Slender

Seit ein paar Tagen fühle ich mich wieder wie ein Kleinkind. Nein, ich mache dem Nachbarsjungen keine Konkurrenz im Sandkasten und mein Bett ist morgens so trocken wie am Abend davor. Mir geht es um etwas ganz anderes: Die Angst vor der Dunkelheit ist wieder da. Aber der Reihe nach.

Alles begann mit einem harmlosen Tweet des geschätzten Bluntman3000 von Kopftreffer:

Mit „uns“ meint er die nicht ganz so anonymen Amnesia-Schisser.  Wir stehen zu unserem, nun ja, Respekt vor diesem Spiel. Mittlerweile kann ich aber wieder problemlos einschlafen: Amnesia ist längst überstanden und damit auch der Schrecken. Zumindest bis zum Klick auf den obigen Link. Dahinter verbirgt sich ein Spiel, welches in einigen Punkten noch viel furchteinflößender ist als Frictional Games‘ Reise in den Wahnsinn: Die Rede ist von Slender.

Nur mit einer Taschenlampe ausgerüstet, sollen wir acht Manuskriptseiten aufspüren. Die berichten vom sagenumwobenen Slender Man, einem großen, hageren Wesen ohne Gesicht, das einen schwarzen Anzug trägt und seine Gliedmaßen auf unnatürliche Weise strecken kann – wenn man den Gerüchten glauben will. Das Problem an der nächtlichen Schnitzeljagd: Der Slender Man ist real und hat es auf uns abgesehen.

Allein bei den Texten auf der dazugehörigen Website lief es mir kalt den Rücken runter. Nach ein paar Recherchen wurde vieles klarer: Der Slender Man ist nichts weiter als eine Urban Legend, eine von Internetusern erdachte Kreatur. Dumm nur, dass ihn das kein Stück weniger bedrohlich macht, ganz im Gegenteil.

Denn das Wissen über den Slender Man setzt sich im Kopf fest und leitet jede unserer Bewegungen. Entfernte Tiergeräusche und der Lichtkegel unserer Taschenlampe scheinen dem Wald seine Normalität zurückgeben zu wollen, doch damit ist es vorbei: Längst ist der Wald zu einem mystischen Ort geworden, zum Reich einer Kreatur, die wir (noch) nicht sehen können, deren Präsenz aber deutlich zu spüren ist.

Ganz bewusst habe ich die Stimme der Vernunft in meinem Kopf ignoriert: Nichtwissen kann unter Umständen ein Segen sein, auf der Suche nach den Teilen des Manuskripts war mir das aber egal. Und so habe ich alle paar Meter eine Pause eingelegt, um die endlosen Baumreihen mit der Taschenlampe auszuleuchten. Dass alles ganz normal schien, hat die Sache nicht leichter gemacht, sondern die Anspannung nur weiter verstärkt. Einige Minuten später – ich hatte die erste Seite in meiner Tasche – ging alles ganz schnell:  Ein Blick auf die noch weit entfernte Kreatur genügte, um mich panisch im Stuhl zurückschrecken zu lassen. Instinktiv schnellte meine linke Hand zur Escape-Taste und die rechte zum Lichtschalter.

So sieht also der aktuelle Zwischenstand aus: Die erste von insgesamt acht Seiten ist geborgen. Um ehrlich zu sein, hege ich starke Zweifel daran, ob ich jemals die restlichen sieben finden werde. Nur der Gedanke an einen neuen Waldbesuch treibt meinen Puls in die Höhe. Ganz im Gegensatz zu Amnesia gibt es im Wald von Slender keinen Rückzugspunkt, denn das Wesen kann immer und überall auftauchen.

Slender lässt sich wohl am ehesten als eine spielbare Version von Blair Witch Project begreifen. Schließlich kommen hier ganz ähnliche Mittel zum Einsatz: Orientierungslosigkeit, Volksmärchen, Dunkelheit. Das Spiel des Entwicklers Parsec Productions setzt bei menschlichen Urängsten an und beweist eindrucksvoll, wie wenig es braucht um uns das Fürchten zu lehren.

Slender ist gratis und zudem nur 55 MB groß. Wegen des großen Ansturms ist ein Download von der offiziellen Seite derzeit nicht möglich. Hier geht es trotzdem. Auf einen Trailer soll an dieser Stelle bewusst verzichtet werden.

Entwickler: Parsec Productions
Plattform: Mac, PC
Erscheinungsjahr: 2012

2 Gedanken zu „Slender

  1. Pingback: Jahresrückblick 2012: Knöpfe drücken | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

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