52 Games #25: Meilenstein

Ups, zu spät. Egal, hiermit hole ich das Thema offiziell nach. Entschuldigung angenommen? Prima. Nicht dass ihr eine andere Wahl hättet. Für derart halbherzige Rechtfertigungen wäre ich in Operation Flashpoint – Cold War Crisis von meinem Sergeant zu 50 Liegestützen verdonnert worden.

Denn in Bohemia Interactives Militärshooter sind wir nur ein kleines Rad in einer NATO-Truppe, die auf der fiktiven Insel Malden stationiert ist. Als junger Soldat David Armstrong verbringen wir die Zeit nach der Grundausbildung mit zermürbender Warterei. Bis sowjetische Streitkräfte die neutrale Nachbarinsel Everon besetzen und die Welt somit am Rande eines dritten Weltkriegs steht, denn der Untertitel verrät es schon: Wir befinden uns mitten im Kalten Krieg.

Das Szenario macht natürlich noch keinen Meilenstein. Tatsächlich war es der (mir) bis dato unbekannte Grad an Realismus: Gewehrkugeln beschreiben eine Flugkurve, Treffer sind in den allermeisten Fällen tödlich, die Orientierung geschieht per Kompass und Landkarte, und, und, und… das klingt nicht nur nach hochrealistischer Militärsimulation, das ist es auch. Die Hintergrundgeschichte um einen abtrünnigen sowjetischen General sorgt für die nötige Erdung: Operation Flashpoint ist in erster Linie ein Spiel und kein Ausbildungsprogramm für angehende Marines.

Zwar kommt auch Operation Flashpoint nicht ohne wehende Flaggen und patriotische Reden aus. Der hohe Realismus verhindert aber, dass wir uns „guns blazing“ und mit der amerikanischen Nationalhymne auf den Lippen in die Gefechte stürzen. Denn wir schleppen kein halbes Waffenarsenal mit uns herum, beißen ohne Deckung schnell ins Gras und der Feind ist uns zahlenmäßig sowieso überlegen. Letzteres bekommen wir im Verlauf der Kampagne mehrfach zu spüren. Wenn sich beispielsweise Private Armstrong aus sowjetischer Gefangenschaft befreit und sich durch das besetzte Hinterland schlagen muss – natürlich ohne Waffen und Orientierungshilfen. Doch zum Glück gibt es auch am digitalen Nachthimmel den Polarstern…

Operation Flashpoint entwirft ein beklemmendes Bild vom Kalten Krieg, der gerade dabei ist heiß zu werden. Die Verunsicherung über die atomare Bedrohung und Invasion der Sowjets ist immer wieder Thema in den Gesprächen mit den Kameraden. Überhaupt entwickelt sich schnell ein Gefühl des Zusammenhalts mit den computergesteuerten Kollegen. Doch nichts hält ewig, schon gar nicht im Krieg. Fallen unsere Kameraden im Kampf, geht das sehr unspektakulär über die Bühne. Kein heldenhaftes letztes Gefecht, kein „Geht ohne mich weiter“. Sie fangen sich einfach eine Kugel und sind tot. Manchmal werden wir uns dessen erst bewusst, wenn ihre Stimme nicht mehr über Funk zu hören ist. Der Tod ist in Operation Flashpoint erstaunlich unaufgeregt und womöglich gerade deswegen so schockierend.

Nochmal zusammengefasst: Warum soll Operation Flashpoint ein Meilenstein sein? Weil es die erste Militärsimulation war, die sich richtig angefühlt hat, so martialisch das auch klingen mag. Riesige Landschaften, potthässliche Grafik, unglaublich schwer, ein Speichersystem aus der Hölle. Nicht zuletzt gäbe es ohne Operation Flashpoint kein ArmA und ArmA 2 und damit auch kein DayZ, was all die hippen Leute momentan spielen. Operation Flashpoint ist aber auch ein klares Statement: Kriegerische Auseinandersetzungen, ganz egal in welcher Größendimension, sind immer scheiße.

Dieser Artikel zum Thema “Meilenstein” entstand im Rahmen des Projekts “52 Games” von Zockwork Orange.

2 Gedanken zu „52 Games #25: Meilenstein

  1. Dein Beitrag gefällt mir sehr gut. Wäre ich sonst gar nicht drauf gekommen, Operation Flashpoint als Meilenstein einzuordnen, aber deine Argumentation finde ich schon schlüssig. Operation Flashpoint war als Spiel in nichts richtig gut, weder bei Gameplay, Grafik etc., aber es hat sich ernst genommen. Das ist schon mutig bei einem Militärshooter (oder wie man es auch einordnen mag).

    • Bei dem Argument mit der Grafik gebe ich dir recht. Im Vorfeld es Artikels habe ich mir nochmal Videos und Screenshots angesehen – das war alles schon seeehr zweckmäßig damals. Sicher, das Gameplay an sich war hochkompliziert und brauchte einiges an Einarbeitungszeit, aber mit genügend Ausdauer hat es dann doch geflutscht.

      Zumal ich es dem Spiel immer noch hoch anrechne, dass ich dort ohne Probleme einen Helikopter mit Maus und Tastatur fliegen konnte🙂

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