Tu Fawning – A Monument

Man nehme etwa fünfzig Zettel, beschrifte sie mit unterschiedlichen Musikrichtungen und hefte sie an eine Dartscheibe. Anschließend wirft man blind drei Pfeile in Richtung Scheibe, kombiniert die getroffenen Begriffe und wiederholt diesen Vorgang beliebig oft. Dabei entstehen solche Wortschöpfungen wie „Psychedelic Death Folk“, „Tribal Blues Rock“ oder „Progressive Indie Pop“. Alle drei Kombinationen fassen die Musik von Tu Fawning ganz gut in Worte, schießen im selben Moment aber meilenweit am Ziel vorbei. Wer auch immer vorhat, die Musik der vierköpfigen Band aus Portland in eine Schublade zu quetschen, kann daran nur scheitern.

Das kommt nicht von ungefähr. Schließlich setzt sich die Band aus vier Multi-Instrumentalisten unterschiedlichster Genres zusammen. Da hätten wir zum einen Corrina Repp und Joe Haege. Sie ist eigentlich Singer-Songwriterin, er kreativer Kopf bei den Math-Rockern von 31Knots. Ergänzt wird das Duo durch Weltmusikerin Liza Rietz und Toussaint Perrault, der wiederum aus der Reggae- und Jazz-Ecke stammt. Die Konsequenzen einer solchen Konstellation? Nicht absehbar. Denn bereits mit dem 2011er Debüt „Hearts on Hold“ überquerte der Vierer eine Genregrenze nach der anderen. Einziger Vorsatz war, die kreative Energie einfach fließen zu lassen, was in einem ebenso komplexen wie bedrohlichen Album gipfelte. Nur schwer zu durchblicken, glich „Hearts on Hold“ einem verwinkelten, dunklen Korridor, wo hinter jeder Tür der schlimmste Alptraum oder pure Schönheit warten konnten.

Nur etwas mehr als ein Jahr haben Tu Fawning gebraucht, um einen Nachfolger zusammenzufrickeln. Auf den stolzen Namen „A Monument“ heißt er und erneut gilt, dass alles anders bleibt. Noch immer gleicht das kreative Endprodukt einer höchst instabilen Substanz, die wohl jede Genreschublade in eine Wolke aus Sägemehl verwandeln würde. Trotzdem handelt es sich nicht nochmal um denselben exzentrischen Aufguss. Tu Fawning klingen auf „A Monument“ konzentrierter, verdichteter und, in Ermangelung eines besseren Wortes, selbstbewusster. Keine Weiterentwicklung im eigentlichen Sinne also, sondern behutsames Abschleifen übrig gebliebener Kanten.

Was aber nicht bedeutet, dass Tu Fawning auch nur irgendetwas von ihrem obskuren, eigenwilligen Charme eingebüßt hätten. „A Monument“ ist wie ein Spaziergang durch einen nebelverhangenen Herbstwald: Nasskalt und nicht selten zutiefst beunruhigend. Und doch reißt der wolkenverhangene Himmel immer wieder kurz auf, um doch so etwas wie Hoffnung aufkeimen zu lassen. Hinter der nächsten Biegung kann es damit aber auch schon wieder vorbei sein.

Mit seltsamsten Instrumenten und Melodien vermögen Tu Fawning auch auf „A Monument“ wieder einzigartige Klangwelten zu erschaffen. So machen etwa 80er-Jahre-Synthesizer und unheilvoll rumpelnde Drums den Opener „Anchor“ zu einem regelrechten Mantra, aus dessen Fesseln sich der Song erst zum Schluss so richtig befreien kann. „Blood Stains“ lässt wiederum scharf gewetzte Messerklingen zu Fanfaren und düsteren Pianoklängen aufblitzen, während vor allem Joe Haeges exzentrisches Gitarrenspiel „Wager“ in fast schon poppige Sphären hievt. Und flirrende Gitarren sowie sich gegenseitig überlagernde Gesangsspuren machen aus „Skin & Bone“ den Gospel-Postrock-Bastard des Albums. Im abschließenden „Bones“ fahren Tu Fawning dann nochmal sämtliche Geschütze auf und bauen in siebeneinhalb Minuten ihr Gruselkabinett schrittweise ab: Einschüchternde Stammestrommeln und grollende Klavierpassagen weichen himmlischem Chorgesang und befreiendem Schlagzeugspiel. Der rettende Waldrand ist erreicht, die Schrecken und Mysterien überstanden.

Über all dem schwebt nach wie vor der gespenstisch schöne Gesang Corrina Repps. Er ist gleichermaßen Irrlicht und rettender Lichtschein. Femme fatale oder Retterin – auf „A Monument“ verkörpert die Folksängerin beide Rollen. Mal vergiften ihre Worte langsam den Verstand ihres bedauernswerten Opfers („Build A Great Cliff“), mal gibt sie sich so verletztlich und orientierungslos („A Pose For No One“) wie der Hörer selbst, welcher sich immer mehr im Spinnennetz Tu Fawnings verstrickt. Obwohl die Stimmen aller Bandmitglieder auf dem Album zu hören sind, so ist Corrina Repp doch die federführende Kraft, was den Gesang angeht. Lediglich für das Duett „To Break Into“ teilt sie ihr Mikrofon mit Joe Haege.

Ebenso wie das Erstlingswerk möchte Tu Fawnings „A Monument“ von seinen Hörern erobert werden. Vieles mag zu Beginn keinen Sinn ergeben oder störend und beliebig wirken. Doch gibt sich das mit jedem weiteren Durchlauf. Stück für Stück wird so etwas wie ein Masterplan hinter all den seltsam anmutenden Spielereien erkennbar. Dabei fällt der Einstieg hier sogar ein wenig leichter als auf der „Hearts On Hold“. Genau das macht „A Monument“ auch zu so einem perfiden Vergnügen: Wer nämlich mehr als einen Fuß in die abgedunkelten, verschrobenen Klangwelten Tu Fawnings gesetzt hat, vermag ihnen so schnell nicht mehr zu entfliehen.

Tracklist:

 

 

 

 

01. Anchor
02. Blood Stains
03. Wager
04. A Pose For No One
05. Build A Great Cliff
06. Skin & Bone
07. In The Center Of White Powder
08. To Break Into
09. Bones

Spielzeit: 45:03

Artikelbild: Alicia J. Rose

Ein Gedanke zu „Tu Fawning – A Monument

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