The Gaslight Anthem – Handwritten

Es ist wieder Zeit für Karohemden, Tattoos über dem Herzen, Oldtimer und natürlich auch für die ewigen Springsteen-Vergleiche: The Gaslight Anthem schlagen das vierte große Kapitel ihrer Karriere auf. In Nashville wurde es geschrieben, dieser musikhistorisch so bedeutsamen Stadt, die unzählige Country-Sänger, Singer-Songwriter, Musikverlage und Plattenfirmen hervorgebracht hat. Der Beiname „Music City USA“ kommt eben nicht von ungefähr.

In eben diesem Umfeld hat Brian Fallon, so man es ihm glauben will, das vierte Album auf sehr traditionelle Weise geschrieben: Statt am Computer zu arbeiten und damit bei Bedarf verhunzte Texte mittels Tastenkombination auf Anfang zu setzen, hat sich Fallon auf Stift und Notizbuch beschränkt. Mit jeder vollgekritzelten Seite kamen neue Songs, aber auch Änderungen und Fehlerchen dazu, bis schließlich alles komplett war. Der Albumtitel „Handwritten“ ist somit die ebenso simple wie logische Antwort auf diesen Schaffensprozess.

Mit ihrem vierten Album bewegen sich The Gaslight Anthem keinen Millimeter von ihrem angestammten Platz weg. Tiefgreifende Innovationen oder eine spürbare Weiterentwicklung sucht man auf „Handwritten“ vergebens: Alex Rosamilias verspielte Gitarre tänzelt nach wie vor um Brian Fallons eindringliche Stimme. Die konnte sich (zum Glück) etwas vom Abwechslungsreichtum aus dem Projekt The Horrible Crowes bewahren. Und die Rhythmussektion? Auch da ist alles beim Alten geblieben. Alex Levine und Benny Horowitz peitschen ihre Mitmusiker wie gewohnt mit Bass beziehungsweise Schlagzeug durch die elf Songs.

The Gaslight Anthem sind etwas ganz besonderes für mich. Ihre Musik begleitet mich seit ich die Sicherheit des Elternhauses hinter mir gelassen habe. Flügge werden mit The Gaslight Anthem sozusagen. Diese Band hat mich mehrmals dazu verleitet, an warmen Sommerabenden ins Auto zu steigen und mit heruntergekurbelten Scheiben ziellos durch die Gegend zu fahren. Natürlich mit ihrer Musik im Radio. In einer Lautstärke, die ganze Straßenkreuzungen unterhalten könnte und tatsächlich auch getan hat. Wir haben einiges erlebt. So viel, dass ich bei der Besprechung zum vierten Album gar nicht so objektiv sein kann, wie ich es gern wäre. Denn Alben von The Gaslight Anthem sind seit jeher eine Herzensangelegenheit. Und wie das mit Herz und Kopf immer ist, muss ich wohl nicht näher erläutern.

Ich könnte mich zum Beispiel über die neu hinzugekommenen Ohooos, Shalalaaas und Heeeeys ärgern, mit denen The Gaslight Anthem in Richtung der ganz großen Bühnen schielen. Wie unnötig das aber auch ist! Denn dass sie dort ohne solche unsinnigen Stadionrock-Einlagen überleben können, haben sie in der Vergangenheit schon mehrfach bewiesen. Es ist wie mit einem guten langjährigen Freund: Die alten Macken hat man längst akzeptiert, über die neuen kann man kopfschüttelnd hinwegsehen. Nach all der Zeit ist man sich das auch irgendwie schuldig.

Wirklich böse kann man ihnen als treuer Fan ohnehin nicht sein. Denn noch immer träumen diese vier Jungs ihren charmanten weil naiven Americana-Traum. Mit Oldtimern, Blue Jeans und Karohemden, schönen Frauen und liebgewonnenen Schallplatten. Der amerikanische Traum ist für Brian Fallon und seine Jungs nichts woran man zweifeln müsste. Und das ist gut so, schließlich werden aus diesem unbedingten Glauben einmal mehr fantastische Hymnen geboren. Der Titeltrack „Handwritten“ ist so eine. Oder die äußerst schmissige Single „45“, der Wirbelsturm namens „Howl“ oder das stampfende „Keepsake“. Etwas komplexer, aber noch lange nicht verkopft sind dann schon der Bluesrocker „Too Much Blood“ oder das ausufernde „Biloxi Parish“. „Mae“ hingegen ist wieder einer dieser Songs, der Herzen kitten, in einem unachtsamen Moment aber genauso gut brechen kann.

Klar, mit „Handwritten“ gehen The Gaslight Anthem auf Nummer sicher. Was Brian Fallon und seine Mitmusiker hier abliefern, kann im besten Sinne des Wortes als routiniert bezeichnet werden. Die Zutaten sind eh schon seit den ersten Alben bekannt und müssen nur immer wieder neu kombiniert werden. Ein paar gänzlich neue würden der Rezeptur aber auch nicht schaden. Bis es aber soweit ist, darf wieder gepflegt die Faust in den Himmel gestreckt und lautstark mitgesungen werden. Der Kopf kann aus bleiben, denn das hier ist immer noch Musik fürs Herz, für den Blutdruck, für die Endorphine.

Tracklist:

 

 

 

 

01. „45“
02. Handwritten
03. Here Comes My Man
04. Mulholland Drive
05. Keepsake
06. Too Much Blood
07. Howl
08. Biloxi Parish
09. Desire
10. Mae
11. National Anthem

Spielzeit: 40:50

4 Gedanken zu „The Gaslight Anthem – Handwritten

  1. Pingback: Jahresrückblick 2012: Hören | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

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