Bloc Party – Four

Sie sind so etwas wie die letzten Überlebenden der großen Indie-Welle, die Mitte der Nullerjahre von den britischen Inseln rüberschwappte. Während Vertreter wie Franz Ferdinand, Maxïmo Park oder Kaiser Chiefs vornehmlich im eigenen Saft schmorten, wurden Bloc Party aber niemals müde neue Pfade zu beschreiten. Rastlos und experimentierfreudig war der englische Vierer ja schon immer. Mit den großen kreativen Schritten Bloc Partys konnte die Konkurrenz nicht mithalten, sodass die Band kaum ins Bild der vornehmlich um sich selbst kreisenden, britischen Indie-Szene passte. Das mutige 2008er Album „Intimacy“, eine ungebändigte, in kühlen LED-Lichtern blinkende Schimäre, markierte den Höhepunkt dieser Entwicklung, wurde aber von Fans und Kritikern völlig zu Unrecht abgestraft.

Darauf folgte eine lange Pause. Jedes Mitglied ging seiner Wege, Trennungsgerüchte schwebten im Raum. Jetzt, vier Jahre später, finden die vier Musiker für ihr viertes Album wieder zusammen und taufen es folgerichtig auf den Namen „Four“. Schon das Eröffnungsstück „So He Begins To Lie“ kommt der frühzeitigen Wiedererweckung einer längst für tot erklärten Band gleich. Die verschrobene Gitarrenklänge wollen nicht so recht zum manischen Drumbeat passen und Kele Okerekes Gesang macht die Sache auch nicht unbedingt besser. Spätestens beim Refrain sind aber alle Knochen wieder gerichtet: Der Organismus Bloc Party funktioniert wieder tadellos.

Weitere Beweisstücke sind etwa der schnörkellose Zukunfts-Ich-Dialog „V.A.L.I.S.“ oder „Truth“, das alle typischen und liebgewonnenen Elemente des Bandsounds einer Perlenschnur gleich aneinanderreiht. Kein Gramm zuviel schleppt auch die sorgfältig konstruierte Single „Octopus“ mit sich herum. Eine Rückbesinnung zum ersten Album „Silent Alarm“ ist „Four“ deswegen noch lange nicht, schließlich schlagen Bloc Party darauf ihre bislang härtesten Töne an.

Selbstbewusst singt Kele in „Kettling“ ‚They can’t stop us / we can feel it in our bones / the future is ours!‘, während sich hinter seinem Rücken meterhohe Gitarrenwände auftürmen. „Coliseum“ legt mit seinem Country-Intro gar eine staubtrockene Fährte aus, von der jedoch nach genau einer Minute nichts mehr zu spüren ist. Dann lassen Kele und seine Kollegen nämlich ihre gebündelte Energie ungebremst durch den Song wüten. Eine Spur zu breitbeinig kommt dagegen „We Are Not Good People“ daher, was mit seinen sägenden Gitarrenriffs nur halb so schlimm wäre, würde es das ätherische „The Healing“ damit nicht zum Rausschmeißer der Herzen degradieren.

Im Gegensatz zu früheren Alben sucht man auf „Four“ vergeblich nach einem roten Faden. Weder thematisch noch musikalisch scheinen sich die 12 guten bis sehr guten Songs einem höheren Prinzip unterzuordnen, weswegen die Platte seltsam unentschlossen wirkt. Freilich werfen die vier Briten ihre Angelrute immer noch in unterschiedlichsten Genre-Gewässer aus, sind dabei aber längst nicht so konsequent wie zu Zeiten der „Intimacy“. Dennoch sind die Bestrebungen, den Sound immer wieder neu auszuloten, auch im Jahr 2012 zu hören. Höhepunkte wie das entrückte „3×3“ oder das stoisch vorwärtstrabende „Real Talk“ sprechen für sich.

In Interviews wird die Band nicht müde zu betonen, dass der Albumtitel auch als Ausdruck der gesteigerten Zusammenarbeit aller Bandmitglieder zu verstehen sei. Kele Okerekes ordnende Hand wurde zugunsten eines deutlich demokratischeren Arbeitsprozesses in Ketten gelegt. Wie stark sich diese Veränderung auf das Endprodukt auswirkt, lässt sich im Falle von „Four“ noch gar nicht abschätzen: Bloc Partys zukünftige Marschrichtung bleibt nach einem derart facettenreichen, sehr guten Album völlig offen. Aber soviel steht fest: Sie werden auch in Zukunft unberechenbar bleiben.

Tracklist:

 

 

 

 

01. So He Begins To Lie
02. 3×3
03. Octopus
04. Real Talk
05. Kettling
06. Day Four
07. Coliseum
08. V.A.L.I.S.
09. Team A
10. Truth
11. The Healing
12. We Are Not Good People

Spielzeit: 43:33

Titelbild: star5112

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