Hotline Miami

In Drive gibt es diese eine Szene, in der sich Ryan Gosling eine Gummimaske überzieht und vor dem Restaurant eines Gangsterbosses aufkreuzt. Drinnen tobt eine Party und keinem der Gäste fällt der maskierte Typ auf, der durch ein kleines Fenster den Innenraum beobachtet. Als Zuschauer macht man sich bereits auf das Schlimmste gefasst. Immerhin hat Ryan Gosling kurz zuvor einem Mafiosi die Hand mit einem Hammer zertrümmert und einen anderen im Fahrtstuhl brutal zu Tode getreten. Anstatt nun aber das Restaurant in ein Schlachthaus zu verwandeln, steigt Gosling wieder in seinen Wagen.

Was in Drive gerade nochmal gut ging, verkehrt sich im Indie-Game Hotline Miami ins Gegenteil. Dort tritt der Protagonist dem ersten Gegner die Tür ins Gesicht, schnappt sich dessen Schrotflinte, um damit zwei weitere Feinde zu durchlöchern und schlägt dem ersten Mafiosi dann noch den Schädel mit einer Eisenstange zu Brei. Hotline Miami ist deutlich von Drive und der eingangs geschilderten Szene inspiriert. Jeder der fast 20 Abschnitte ist nach demselben Prinzip aufgebaut: Ein Typ mit Tiermaske muss in ein Apartmentgebäude eindringen und es als einziger Überlebender wieder verlassen.

Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Immerhin genügt wie bei den Gegnern ein Treffer, um den Tod der Spielfigur und damit den Neustart des Levels herbeizuführen. Dank dieses sehr einfachen Regelwerks wird Hotline Miami zu einer hochspannenden Trial & Error Erfahrung. Wie und womit das Level von Gegnern befreit wird, liegt in der Hand des Spielers. So gut wie alles, was im Level herumliegt, kann dafür benutzt werden. Das Arsenal reicht von Bohrmaschinen und Scheren über Vorschlaghämmer und Katanas bis hin zu Maschinengewehren und schallgedämpften Pistolen.

Angesichts der schieren Masse an Mordinstrumenten überrascht die schonungslose Gewaltdarstellung kaum. Schädel werden eingetreten, Kehlen aufgeschlitzt, Beine mit Schrotmunition amputiert oder Oberkörper mit Macheten zerfetzt. Wer glaubt, Gewaltdarstellung könne nur in HD-Optik verstörend wirken, wird mit Hotline Miami eines besseres belehrt. Bizarrweise fällt die extreme Brutalität aber gar nicht so sehr ins Auge, wie man es vermuten könnte. Denn Hotline Miami ist nicht nur ultrabrutal und ultraschwer, sondern auch ultraschnell. So schnell, dass im Eifer des Gefechts gar keine Zeit bleibt, um sich an der roten Soße zu ergötzen.

Durchschnittlich dauert es nur ein, zwei Sekunden um einen Raum von Gegnern zu säubern. Oder man stirbt selbst bei dem Vorhaben. In diesem Fall genügt ein Tastendruck und ein halber Lidschlag um einen neuen Versuch zu starten. Allgemein ist es hilfreich, sich vorab eine grobe Vorgehensweise zurechtzulegen. Welcher Gegner wird zuerst ausgeknockt? Was für Waffen liegen im Raum herum? Kann der Krach eventuell weitere Feinde anlocken? Den perfekten Plan gibt es in Hotline Miami nicht. Denn das Spiel liebt es mit Messern und Brechstangen auf sogenannte Pläne loszugehen und sie bis zur Unkenntlichkeit zu verstümmeln. Ständig kann etwas dazwischen kommen: Die Tür geht in die falsche Richtung auf oder ein Gegner hat statt einem Messer plötzlich eine Pumpgun in der Hand. Überhaupt gilt: Eine Strategie ist gut, geschärfte Instinkte sind meistens besser.

Mit seinem filmischen Vorbild teilt sich Hotline Miami nicht nur Gewaltdarstellung und Neo-Noir-Stil, sondern es ist auch eine ähnliche Rauscherfahrung. Nie steht das Bild komplett still, es torkelt und wankt, während sich der neonfarbene Hintergrund in die Netzhaut fräst. Der schlichtweg fantastische Synthie-Soundtrack erledigt dann den Rest und spornt mit seinen treibenden Klängen zu immer neuen Gräueltaten in dieser bunten Neonwelt an. Unterfüttert wird diese Grenzerfahrung mit einer verdrehten, düsteren Geschichte, in der der Anti-Held in dreckigen Hinterzimmern von anderen Tierkopfmaskenträgern verhört wird, Mordaufträge über seinen Anrufbeantworter erhält und sich nach einer abgeschlossenen Mission auch schon mal übergibt.

Hotline Miami ist wie ein Drink, über dessen genaue Zutaten nur der Barkeeper bescheid weiß. Zwar mag man hier eine Prise Super Meat Boy herausschmecken und da eine Schicht Grand Theft Auto erkennen, warum die Mischung aber letztlich so verdammt lecker ist, bleibt geheimnisvoll. Nur eines scheint am Ende des Glases wirklich sicher zu sein: Der wummernde Schädel, die weichen Beine und der Kreislauf, der nach einer Pause schreit. Und dennoch ertappt man sich dabei, wie sehr man sich nach dem nächsten Glas dieses Teufelszeugs sehnt.

Entwickler: Dennaton Games
Plattform: PC, Mac
Erscheinungsjahr: 2012

Ein Gedanke zu „Hotline Miami

  1. Pingback: Jahresrückblick 2012: Knöpfe drücken | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s