52 Games #21: Mut

Nach dem dritten Heulen der Lagersirene schlug Adam Adamsen seine Augen auf. Noch einmal in der Koje herumdrehen war ein Luxus, den er sich nicht leisten konnte. In der Kantine würgte er hastig sein Frühstück runter. Frühstück, das war in diesen Zeiten nur ein graues Konzentrat aus Kohlenhydraten, Vitaminen und Mineralstoffen. Nicht lecker, dafür aber einfach und effektiv. So wie Adam Adamsen.

Auf dem Weg in die Garage konnte er noch kurz seine Kollegen von der Nachtschicht grüßen. John Johnson und Hugh Hughes. Von Gabe Gabeson fehlte aber jede Spur. Als Johnson und Hughes den verwunderten Gesichtsausdruck ihres Kollegen bemerkten, deutete Hughes mit einer Armbewegung eine Explosion an. „Oh nein, nicht Gabeson!“. Doch Adam konnte keine weiteren Gedanken an seinen verpufften Ex-Kollegen verschwenden. Hastig stieg er hinter das Lenkrad seines Sammlers und startete das Gefährt über einige nachträglich hinzugefügte Steuergeräte.

Am Eingang der Basis rief ihm ein Wachposten noch etwas hinterher, doch ging das im Motorenlärm des Sammlers unter. Im Rückspiegel sah Adamsen wie die Wache in Richtung eines nahen Tiberiumfeldes gestikulierte. „Der muss mir meinen Job ganz bestimmt nicht erklären.“, dachte Adamsen und beschleunigte weiter. Immerhin war er mit Herz und Seele Sammler, wie schon sein Vater, Großvater, Urgroßvater und alle seine Brüder. Von Abel bis Axel.

Die Verantwortung über einen Tiberiumsammler zu haben, war nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Aufgabe, für die eine gehörige Portion Mut erforderlich war. Adam war sich dessen bewusst. Schließlich steuerte er seinen Sammler jeden Tag mit schlafwandlerischer Sicherheit durch den nahen Stützpunkt der Bruderschaft von Nod, um deren Tiberiumfeld abzuernten. Natürlich sah das die Bruderschaft gar nicht gern. Feindliche Infanteristen waren für Adam das geringste Problem. Ein beherzter Druck auf das Gaspedal und der arme Tropf war Geschichte. Komplizierter verhielt es sich mit Panzern. Glücklicherweise sind Sammler gut gepanzert, wodurch Adam seine Fracht bisher immer fristgerecht, wenn auch stark lädiert, im GDI-Stützpunkt abliefern konnte. Kein Problem für einen Mann mit Nerven wie Drahtseilen. Über ärgerliche Zurufe von Mechanikern und ranghohen Offizieren konnte er nur müde lächeln. Schließlich hatte er mal wieder für eine Ladung frisches Tiberium gesorgt!

Doch heute war etwas anders. Normalerweise hätte er schon fünf Wachposten überfahren und drei Nod-Mods ausweichen müssen. Stattdessen stand unweit des grün schimmernden Mineralienfeldes ein Gebäude, das gestern noch nicht da stand. Hoch und ein wenig gekrümmt ragte es in den Morgenhimmel. Die Spitze pulsierte nur ganz schwach in einem Rot, wie es für die Bruderschaft typisch war. Adamsen ließ sich von der fremdartigen Struktur nicht weiter einschüchtern, fuhr die Greifarme des Sammlers aus und machte sich an die Arbeit. Ein roter Lichtblitz, das war alles, was Adam Adamsen in seinen letzten Momenten sah.

Ein Fluchen ging durch die Kommandozentrale der GDI: Wo eben noch ein leuchtender Punkt auf einer holografischen Landkarte zu sehen war, war jetzt nur noch eine schwarze Fläche. Der Commander rupfte sich ein weiteres seiner rar gewordenen Haare aus. Ähnliche Vorfälle hatten ihn in den vergangenen Jahren den Großteil seiner einst stolzen Haarpracht gekostet. Kopfschüttelnd wandte er sich an seinen Unteroffizier: „Das war der Sammler von Adamsen.“ Für einen Moment blickte er nur auf das Hologramm eines Sammlers, bevor er mit einem Seufzen fortfuhr: „Wissen Sie, ich schätze es wenn Männer Mut beweisen. Doch entweder sind die Fahrer unserer Sammler mutiger als gut für sie ist oder hochgradig bescheuert.“

Dieser Artikel zum Thema “Mut” entstand im Rahmen des Projekts “52 Games” von Zockwork Orange.

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