Drive

Was ist schon cool? Cool ist vor allem ein Adjektiv, das nie wirklich passt. Eines dieser schwer fassbaren Wörtern, die wegen ihres übermäßigen Gebrauchs schon längst zu sinnentleerten Hüllen verkommen sind. Mangels objektiver Kriterien bleibt das Urteil über cool oder nicht cool eine Entscheidung des Bauchgefühls. Doch im Falle von Nicolas Winding Refns Film „Drive“ stehen die Zeichen eindeutig auf cool.

Das fängt schon beim Hauptprotagonisten (Ryan Gosling) an. Einen Namen hat er nicht. Von seinem Boss und Kumpel Shannon (Bryan Cranston) wird er väterlich Kid genannt, doch eigentlich ist er nur als Driver bekannt. Gekleidet in eine speckige Jacke mit Skorpion auf der Rückseite und stets mit einem Zahnstocher im Mundwinkel, wirkt der Driver wie ein Klischee, ein Abziehbild von Filmhelden der 70er und 80er Jahre. Driver spricht fast nie, seine Miene ist unergründlich und wie versteinert. Kurz: Dieser Typ strahlt echte Coolness, hier als eine Mischung aus Unnahbarkeit und Überlegenheit, aus.

Tagsüber verdient er sich sein Geld in Shannons Werkstatt oder fährt für Filmproduktionen Wagen zu Schrott. Nachts bietet er seine Dienste als hocheffizienter Fluchtwagenfahrer an. Driver ist nicht unbedingt ein krimineller Typ, eher jemand, der das beste aus seinen Fähigkeiten macht. Ganz gleich ob während oder abseits der Jobs: Driver funktioniert so präzise wie die Armbanduhr an seinem Lenkrad. Erst als sich er und seine Nachbarin Irene (Casey Mulligan) näherkommen, droht die Ordnung aus dem Takt zu geraten…

Die Story von „Drive“ mag nicht sonderlich originell sein. Tatsächlich lässt sie sich sogar auf „Mann verliebt sich in Frau und kommt deswegen in Schwierigkeiten“ herunterbrechen. Doch das wäre nicht nur zu kurz gedacht, sondern auch ziemlich unfair. Für Regisseur Nicolas Winding Refn und seine Schauspieler ist die Handlung nur das Grundgerüst, das all die mannigfaltigen Facetten dieses Films zusammenhält. Denn „Drive“ ist vor allem eines: Ein hochstilisierter audiovisueller Rausch.

Schon die Eröffnungssequenz vermittelt die Sorgfalt mit der Refn seinen Film anlegt, um einen deutlichen Kontrast zu 0815-Blockbustern a lá The Fast and the Furious schaffen: Wir beobachten den Driver bei einem seiner nächtlichen Jobs. Er und die zwei Gangster auf der Rückbank sind auf der Flucht vor der Polizei. Wo sich nun in anderen Filmen schätzungsweise fünf Autos überschlagen und drei weitere explodieren würden, passiert in „Drive“ so gut wie gar nichts. Es gibt keine rasante Verfolgungsjagd. Der Driver geht mit Taktik und Raffinesse vor, schlängelt sich durch Nebenstraßen des nächtlichen L.A. und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Keine Flüche, keine Häme gegenüber den Cops, gar nichts. Das alles erinnert an ein motorisiertes Katz- und Maus-Spiel und ist in Verbindung mit dem leise blubbernden Synthie-Soundtrack ein Genuss für Augen, Ohren und Nerven.

Refn überlässt auch im weiteren Filmverlauf nichts dem Zufall. Wie auf einer Perlenschnur reiht er eine wunderbar gefilmte Szene an die nächste. Der dänische Regisseur gibt sich stilsicher, speist einen subtilen 80er-Jahre-Vibe in die Bilder, lässt ihnen aber ihre Eigenständigkeit. Refn spielt virtuos mit Zeitlupe und der Lichtstimmung. Diese ganz eigene Ästhetik und Bildsprache lassen „Drive“ stellenweise wie einen Traum wirken. „Drive“ ist ein perfekt geschliffenes, in Neonfarben funkelndes Juwel.

Nicht weniger glänzend ist die überschaubare Schauspielerriege. In den Nebenrollen brillieren etwa Ron Perlman, Albert Brooks, Oscar Isaac oder Christina Hendricks. Und dann ist da eben noch dieser großartige Ryan Gosling, dem es scheinbar mühelos gelingt eine stoische und zurückhaltende Figur wie den Driver mit Leben zu erfüllen. Nur in den eruptiven Gewaltspitzen des Filmes lässt der Driver seine Maske fallen, gibt uns eine Ahnung von den dunklen Abgründen hinter seinem regungslosen Gesicht. Doch vor allem gegenüber Irene wird er wieder zum schweigsamen Einzelgänger. Die zarte Romanze zwischen den beiden bedarf auch gar keiner großen Reden. Hier ein zu langer Blick, da ein flüchtiges Lächeln und der Zuschauer weiß was Sache ist. Ganze Dialoge spielen sich auf diese Weise ab und unterstreichen das Talent von Ryan Gosling und Carey Mulligan.

„Drive“ ist weder Arthouse noch Mainstream. Er bedient sich aus beiden Sparten. Ganz sicher ist aber, dass Refns Neo-Noir-Thriller einer der aufregendsten Filme des Jahres ist. Kunstvolle Bildkompositionen gehen eine symbiotische Verbindung mit Cliff Martinez‘ hervorragendem Soundtrack und Stücken von Kavinsky, Desire oder College ein. Action wird nur sparsam eingesetzt, viel wichtiger sind die Figuren. „Drive“ erzählt eine bittersüße Liebesgeschichte, ist gleichzeitig brutal und wunderschön, ein elektrisierendes Erlebnis und von hypnotischer Sogwirkung.

Unverschämt cool eben.

Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Nicolas Winding Refn
Drehbuch: Hossein Amini, James Sallis (Romanvorlage)
Darsteller: Ryan Gosling, Carey Mulligan, Bryan Cranston, Albert Brooks u.a.

3 Gedanken zu „Drive

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