52 Games #34: Nahrung

Mit Nahrung verhält es sich in Spielen ja wie mit Geld, Wasser, Mana oder herausragenden Geschichten: Sie ist ein knappes Gut. Wie oft mussten wir schon für wildfremde Leute Eberhirschrindfleisch sammeln, um anschließend ein gutes Gewissen und einige Erfahrungspunkte mehr zu haben? Wie oft suchten wir verzweifelt nach der fehlenden, grundsätzlich extrem seltenen Zutat für eine stärkende Mahlzeit? Äußerst rar ist Nahrung auch in der zweiten Episode von The Walking Dead. Deren Titel „Starved For Help“ passt daher wie die Faust aufs Auge.

Nach den Ereignissen der ersten Episode hat sich die Gruppe aus Überlebenden in einem nahen Motel verschanzt. Im ersten Moment scheint das eine hervorragende Idee zu sein. Sämtliche Zugänge wurden mit Autowracks und provisorischen Zäunen abgeriegelt. Aus dem Motel wurde eine kleine Festung. Doch wie im Mittelalter kann jede Festung belagert werden. Inmitten der Zombieapokalypse braucht es dafür nicht mal Katapulte und Rammböcke, sondern nur eine ausreichende Zahl Untoter. Denn Lee und der Rest der Gruppe werden langsam aber sicher von den schlurfenden Horden ausgehungert.

Die knapper werdenden Vorräte sorgen somit für reichlich Zündstoff in der ohnehin schon nervlich angeschlagenen Gruppe. Kenny will mit seiner Familie das Motel verlassen, Lilly möchte stattdessen weiter die Stellung halten. Als Lee zu Beginn der Episode noch zwei neue hungrige Mäuler ins Lager bringt und Lillys Führungsqualitäten hinterfragt, explodiert schließlich das Pulverfass: Die Anführerin gibt Lee die Aufgabe einmal in ihre Rolle zu schlüpfen und die tägliche Essensration unter den Überlebenden zu verteilen. Das Problem: Unsere Gruppe besteht aus zehn Personen, wir haben aber nur einen halben Apfel, zwei Packungen Cracker und eine Tüte Trockenfleisch im Angebot.

Die Entscheidungen aus Episode 1 haben uns mit den verschiedenen Gruppenmitgliedern vertraut gemacht, wir hatten genügend Raum, um Sympathien und Abneigungen für die verschiedenen Personen zu entwickeln. Aber: Darf man sowas in einer solchen Situation überhaupt berücksichtigen? Sollte man nicht eher danach entscheiden wer die Nahrungsmittel am nötigsten hat? Dann müsste man zum Beispiel dem herzkranken Larry eine Ration zuteilen, obwohl er uns abgrundtief zu hassen scheint. Vielleicht wäre es auch klug, Kennys Familie den Großteil der Vorräte zu überlassen. Schließlich könnten wir uns so einen Platz in seinem Wohnwagen „erkaufen“. Damit würden wir aber auch eine Cliquenbildung innerhalb der Gruppe provozieren.

Der Spieler wird in dieser Szene mit einem Problem konfrontiert, für das gar keine zufriedenstellende Lösung existiert. Wie man die Nahrung schlussendlich auch verteilt, irgendwer fühlt sich davon immer auf den Schlips getreten. Selbst wenn man rational entscheidet und sich nicht von Sympathien beirren lässt, hagelt es Kritik von den Benachteiligten. Mal verletzt („So, me and my family don’t matter to you anymore“), mal drohend („You keep treating people like this, your days in this group are numbered“) oder einfach nur enttäuscht („I hope I get to eat next time“). Poor Clementine!

Dieser Artikel zum Thema “Nahrung” entstand im Rahmen des Projekts “52 Games” von Zockwork Orange.

7 Gedanken zu „52 Games #34: Nahrung

  1. Ja, das war eine echt knifflige Situation mit der Essensverteilung und eine härtesten moralischen Entscheidungen in der Episode, man muss ja schon Prioritäten setzen…bei mir hieß es: Kinder und Kranke zuerst! Allerdings glaube ich mittlerweile, dass es wirklich nur ein moralisches Dilemma war, das auf die weiteren Ereignisse wenig bis gar keinen Einfluss hatte. Aber das muss es auch nicht. Mich binden solche harten Entscheidungen auch so ans Spiel.

  2. Pingback: [52 Games] Thema 35: Tradition » 52 Games » Zockwork Orange

  3. Solche kleinen, eher unwichtigen Entscheidungen finden sich ja zuhauf in The Walking Dead. Dabei geht’s mir wie dir: Sie nerven nicht sondern binden mich noch stärker ans Spiel und die Charaktere.

    Ich muss ja auch ehrlich zugeben, dass ich mit meinem experimentellen Egoschwein-Spielstand den Kindern kein Essen gegeben habe. Danach habe ich mich dann aber auch so richtig schön mies gefühlt. Diese Rehaugen werd ich wohl nie vergessen😉

    • Soso, ein experimenteller Egoschwein-Spielstand…Poor Clementine! Fängst du erst mit diesem Spielstand an und bist dann freundlich oder andersrum? Kostet die Jekyll & Hyde-Methode nicht Identifikation? Obwohl, da fällt mir ein, ich wollte auch noch mal ganz neu anfangen…😉

      • Vorrang hat natürlich erstmal mein ganz persönlicher Spielstand. Der andere wird dann in der Regel ein paar Wochen später fortgeführt. Vor allem dient er dazu, das Entscheidungssystem herauszufordern und dessen Grenzen auszuloten. Teilweise ist es hochspannend wie das Spiel versucht, dich wieder in geregelte Bahnen zu lenken, um die Gesamtgeschichte nicht zu gefährden.

        So ergibt sich im Endeffekt auch eine ganz klare Trennung zwischen dem „echten“ und dem eher analytischen Spielstand.

  4. Ah, ich verstehe, das ist ja schon auch ein analytischer Ansatz. Mittlerweile bekomme ich schon Lust, einfach mal als Assi noch mal ganz neu anzufangen. Was passiert z.B., wenn man sich in der ersten Folge bei der ganz schwierigen Todesentscheidung auf der Farm für keinen von beiden entscheidet? Ist schon spannend!
    Übrigens gibt es keinen Skandal: Du bist nicht in meiner Blogroll und mein lauschiger wird von dir NICHT als lesenwert empfunden, zumindest hast du mich noch nicht aufgenommen! Ich werde jetzt deinen feinen Blog meiner Blogroll sofort hinzufügen!

    • Was? Wie? Wo? Skandal? Höö!?
      Aber die Firma dankt😉 Für die Erwähnung und gleichzeitige Erinnerung meine eigene zu aktualisieren. Soviel sei verraten: Ich werde mich revanchieren!

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