52 Games #38: Krieg

Die Stimmung könnte bedrückender kaum sein. Es ist tiefster Winter an der Ostfront. Oder Westfront. Aber spielt der Ort überhaupt eine Rolle? Vermutlich nicht. Mühsam schleppt sich meine Spielfigur durch die verschneite Landschaft, ihre Arme eng um die Brust geschlungen. Um mich herum sind die Körper gefallener Soldaten in grauenhaften Posen erstarrt. Manche sind bereits von der Schneedecke eingehüllt, anderen fehlen Arme oder Beine. Nur ein paar wenige Unglückliche scheinen überlebt zu haben. Sie irren umher, einer wiederholt apathisch das Wort ‚Mundharmonika‘, ein anderer klagt über unmenschliche Schmerzen. Rein äußerlich scheinen sie unversehrt. Vielleicht haben ihnen die Mörsergranaten keine Gliedmaßen weggeschossen, wohl aber einen Teil ihres Verstandes.

The Snowfield ist mehr Experiment als Spiel. In seiner reduzierten Form verzichtet es ganz bewusst auf eine Handlung oder klar formulierte Zielstellung. Zwar gibt es zu Beginn eine Übersicht der Steuerung, alles weitere liegt dann aber beim Spieler selbst. Ich selbst bin erst mal ziellos herumgeirrt. Unterwegs hat sich mir ein weiterer Soldat angeschlossen und ist mir solange gefolgt, ehe mich inmitten eines zerstörten Schützengrabens der Kältetod ereilt hat. Ich hätte aber auch mit den anderen Überlebenden interagieren können und sie an das wärmende Feuer in einer nahen Ruine führen können. Der Beweis, dass in dieser furchtbaren Situation doch noch so etwas wie Menschlichkeit existiert.

Richtig erstaunlich wird The Snowfield aber erst, wenn man es in Bezug zur allgemeinen Spielelandschaft setzt. Denn es widmet sich einem regelrechten Tabuthema: Wie oft haben wir in Strategiespielen die gegnerischen Truppen durch List und Planung von der Karte gefegt? Wie viele Feinde haben wir in Militärshootern aus dem Leben gepustet weil sie zur falschen Zeit das falsche Missionsziel bewacht haben? Die Antwort: Mehr als genug. Doch wann wurden wir schon direkt mit dem „Danach“ konfrontiert? Eben. An genau diesem Punkt springt The Snowfield in die Bresche, indem es uns zu einem Seitenwechsel zwingt. Wir sind hier nicht der begnadete Held, der Weltkriege im Alleingang gewinnt, sondern der Unterlegene, der Zerfetzte, der Geschlagene. Der zusehen muss, wie er in dieser eisigen Hölle, umgeben von Tod und Leid, mit seinem gerade noch geretteten Leben zurechtkommt.

Ich will hier sicher nicht den Moralapostel spielen. Schließlich befindet sich auch in meinem Spieleregal das ein Call of Duty oder Medal of Honor. Dennoch empfinde und empfehle ich The Snowfield als wichtigen Kontrapunkt zur Einseitigkeit moderner Militärshooter. Gerade die lassen nämlich viel zu oft eine erwachsene Umgangsweise mit einer zweifellos erwachsenen Thematik vermissen. The Snowfield ist in dieser Debatte sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Ein Perspektivwechsel hat aber noch niemandem geschadet.

Dieser Artikel zum Thema “Krieg” entstand im Rahmen des Projekts “52 Games” von Zockwork Orange.

Ein Gedanke zu „52 Games #38: Krieg

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