wiederholungen nerven mich an sich recht schnell…kommt man dann trotzdem mit dem Spiel klar? 500 Tode insgesamt?! Wie oft musstest du denn die Abschnitte neu spielen?! Dark Souks klingt so knallhart nach Arbeit!!!

    • Man muss sich natürlich darauf einlassen, dass einem in Dark Souls nichts geschenkt wird, ganz im Gegensatz zu manch anderen zeitgenössischen Titeln. Insofern kann es schon in Arbeit ausarten. Aber eben auch sehr spaßige Arbeit. 500 Tode klingen im ersten Moment nach sehr viel, aber ich behaupte mal, dass locker die Hälfte davon durch Selbstüberschätzung à la „Jaja, kenn ich schon, renn ich halt schnell durch“ zustande gekommen sind. Da die Ursachen fürs Ableben immer klar sind, wird es in meinen Augen auch nie unfair, sondern spornt eher dazu an noch konzentrierter an die Sache ranzugehen.

      Wer Dark Souls den nötigen Respekt entgegenbringt, der wird auch vom Spiel respektvoll behandelt.🙂

      • Ein schöner letzter Satz im Kommentar von dir!😉 Nun gut, wenn der hohe Schwierigkeitsgrad nicht aufgesetzt wirkt, dann kann das ja eine feine Sache sein, wie bei XCOM ja auch. Ich setzte es mal auf die Liste und bin gespannt!🙂

  2. Pingback: Jahresrückblick 2012: Knöpfe drücken | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

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