Das Monster im Vater

Wollen Spiele heutzutage eine Geschichte erzählen, so ist das eher die Regel als die Ausnahme. Und das aus gutem Grund. Schließlich haben Spiele wiederholt bewiesen, dass sie sich vor Literatur oder Film nicht verstecken müssen. Jedoch scheinen sie einen großen Bogen um eine ganz spezielle Form der Erzählung zu machen, die bei Film und Buch längst gang und gäbe ist: Autobiographische Geschichten. Vander Caballero, Creative Director bei Minority Media, will diese Leerstelle nun füllen. Papo & Yo heißt sein Spiel und das ist durchaus wörtlich zu verstehen, thematisiert es doch Caballeros Kindheit und das Verhältnis zu seinem alkoholabhängigen Vater. Eine bedrückende, spielbare Tragödie also? Nicht ganz.

In Papo & Yo steuern wir den Jungen Quico durch ein südamerikanisches Städtchen. Offenbar während der Siesta, denn auf den sonnendurchfluteten Straßen ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Mit Ausnahme eines kleinen Mädchens, welches vor Quico Reißaus nimmt – durch ein Portal aus Kreidelinien. Seltsam? Dabei deuteten doch bereits die vereinzelten Häuserstapel am Horizont an, dass es sich nicht um die Realität handeln kann. Nein, das hier ist eine Fantasiewelt, ein Rückzugspunkt in Quicos Kopf, der nur seiner Vorstellungskraft unterworfen ist. Hier hat der Junge die Kontrolle und kann mittels Kreidezeichnungen die Welt neu ordnen: Aus einer eben noch flachen Wand wird so eine Treppe, ein gemaltes Zahnrad lässt eine Fassade im Boden versinken oder Häusern wachsen Füße oder Flügel, mit denen sie sich an neue Orte begeben. Aus der schier endlosen Favela wird eine riesengroße Spielkiste.

Bereits nach kurzer Zeit stößt Quico auf Monster, der entfernt an eine Mischung aus Gorilla und Nashorn erinnert und den Jungen um mehr als einen Kopf überragt. Monster ist ein gemütlicher Gigant und niemals um ein kurzes Ballspiel mit Quico verlegen. Seine wahre Leidenschaft sind jedoch Kokosnüsse. Monsters Verlangen nach den Früchten machen sie zum idealen Werkzeug, um den Riesen durch die verschlungenen Gassen zu lotsen. Oder anders ausgedrückt: Wo Kokosnüsse sind, ist auch Monster nicht weit. Das trifft umso mehr auf die seltenen Frösche zu. Bekommt Quicos Freund einen davon in seine Pranken, ist es um seine Friedfertigkeit geschehen. Aus dem Riesen wird ein feuriges Ungetüm, das auf alles und jeden – und das ist in den allermeisten Fällen Quico – losgeht. Aus dem Freund wird plötzlich ein Feind. Dann hilft nur noch Wegrennen oder eine blaue Frucht, mit der Monster wieder besänftigt werden kann.

Es ist unter anderem dieses ambivalente Verhältnis zwischen Quico und Monster, das Papo & Yo so besonders macht. Nüchtern betrachtet wäre der Junge mit seinem sprechenden Spielzeugroboter Lula um einiges besser dran als mit dem unberechenbaren Monster. Denn zwischen den beiden existiert überhaupt kein echtes Abhängigkeitsverhältnis. Direkte Hilfestellungen leistet  Monster erst gar nicht: Wenn sich beispielsweise eine Tür öffnet, dann geschieht das in der Regel nur, weil sich der Riese gerade am richtigen Ort zur Ruhe legt. Der Löwenanteil der Arbeit bleibt am Jungen hängen. Lula hingegen aktiviert entfernte Schalter und trägt Quico über Abgründe. Und dennoch hält das Kind an der asymetrischen Beziehung zu Monster fest, wartet doch am Ende der gemeinsamen Reise ein Heilmittel für dessen Froschproblem.

Man könnte Papo & Yo vorwerfen, dass es die Karten viel zu früh auf den Tisch legt und den Spieler seiner eigenen Interpretation beraubt. „Für meine Mutter, Brüder und Schwestern, mit denen ich das Monster in meinem Vater überlebt habe.“, heißt es da gleich zu Beginn. Je mehr man sich die Bedeutung der Widmung und den darin verborgenen Schmerz bewusst macht, desto klarer wird auch Vander Caballeros Anliegen: Papo & Yo ist das Kondensat der Erfahrungen und Erlebnisse mit seinem alkoholkranken Vater. Die frühe Auflösung ist keine Böswilligkeit sondern eine Notwendigkeit. Indem er die Lösung vorweg nimmt, stellt Caballero sicher, dass seine Botschaft nicht in unzähligen Interpretationen verschütt geht.

Trotz des ernsten Hintergrundes legt Papo & Yo niemals den Finger direkt in die Wunde. In Verbindung mit wunderbarer lateinamerikanischer Musik und dem verspielten Art Design präsentiert sich die niederschmetternde Thematik als süße, unter der Oberfläche schlummernde Melancholie.  Quicos Fantasiewelt ist im Grunde nur die Fluchtstrategie einer geschundenen Kinderseele, sozusagen der Vorhang hinter dem sich die bittere Realität verbirgt. Nur kurze Rückblicke in Zeitlupe gewähren einen Blick hinter Quicos Traumkulissen und entblößen die Realität so wie sie ist: kalt, verregnet, trostlos.

Papo & Yo ist ein durch und durch wundervolles Spiel. Dass sich die Puzzles auf das Abklappern von Schaltern reduzieren lassen? Geschenkt. Oder dass der Bildaufbau in späteren Abschnitten gerne mal ins Stocken gerät? Schwamm drüber. Vander Caballeros Spiel ist so viel mehr. Vor allem eine ebenso rührende wie konsequente Analogie. Eine Reise in die Erinnerungen eines hilflosen Kindes, das mit einer Aufgabe konfrontiert wird, vor die es gar nicht gestellt werden dürfte. Vander Caballero hat sie damals meistern können. Er hat das Monster in seinem Vater überlebt und kann uns heute auf derart kunstvolle Weise davon erzählen.

So viel Mut verdient Respekt und ein großes Dankeschön

Entwickler: Minority Media
Plattform: Playstation 3 (PSN)
Erscheinungsjahr: 2012

Titelbild: Minority Media

3 Gedanken zu „Das Monster im Vater

  1. Das klingt schon sehr interessant, nach einem besonderen Spiel. Die Testversion hatte mich nicht so begeistern können, aber da bekommt man noch nicht viel von der Story und dem Hintergrund mit. Wie ist denn das Gameplay? Ich fand in der Testversion die Steuerung ein wenig hakelig und die Kamera direkt zu Beginn ungünstig. Ändert sich das? Oder ist es egal?!

  2. Es ist wohl am ehesten mit ICO zu vergleichen, ohne jedoch dieses ständige Begleitmission-Gefühl zu haben. Der Schwierigkeitsgrad der „Rätsel“ ist auch nicht der Rede wert. Es hat seine technischen Mängel, keine Frage, aber die sind eher nebensächlich. Bei einem Preis von 15 Euro kann ich dein Zögern ganz gut nachvollziehen, doch es ist jeden einzelnen Cent wert. Ähnlich berührend ist wohl nur Journey. Scheint ein gutes Jahr für das PSN zu sein🙂

  3. Pingback: Kleckern statt klotzen | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

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