Looper

Hätte, hätte, Fahrradkette. Hätte ich gestern schon abgewaschen, müsste ich heute nicht den Dreck von den Tellern kratzen. Und wäre ich gestern nicht so spät ins Bett gegangen, würden meine Augenringe heute nicht bis zum Boden reichen. Mit Ursache und Wirkung muss sich auch Joe herumschlagen: Hätte er sein späteres Ich ohne zu zögern erschossen, müsste er jetzt nicht vor seinen Auftraggebern fliehen, die es gar nicht gern sehen, wenn ein Job vermasselt wird.

Im Jahr 2044 ist Joe (Joseph Gordon-Levitt) ein sogenannter Looper, ein Auftragskiller für die Gangsterbosse der Zukunft. Die Unterwelt sieht sich in den 2070er Jahren mit einem enormen Problem konfrontiert: Dank hochmoderner Technik bleibt kein Verbrechen unaufgeklärt. Unliebsame Konkurrenten ohne Spuren aus dem Weg schaffen? Keine Chance. Glücklicherweise gibt es ja Zeitreisen. Die sind streng verboten und werden deshalb im Geheimen durchgeführt. Will man also jemanden in der Zukunft loswerden, schickt man ihn in die Vergangenheit, wo er ordentlich verschnürt von einem Looper wie Joe aus dem Verkehr gezogen und entsorgt wird. Problematisch wird es nur, wenn dem 2044er-Joe der 2074er-Joe (Bruce Willis) geschickt wird, der schon nach kurzer Zeit ausbüxen kann und damit den Verlauf der Zeit gefährdet.

Das mag zunächst unglaublich komplex klingen, schließlich handelt es sich bei „Looper“ um einen ambitionierten Zeitreise-Thriller, der aus seiner geistigen Nähe zu „12 Monkeys“ keinen Hehl macht. Doch Regisseur Rian Johnson geht angenehm gelassen mit der Problematik um. Anstatt sich in Großvater-Paradoxon und Co. zu verlieren, umreißt er kurz und knapp die Regeln seiner Zukunftswelt. So ist bereits nach wenigen Filmminuten geklärt, wer die Looper sind, wie sie arbeiten und wie sie einen Job abschließen. Fast schon beiläufig stellt Johnson damit auch seine Zukunftswelt vor. Die bleibt vor allem wegen ihres ausgeprägten Retro-Futurismus im Kopf. 2044 gibt es weder fliegende Autos noch Laserwaffen. Selbst Telekinese ist nur eine Laune der Natur, mit der man nicht mal Frauen beeindrucken kann. Kurz: Seit 2012 hat sich die Welt kaum verändert. Anzeichen technologischen Fortschritts lassen sich allenfalls im Detail ausmachen.

Diese unaufgeregte Zukunftsvision soll nun also für ein actionreiches Katz-und-Maus-Spiel zwischen Joseph Gordon-Levitt und Bruce Willis herhalten. Jein! Denn anders als es der Trailer verspricht, ist „Looper“ kein reiner Actionfilm mit aufgepfropfter Zeitreise-Thematik. Tatsächlich lässt sich Johnsons Film in eine ähnliche Kategorie wie „Inception“ stecken: Mainstream mit Anspruch. Im Gegensatz zu Nolans Blockbuster funktioniert „Looper“ aber auch ohne pausenloses Nachgrübeln. Das heißt nicht, dass es dem Film an Tiefe mangeln würde. Wer sich von Überlegungen zu Zeitreisen und Wenn-Dann-Problematiken gern die Hirnwindungen schmelzen lassen möchte, ist herzlich dazu eingeladen. Nur ist es für das Verständnis des Films nicht unbedingt erforderlich. Im Gespräch mit seinem früheren Ich bringt es der alte Joe auf den Punkt, wenn er erklärt, dass er sich jetzt lieber nicht den Kopf über diesen ganzen Zeitreisemist zerbrechen möchte.

So unkompliziert „Looper“ in seine Welt einführt, so viel Zeit lässt er sich auch mit der eigentlichen Handlung. Denn nach der rasanten ersten Hälfte des Films zieht Johnson erst mal die Handbremse und versucht einen völlig neuen Schauplatz samt dazugehörigen Figuren zu etablieren. Die schmutzige Stadtkulisse weicht der Maisfarm von Sara (Emily Blunt) und ihrem Sohn Cid (Pierce Gagnon). Zwar ist dieser Kurswechsel für den Verlauf der Handlung und die Vorbereitung des finalen Konflikts essentiell. Gleichzeitig fühlt er sich durch seine Plötzlichkeit aber auch sehr gewollt und fremd an. Diese sehr klare Trennung zwischen erster und zweiter Filmhälfte ist somit auch der große Schwachpunkt von „Looper“.

In der Gesamtbetrachtung kann das dem Film aber nicht nachhaltig schaden. Denn vor allem die zweite Hälfte überzeugt mit einigen spektakulären Szenen und einer durchweg spannenden Verdichtung sämtlicher Handlungs- und Zeitfäden. Gerade wenn die grundlegend unterschiedlichen Ziele beider Joes immer stärker auf Kollisionskurs geraten, wird „Looper“ zu einem hochdramatischen Filmvergnügen. Das liegt nicht zuletzt auch an den routiniert spielenden Hauptdarstellern. So gelingt es Joseph Gordon-Levitt und Bruce Willis gänzlich andere Charakterzüge ihrer Figur zu betonen: Der jüngere Joe zeichnet sich durch seine Arroganz und Selbstsicherheit aus, während Bruce Willis‘ Interpretation deutlich abgeklärter und kompromissloser zu Werke geht. Emily Blunt sieht als Farmersfrau vor allem gut aus und Jeff Daniels als Joes Auftraggeber aus der Zukunft ist für so einige selbstironische Szenen gut. Die große Überraschung ist jedoch das beeindruckend abwechslungsreiche Schauspiel des gerade mal 5-jährigen Pierce Gagnon in der Rolle von Cid.

Im Vorfeld wurde so einiges über „Looper“ geschrieben. Zum Beispiel, dass er der beste Zeitreisefilm seit „12 Monkeys“ sei und der hat schließlich auch schon 17 Jahre auf dem Buckel. Vielleicht ist es noch viel zu früh, um darüber zu urteilen. Ganz sicher ist aber, dass „Looper“ mit originellen Ideen nur so um sich wirft und angenehm unaufgeregt mit seiner Grundthematik umzugehen weiß. „Looper“ mag vielleicht nicht den Zeitreisefilm an sich revolutionieren. Muss er auch gar nicht, denn selbst wenn er letztlich daran scheitert, ist er immer noch ein hochspannender, atmosphärisch dichter Zeitreise-Thriller mit genügend Interpretationspotenzial.

Laufzeit: 118 Minuten
Regie: Rian Johnson
Drehbuch: Rian Johnson
Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt, Pierce Gagnon u.a.

Titelbild: Concorde Filmverleih GmbH

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