Get Well Soon – The Scarlet Beast O‘ Seven Heads

In wenigen Monaten werden wir wissen, ob die Mayas Recht hatten. Apokalypse, Weltuntergang, Zerstörung: Eine solche Gelegenheit lässt sich jemand wie Konstantin Gropper, Hirn und Herz von Get Well Soon, nicht entgehen, um das dazu passende Album auf den Markt zu werfen. Das hört auf den wunderbaren Titel „The Scarlet Beast O‘ Seven Heads“ und ist nun schon Groppers dritter Langspieler. Mit seinen ersten beiden Alben malte der Schwabe eine Karte vom Niemandsland zwischen Indie-Pop und klassischer Musik. Dem Erstling „Rest Now Weary Head! You Will Get Well Soon“ und der Musikpresse verdankt er den Spitznamen ‚German Wunderkind‘. Auf dem zweiten Album „Vexations“ griff er dann tief in die bildungsbürgerliche Trickkiste, zitierte Seneca, Peter Sloterdijk und Georg Büchner, fertig war ein Konzeptalbum über den Stoizismus, so Gropper damals selbst. Leichte Kost war die Musik von Get Well Soon ja noch nie.

Zwischendurch schrieb er Musik für Film und Fernsehen. Auf der aktuellen Platte werden diese Bezüge deutlicher denn je. „The Scarlet Beast O‘ Seven Heads“ beinhaltet nicht nur 13 Stücke eines großen Melancholikers, sondern eines ebenso großen Cineasten: „Roland, I Feel You“ ist sowohl Verbrüderung mit Regisseur Roland Emmerich („I specialize in end times too“) als auch eine musikalische Verneigung vor dem Spaghetti-Western der 70er Jahre. „Disney“ entpuppt sich wiederum als Erinnerungskarussell und könnte mit seinen verspielten Arrangements auch frühe Zeichentrickfilme des Filmproduzenten begleiten. „Dear Wendy“, eines von zwei Instrumentalstücken, weckt hingegen Erinnerungen an die Eröffnungsszene aus Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“.

Die bewusste Nähe zur Filmmusik sorgte in der Vergangenheit aber auch schon für Probleme. Vor allem „Vexations“ litt darunter, dass es sich nur als Album konsumieren ließ. Viel zu oft waren die Stücke auf einen Kontext angewiesen oder verloren sich selbst aus den Augen. Viel zu selten stieß man auf Songs, die auch als solche funktionierten. Überraschenderweise hat sich das mit der scharlachroten Bestie gebessert. Mit „A Gallows“ wird ein strahlender Popsong aus dem Hut gezaubert und das fulminante „You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)“ verleitet gar dazu das Tanzbein zu schwingen. Wird der chronische Pessimist Konstantin Gropper auf seinem dritten Album etwa zum Optimisten?

In der Tat klingt alles nicht mehr ganz so hoffnungslos wie noch auf den beiden Vorgängern. Doch dann wiederum: Was heißt das schon bei einer Band wie Get Well Soon, deren Name an Sarkasmus grenzt? Zwar schwelgt Gropper immer noch mit Vorliebe in dunkleren Gefühlslagen. Für eine bedingungslose Kapitulation vor der Welt, der Liebe und der Hoffnung scheint er aber längst nicht mehr bereit zu sein. Seine Ankündigung, es würde sich bei „The Scarlet Beast O‘ Seven Heads“ um eine Sommerplatte handeln, darf also mit einem deutlichen Augenzwinkern verstanden werden.

Disziplin beweist Gropper vor allem wieder in seiner Funktion als Songschreiber und Komponist. Erneut lässt er Instrumente gegeneinander anspielen, die eigentlich nicht zusammengehören: E-Gitarre gegen Akkordeon, Synthesizer gegen Xylophon. Solche Reibereien liefern den Nährboden für die Musik von Get Well Soon. Daraus erwachsen opulente Orchesterstücke („Let Me Check My Mayan Calendar“) und stark reduzierte Nummern („The World‘s Worst Shrink“) gleichermaßen. Wildwuchs ist das aber noch lange nicht. Diesmal hält Gropper die Gartenschere nämlich nicht nur in der Hand, er weiß sie auch einzusetzen.

Zu behaupten, „The Scarlet Beast O‘ Seven Heads“ sei ein zugängliches Album, wäre glatt gelogen. Auch das Jahr der Apokalypse ist keine Entschuldigung nun plötzlich leichte Kost zu servieren, muss sich Gropper wohl gedacht haben. Und damit liegt er vollkommen richtig. Denn eine gewisse Einarbeitungszeit gehört nun mal ebenso zu einer Get Well Soon-Platte wie Pomp und charmanter weil dezenter Größenwahn.

Wer noch nach der passenden musikalischen Untermalung für den anstehenden Weltuntergang sucht, sollte „The Scarlet Beast O‘ Seven Heads“ eine Chance geben. Alle anderen übrigens auch.

Tracklist:

01. Prologue
02. Let Me Check My Mayan Calendar
03. The Last Days Of Rome
04. The Kids Today
05. Roland, I Feel You
06. Disney
07. A Gallows
08. Oh My! Good Heart
09. Just Like Henry Darger
10. Dear Wendy
11. Courage, Tiger!
12. The World’s Worst Shrink
13. You Cannot Cast Out The Demons (You Might As Well Dance)

Spielzeit: 54:17

Titelbild: Simon Bierwald

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