The Divide

Stell dir vor, du stehst an deinem Fenster und draußen geht die Welt unter. Ein solches Horrorszenario widerfährt Eva (Lauren German) in „The Divide“. Noch während ihr angesichts der atomaren Katastrophe eine stumme Träne über die Wange kullert, wird sie auch schon von ihrem Mann Sam (Iván González) aus der Wohnung gezerrt. Gemeinsam mit einer Handvoll anderer Bewohner retten sie sich in das bunkerartige Kellergewölbe des Wohnblocks.

In unter zwei Minuten leitet Regisseur Xavier Gens in den Hauptteil seines Endzeitfilms über. Für die Details der Katastrophe bleibt da natürlich keine Zeit: Was ist eigentlich genau passiert? Wer hat die Atombombe gezündet? Antworten auf diese Fragen bleibt Gens seinen Figuren und dem Zuschauer bis zum Abspann schuldig. Die Gruppe aus Überlebenden hat aber auch ganz andere Probleme. Denn Hausmeister Mickey (Michael Biehn), in dessen Keller sich die Flüchtlinge gerettet haben, ist ganz und gar nicht davon angetan, die knappen Nahrungs- und Wasservorräte mit neun weiteren Mäulern teilen zu müssen. Für reichlich Konfliktpotenzial ist also gesorgt.

Postapokalyptische Szenarien stellen nicht nur Extremsituationen dar, sondern sind immer auch Gedankenspiele: Wie verhält sich der Mensch, wenn die Zivilisation mit ihren gewohnten Strukturen nicht mehr existiert, wenn Normen und Werte langsam vor die Hunde gehen? Schon 2009 gelang es John Hillcoat mit seiner Adaption von Cormac McCarthys Bestseller „The Road“ das bedrückende Bild eines verbrannten Amerikas auf die Leinwand zu bringen. Xavier Gens konzentriert sich hingegen ganz auf die Dynamik innerhalb der Kellermauern und kreiert somit ein äußerst unbequemes Kammerspiel.

Denn es kommt wie es kommen muss und die anfängliche Wir-schaffen-das-Mentalität muss schon bald vor der bitteren Realität kapitulieren. Draußen lauern der sichere Strahlentod und bewaffnete Männer in Schutzanzügen, drinnen treten Wahnsinn und Werteverfall immer mehr zutage. Die Zustände verschärfen sich unaufhaltsam und so schlägt der Galgenhumor auch schon mal in Verzweiflung, Vorwürfe und Verdächtigungen um. Diese gipfeln wiederum in schwer verdaulichen Gewaltausbrüchen. Überhaupt scheint es so, als ob Xavier Gens ganz bewusst Grenzen überschreiten wollte. Die harte körperliche und sexuelle Gewalt mag angesichts der schwindenden geistigen Gesundheit der Kellerbewohner nachvollziehbar sein, leicht konsumierbar macht sie das aber noch lange nicht.

Die Handlung von „The Divide“ ist mit kleinen Wendungen gespickt, kann letztlich aber nicht über die Schwächen bei der Charakterentwicklung hinwegtäuschen. So glänzt der Film zwar mit der schrittweisen Darstellung des körperlichen Verfalls, die geistige Degeneration vollzieht sich jedoch zu plötzlich. Hinzu kommen die flachen Charaktere, welche geradewegs aus einem x-beliebigen Horrofilm stammen könnten. Alle sind sie mit an Bord: Der Draufgänger, der Nachdenkliche, das Weichei oder der harte Hund. Den Darstellern bleibt so freilich wenig Raum, um den Figuren ein Profil zu verleihen. Und das ist schade. Denn die schauspielerische Leistung ist trotz der eng gesteckten Grenzen beachtlich. Lob gilt vor allem Michael Biehn, Milo Ventimiglia und Michael Eklund, die in einigen der denkwürdigsten und erschütterndsten Szenen auftrumpfen können.

Trotz deutlicher Schwächen bei Geschichte und Charaktertiefe ist „The Divide“ ein intensives und verstörendes Filmerlebnis. Xavier Gens wirft einen zutiefst pessimistischen Blick auf die Menschheit nach der totalen Katastrophe. Statt an einem Strang zu ziehen, gilt letzten Endes nur die Maxime „Jeder ist sich selbst am nächsten“. Obwohl der Film diese Karte beizeiten auf den Tisch legt und die Handlung somit relativ vorhersehbar wird, bleibt die Durchführung schockierend. „The Divide“ ist unbequem, schonungslos, konsequent. Seinen Unterteil trägt der Film völlig zu Recht: The lucky ones died in the blast.

Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 108 Minuten
Regie: Xavier Gens
Drehbuch: Karl Mueller, Eron Sheean
Darsteller: Lauren German, Michael Biehn, Milo Ventimiglia, Michael Eklund u.a.

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