Meilenstein 2.0

Meine erste Berührung mit Half-Life hatte ich Anfang 1999. Nur wenige Monate vorher erschien der Titel wie aus dem Nichts, räumte Unmengen von Preisen ab, wurde von der Fachpresse mit Superlativen überhäuft und krempelte nebenbei noch das gesamte Shooter-Genre um. Ein Hype war geboren. Ich konnte das nur schwerlich nachvollziehen. Immerhin sah Half-Life auf Bildern genauso aus wie all die anderen Shooter, die meine minderjährigen Finger bis dato angerührt hatten. Also lieh ich mir kurzerhand die CD-ROM von einem Freund, um mir ein eigenes Bild davon zu machen. Was soll ich sagen? Es war der Beginn einer bis heute dauernden Liebe.

Denn Half-Life unterschied sich deutlich von anderen Shootern. Es verzichtete auf einen testosterongesteuerten Helden, der mit markigen Sprüchen nur so um sich wirft und ließ uns stattdessen in die Rolle des stillen Wissenschaftlers Gordon Freeman schlüpfen. Selbst actionreichen Intros wurde mit der legendären Bahnfahrt zum Sektor C der Black Mesa Forschungseinrichtung eine klare Absage erteilt. Obwohl es sich bei Half-Life um einen reinrassigen Shooter handelte, kam nie der Eindruck auf, dass sich das Spiel um die Schießereien drehen würde. Viel zentraler war die Erkundung der Level, die mit ihrer Architektur und kleinen Details mehr zum Storytelling beitrugen, als es ein Renderfilmchen je gekonnt hätte. Anders ausgedrückt: Alles in diesem Spiel fühlte sich so grundlegend anders und besser an.

Von seinen spielerischen Qualitäten hat Half-Life auch heute nichts eingebüßt. Lediglich die grafische Qualität hat merklich gelitten und stellt mittlerweile wohl die größte Einstiegshürde dar. Doch seit dem 14 September gibt es ja das Remake namens Black Mesa. Ganze acht Jahre wurde das Projekt von eifrigen Moddern entwickelt. Das Resultat dieser extrem langen Zeitspanne ist nicht nur ein nostalgischer Trip in die Vergangenheit, sondern zugleich auch ein liebevoll restauriertes Denkmal eines Meilensteins der Spielegeschichte.

Black Mesa ist aber keine einfache Schönheitskur, bei der alte Level mit frischen Texturen aufgehübscht wurden. Stattdessen haben sich die Entwickler gleich für einen Neubau des Klassikers in der Source-Engine entschieden. Somit ist nicht nur eine Menge Arbeit in die detailgetreue Nachbildung der einzelnen Spielabschnitte geflossen, sondern auch in die Neugestaltung sämtlicher Figurenmodelle, Waffen, Sounds und Musik. Dabei hat sich das Team zwar kleinere künstlerische Freiheiten genommen, gleichzeitig aber auch nicht die  Möglichkeiten der neuen Engine, etwa die Darstellung von Physik, verschmäht.

Am eigentlichen Spielablauf hat sich hingegen gar nichts geändert: Nach einem Unfall mit anomaler Materie öffnet sich in der Black Mesa Forschungseinrichtung ein Portal zum Planeten Xen. Durch dieses fallen Horden von Aliens in den Laborkomplex ein und blasen zur Jagd auf das Personal. Als Gordon Freeman müssen wir uns also zur Oberfläche durchschlagen und unterwegs feststellen, dass das Militär nicht zu unserer Rettung, sondern zur Beseitigung sämtlicher Beweise des Vorfalls entsandt wurde. Blöderweise fallen auch wir in die Beweiskategorie und müssen uns fortan gegen Aliens und Soldaten gleichermaßen zur Wehr setzen.

Durch die technischen Möglichkeiten der Source-Engine ist das auch hervorragend in Szene gesetzt. So kann es schon mal vorkommen, dass die Wucht der Magnum ein Alien durch eine berstende Glasscheibe katapultiert. Was aber schon zu Beginn auffällt, ist der irrwitzige Detailgrad, mit dem die Modder die Spielwelt gestaltet haben. Endlich sind Schilder ohne Augenschmerzen lesbar, hin und wieder finden sich gar vollgekritzelte Tafeln, die weitere Informationen über die Aliens liefern. Außerdem werden die Korridore der Forschungseinrichtung nicht länger mit den immer gleichen Wissenschaftler-Klonen bevölkert. Die Gesichter der Charaktermodelle sind sogar noch detailreicher als in Half-Life 2. Zwar scheint es in Black Mesa immer noch einige Zwillinge zu geben, die Bandbreite verschiedener Gesichter ist aber so groß, dass das nur selten auffällt.

Wer wie ich Half-Life schon so lange nicht mehr gespielt hat, darf sich auf eine Menge „Ach so war das ja damals“-Momente einstellen. Beispielsweise hatte ich die schwarzen Ninja-Assassinen eigentlich schon vergessen, wusste bei meiner ersten Konfrontation aber sofort wieder, weshalb ich sie damals so abgrundtief gehasst habe. Black Mesa ermöglicht es aber nicht nur Half-Life erneut zu erleben. Die Modifikation darf auch als Reise in die Geschichte des Shooter-Genres verstanden werden. In eine Zeit, in der automatische Heilung und ein ausgefeiltes Deckungssystem Zukunftsmusik waren. Damals durfte man noch von Hand nach Medipacks und Deckung suchen. Und obwohl Black Mesa deswegen schon auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad einige wirklich haarige Stellen zu bieten hat, fühlt es sich kein bisschen altbacken an.

Black Mesa ist die ideale Gelegenheit, um einen Meilenstein der Spielegeschichte nachzuholen beziehungsweise noch einmal neu zu erleben. Ironischerweise steckt das Remake auch heute noch viele aktuelle Shooter mühelos in die Tasche. Hervorragendes Spieldesign altert nun mal nicht. Auch wenn man in den 10-12 Stunden, die man mit Black Mesa verbringt, gefühlt mehr Duckjumps als noch vor 14 Jahren absolvieren muss, ist den Entwicklern ein kleines Kunststück gelungen: Trotz vieler kleiner Abwandlungen, Änderungen und Verbesserungen wirkt Black Mesa nicht wie eine Mod, sondern fühlt sich zu jeder Zeit wie der Klassiker Half-Life an. Und das ist wohl das größte Lob, das man den Entwicklern aussprechen kann.

Black Mesa ist kostenlos und kann direkt auf der Website des Projekts heruntergeladen werden. Zum Spielen wird lediglich Steam und das ebenfalls kostenlose Source SDK Base 2007 benötigt. Der kontroverse finale Abschnitt auf der Heimatwelt der Aliens wird mit einem späteren Patch nachgeliefert.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s