Mr. Self Destruct

Was war ich besorgt bei den ersten Vorschaubildern zu Max Payne 3. Dieser gebrochene Ex-Cop trägt plötzlich bunte Hawaii-Hemden und Glatze? Spinnen die bei Rockstar? Nein, so darf man nicht mit Max Payne umgehen. Ganz offensichtlich fehlte dem neuen Entwickler das nötige Gespür, um die tragische Figur auch nur halbwegs ordentlich weiterzuentwickeln. Auf den Bildern war nicht mehr Max Payne, sondern ein 0815-Actionheld zu sehen. Doch ich lag falsch. Und manchmal genügt schon ein Intro, um eine mühsam aufgeschichtete Mauer aus Zweifeln und Vorurteilen einstürzen zu lassen.

Alt ist er geworden. Sein Gesicht ist faltiger denn je. Acht Jahre sind schließlich eine lange Zeit. Wie Max da in der Tür seines Hotelzimmers steht, könnte er fast als normaler Tourist durchgehen – wäre da nicht die wohlbekannte Streichermelodie, die eines ganz deutlich vermittelt: Für Max hat sich rein gar nichts geändert. Noch immer treibt er wie ein Schiffbrüchiger in diesem ekelhaften Bodensatz einer Schnapsflasche, die sich sein Leben schimpft. Wieder und wieder greift er nach Rettungsringen in Tablettenform, wird von ihnen aber nur noch tiefer in das Dunkel aus Erinnerungen und Selbsthass hinabgezogen.

Also alles beim alten? Jein. In den beiden Vorgängern bemühten sich die Entwickler Max‘ Seelenleben durch innere Monologe und die kultigen Comics darzustellen. Für den dritten Teil wurden die Comicsequenzen zugunsten einer zunehmend filmischen Inszenierung geopfert. Etwa drei Stunden Cutscenes bietet Max Payne 3 und orientiert sich somit deutlich an anderen Rockstar-Titeln wie Red Dead Redemption oder GTA IV.

Die neue Inszenierungsweise bietet reichlich Raum, um auch den körperlichen Verfall des Protagonisten zu vermitteln. Und ich spreche hier nicht von einem wackeligen Fadenkreuz. Das wäre wohl die naheliegendste, ganz sicher aber auch die langweiligste Lösung gewesen. Stattdessen bombardiert Rockstar die Netzhaut des Spielers mit Farbverläufen, Überblendungen, verschiedenen Filtern oder Bildteilungen im Stile von „24“. Das bloße Zusehen wird zur Anstrengung. Max‘ Wahrnehmungsapparat gleicht einer dauergeöffneten Diskothek. Jahrelanger Alkohol- und Schmerzmittelmissbrauch fordert nun mal seinen Tribut.

Genützt hat es freilich nichts. Noch immer quälen Max die Erinnerungen an seine ermordete Familie und die Spätfolgen der zerstörerische Beziehung mit Femme fatale Mona Sax. Was Max braucht, ist ein echter Neuanfang. Zu Beginn des dritten Teils scheint er den auch gefunden zu haben. In São Paulo arbeitet Max als Leibwächter für die einflussreiche Branco-Familie. Obwohl der Job der dringend benötigte Ruhepunkt für Max ist, hat der nichts als Verachtung für die High Society São Paulos übrig. Während die Reichen und Schönen in ihren Glaspalästen eine Party nach der anderen schmeißen, herrschen in den Slums kriegsähnliche Zustände. Straßengangs terrorisieren die Schwachen und tragen untereinander ihre erbarmungslosen Kämpfe um Drogen, Waffen, Prostituierte – kurz: Geld – aus. Umso passender ist es also, wenn Mitglieder besagter Gangs eine Party stürmen und die Frau von Max‘ Auftraggeber entführen.

Gäbe es ein zentrales Thema in Max Payne 3, es wäre wohl Erlösung. Die Rettung von Fabiana Branco ist nämlich nur der Stein des Anstoßes für Max‘ allmählichen Ausbruch aus seiner Abwärtsspirale. Optimismus sucht man hier dennoch vergebens. Noch nie waren die inneren Monologe von Max so zynisch und bissig wie im aktuellen Teil. Schließlich wurde Max in der Vergangenheit schon oft genug enttäuscht, verraten und benutzt. Dieser Typ hat den Glauben an das Gute im Menschen längst verloren. Max hat nichts mehr zu verlieren. Ihm ist alles scheißegal und das merkt man ihm bei seinen Kommentaren deutlich an.

Da ist es umso erstaunlicher, dass er trotzdem sympathisch bleibt – immerhin ist er ein griesgrämiger Säufer. Vielleicht ist es Mitleid, möglicherweise aber auch ein Stück weit Respekt: Max musste mehr ertragen als jeder andere und steht, pardon, wankt immer noch auf zwei Beinen. Auch seine Opferbereitschaft für Fabiana, eine Frau, die im Grunde nur ein Job ist, verlangt Bewunderung. Max ist mehr als ein gefallener Ex-Cop. Er folgt einem strikten Kodex. So strikt, dass er ohne Zögern den Sohn eines Mafiapaten umlegt weil er eine Frau vor seinen Augen geschlagen hat. Extrem? Vielleicht. Konsequent? Auf jeden Fall. Max Payne 3 ist voll mit solchen Szenen, in denen sich Max aufopferungsvoll um Unbeteiligte sorgt. Damit kommt ein bisher gänzlich unbekannter Teil seiner Persönlichkeit zum Vorschein.

Unschuldige sind aber auch im neuen sonnendurchfluteten Setting von São Paulo ein rares Gut. Die brasilianische Metropole ist wie New York City ein Sammelbecken für zwielichtige Gestalten, mit dem Unterschied, dass Max diesmal ihre Sprache weder spricht noch versteht. Übrigens eine großartige Designentscheidung, die portugiesischen Dialoge nicht zu untertiteln. Dadurch kann man wie Max höchstens an der Stimmlage erkennen, ob einem der Gegenüber wohlgesonnen ist. Überraschung: Meistens ist er es nicht. Auf eindeutige Schwarz-Weiß-Malerei bei den Figuren verzichtet Rockstar. Max ist ja selbst kein strahlender Held, sondern nur die am wenigsten dreckige Gestalt in diesem Haifischbecken. Insofern bleibt Max Payne 3 auch im neuen Setting dem Film noir treu.

Bevor Max allerdings wieder mit sich und der Welt ins Reine kommen kann, erwartet ihn ein Höllentrip in die dunkelsten menschlichen Abgründe. Vor allem in den verwinkelten Favelas darf man sämtliche Hoffnung fahren lassen. Max wird dort zum Fremdkörper zwischen rivalisierenden Gangs, feindseligen Einheimischen und amoklaufenden Paramilitärs. Entwickler Rockstar scheut wie schon in der GTA-Serie nicht vor Gesellschaftskritik zurück, mit dem Unterschied, dass hier das Augenzwinkern wegfällt. Die Welt von Max Payne 3 ist hässlich, erbarmungslos und stinkt mit all ihren Lügen und Intrigen bis zum Himmel.

Man merkt es sicher schon: Technik, Spielmechanik, Multiplayer, Shootouts oder Bullet Time waren für mein persönliches Spielerlebnis eher nebensächlich. Nur so viel: Sie funktionieren prächtig und bereiten eine Menge Spaß. Trotzdem. Die Figur Max Payne, ihre Entwicklung und die Story waren für mich so viel spannender, dass ich sogar mit eingeschalteter Zielhilfe gespielt habe, um so unkompliziert wie möglich zur nächsten Cutscene zu gelangen. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. Max Payne 3 ist ein düsterer und fiebriger Action-Thriller, brillant inszeniert und respektvoll im Umgang mit seinem tragischen Hauptcharakter. Und wenn sich Max nach all den Strapazen auch nur etwas verdient hat, dann ja wohl Respekt.

Entwickler: Rockstar Games
Plattform: PC, Playstation 3, Xbox 360
Erscheinungsjahr: 2012

2 Gedanken zu „Mr. Self Destruct

  1. Also ich muss dazu sagen, dass ich Rockstars schritt was das „Design“ von Payne betrifft, sehr bewundere. Ich finde er sieht nichtmehr so aalglatt bzw. 08/15-Actionheld mäßig aus.

    Allerdings muss ich auch eingestehen, dass mir der Protagonist, trotz seiner Falten, seine Blessuren und seiner Menschlichkeit nach wie vor viel zu unsympathisch ist, als dass ich ernsthaft Spaß an der Story haben könnte.

    • Ja, absolut. Man darf ja nicht vergessen, dass die ganzen Vorschaubilder aus dem Kontext gerissen waren. Im Spiel wird der neue Look ja plausibel erklärt.

      Dass dir Max abseits davon eher unsympathisch ist, kann ich aber nachvollziehen. Ist letztlich wohl auch nur eine weitere Geschmacksfrage. Allgemein finde ich das Wort „sympathisch“ für Max ohnehin recht problematisch. Er ist jetzt kein Typ mit dem ich ein Bierchen trinken würde, mal ganz davon abgesehen, dass die Bar danach ein Schutthaufen wäre. Aber ich kann seine Beweggründe und Handlungen nachvollziehen und das ist gerade bei so einer komplett kaputten Figur schon ein ziemliches Kunststück.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s