Peace ’n‘ Harmony

Nebukadnezar LXIV. fährt sich mit seiner Hand zufrieden durch den aufwändig geflochtenen Bart. So etwas trägt heutzutage eigentlich keiner mehr, doch Nebukadnezar war schon immer ein traditionsbewusster Mann. Über 6000 Jahre haben die Herrscher seines Geschlechts ihre Bärte mit Stolz getragen. Und nun steht das derzeitige Oberhaupt der Babylonier vor der großen Glasfront des Erholungsdecks und sieht der Sonne dabei zu, wie sie sich langsam hinter der immer kleiner werdenden Erde hervorschiebt. Allmählich füllt sich das Deck, schließlich gehört es zu den beliebtesten Plätzen auf der Raumfähre Sid Meier 5. Nebukadnezar LXIV. stört das aufkommende Gedränge nicht. Er liebt sein Volk und sein Volk liebt ihn.

Der babylonische Herrscher mit dem prächtigen Bart lenkt seine Aufmerksamkeit auf das Holopad. Mit dieser neuesten Errungenschaft lassen sich unendlich viele Daten zusammenfassen, kombinieren und anzeigen. Jetzt, im Jahre 2040 und auf der Reise zu neuen Sonnensystemen, hält es Nebukadnezar für angemessen die Geschichte seines Heimatplaneten Revue passieren zu lassen. In Sekundenschnelle erfasst das Gerät die benötigten Daten und startet die Sequenz. Vor Nebukadnezar entsteht eine holografische Weltkarte. Nach und nach tauchen verschiedenfarbige Punkte darauf auf. Hellblau, Rot, Weiß, Orange, Gelb sowie Hell- und Dunkelgrün. Nebukadnezar hat keine Schwierigkeiten den Farben die jeweiligen Zivilisationen zuzuordnen: Babylon, Persien, Japan, Polynesien, Siam, Arabien, Äthiopien. Unter Nebukadnezars Bart formt sich ein Lächeln. Keines dieser Völker hatte jemals Streit miteinander. Stattdessen pflegte man uralte Freundschaften, Bündnisse und Handelsabkommen. Selbst das Konzept von Grenzen war in dieser harmonischen Form des Zusammenlebens längst überflüssig geworden.

Staunend verfolgt der Herrscher wie die anfänglichen Punkte zu Flächen heranwachsen. Das babylonische Reich konnte nie mit den Ausmaßen des persischen oder japanischen Reiches mithalten. Aber das machte nichts. Immerhin sind die Babylonier nun auf dem Weg nach Alpha Centauri. Die Neugier und der Wissensdurst haben sich bezahlt gemacht. Schon früh war Babylon den anderen Zivilisationen weit voraus. Nebukadnezar ist stolz, dass dieser technologische Vorsprung nie dazu benutzt wurde, sich über die andere Völker zu erheben. Stattdessen hat man sich der Verantwortung gestellt und weltweite Forschungsabkommen unterhalten.

In diesem Moment lässt sich Nebukadnezar einige Statistiken von seinem Holopad einblenden. Es stimmt, was die Geschichtsbücher erzählen: Die erste Religion wurde in Babylon gegründet. Über 5000 Jahre später sollten 70% der Weltbevölkerung die babylonischen Glaubensgrundsätze teilen. Im Jahr 2040 konnten alle 28 Millionen Babylonier lesen und schreiben. Der Fortschrittsgedanke zieht sich durch die gesamte Geschichte dieses Volkes. Anstatt Geld für Kasernen und Militär auszugeben, flossen sämtliche Mittel in Schulen, Universitäten, Forschungsakademien und die aufregendsten Technologien.

Selbst die Geheimdienste hat Babylon noch vor allen anderen Völkern etabliert. Schon früh schleuste man Spione in die verschiedensten Hierarchieebenen der anderen Staaten ein. Weniger um zu sabotieren, als über sie zu wachen. Nebukadnezar LXIV. ist nicht allzu stolz darauf, muss sich aber auch eingestehen, dass es für das höhere Wohl der Weltbevölkerung unumgänglich war. So wusste Babylon schon früh von Japans geplanter Invasion in Persien. Doch mit viel diplomatischem Fingerspitzengefühl konnte ein Angriff gerade noch abgewehrt werden. So hat es Babylon schon immer gehandhabt. Trotzdem staunt Nebukadnezar über die mittlerweile unveränderlichen Flächen. Vor wenigen Minuten bewegten sich die Farben auf der Karte noch, nun tut sich aber gar nichts mehr, obwohl der Timer unaufhaltsam weiterläuft: 1650, 1700, 1750, 1800, 1820, 1840. Die Welt scheint stillzustehen. Tatsächlich sind die Reiche aber an ihre Grenzen gestoßen. Weitere Expansion ist überflüssig. Ein Krieg lohnt sich wegen der zahlreichen Vergünstigungen aus Handels- und Forschungsabkommen einfach nicht.

Nebukadnezar schaltet das Holopad aus. Mittlerweile wurde die künstliche Beleuchtung auf dem Erholungsdeck deaktiviert, weil die Leuchtkraft der Sonne jetzt vollkommen ausreicht. Der Herrscher spürt wie jemand an seiner Robe zupft. Es ist sein Sohn, noch nicht alt genug für einen Bart, dafür aber vernarrt in Videospiele. Mit seiner kleinen Hand deutet er auf das abgeschaltete Holopad. „Was ist das für ein Spiel? Es sieht ziemlich langweilig aus – keiner führt Krieg und alle haben sich lieb!“ Nebukadnezar schüttelt lachend seinen Kopf. „Das ist kein Spiel, mein Sohn. Es ist die Geschichte unseres Volkes.“ Der Junge blickt verständnislos zu seinem Vater auf und eilt wenig später zu seinen Spielkameraden. Nebukadnezar richtet seinen Blick wieder auf den blauen Planeten. Die Worte des Jungen stimmen ihn nachdenklich. „Was wenn das wirklich nur ein Spiel wäre? So friedlich würde es doch bestimmt nicht ablaufen. Aber vielleicht hatten wir auch einfach nur Glück mit den Parametern“, überlegt Nebukadnezar und muss wieder lächeln. Wohlwollend erinnert er sich an die zurückgelassenen Freunde auf der Erde, wünscht ihnen alles Gute und tut das, was er immer tut, wenn er zufrieden ist: Er fährt sich mit der Hand durch seinen aufwändig geflochtenen Bart.

3 Gedanken zu „Peace ’n‘ Harmony

  1. Du bist nicht zufällig Rollenspieler?
    Bisher einer der schönsten Blogeinträge der letzten Monate🙂

    Ich sollte mal ne Liste veröffentlichen, mit meinen Lieblings-Blogeinträgen.
    Wäre doch mal was🙂

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