Indie Game: The Movie


Selbst wenn du, geschätzter Leser, nichts mit Videospielen anfangen kannst, oder du beim Begriff „Indie Games“ an kleine hässliche Spiele denkst, die mit ihrer lächerlichen Grafik ja gar keinen Spaß machen können, dann lass das Browserfenster bitte noch einen Moment offen. Denn anders als der Titel der Dokumentation vermuten lässt, geht es bei „Indie Game: The Movie“ vordergründig gar nicht um die Spiele oder deren Entwicklung, sondern um die Menschen dahinter.

„Indie Game: The Movie“ konzentriert sich auf die kreativen Köpfe hinter drei der erfolgreichsten Indie Games überhaupt: Edmund McMillen und Tommy Refenes (Super Meat Boy), Jonathan Blow (Braid) und Phil Fish (Fez). Vier ganz unterschiedliche Menschen, die aber eines verbindet: Hemmungslose Leidenschaft für Spiele, Programmierung, vor allem aber für den kreativen Schaffensprozess an sich. In den Interviews wird schnell deutlich, dass es ihnen nicht darum geht besonders viel Geld zu verdienen, sondern sich über das Spiel der Welt mitzuteilen.

Edmund McMillen und Jonathan Blow betrachten ihre Spiele etwa als eine Möglichkeit mit dem Spieler zu kommunizieren. Phil Fish geht sogar noch weiter und behauptet, dass vieles was ihn selbst ausmacht letztlich auch in Fez steckt, was das Spiel zur schonungslosen Selbstoffenbarung macht. Tatsächlich ist es erstaunlich, wie sehr die Spiele die Persönlichkeiten ihrer Macher wiederspiegeln: Sei es der derbe Humor von McMillen und Refenes in Super Meat Boy oder der offensichtliche Intellekt eines Jonathan Blow in Braid. In diesem Zusammenhang macht der Film eines ganz deutlich: Entgegen mancher Vermutungen ist das Programmieren eines Spiels kein unpersönliches Jonglieren mit Einsen und Nullen, sondern im Grunde nichts anderes als ein Buch zu schreiben oder ein Bild zu malen.

Hip und knorke ist das Designer-Leben dann aber doch nicht. Permanenter Druck, unmenschliche Arbeitszeiten, Mikrowellenfraß, Depressionen und die Angst ein schlechtes Spiel abzuliefern oder plötzlich ohne Geld dazustehen, sind die ständigen Begleiter der Protagonisten. Hier geht es schließlich nicht um Millionäre (zumindest nicht während dem Zeitpunkt der Aufnahmen), sondern um Leute wie du und ich. Da ist es verständlich, wenn Tommy Refeneres fast durchdreht, als Super Meat Boy am Veröffentlichungstag nicht auf dem Xbox-Marktplatz auftaucht. Am stärksten hat es diesbezüglich aber Phil Fish getroffen. Sein Spiel Fez ist seit etwa vier Jahren in Entwicklung, wurde schon mehrmals über den Haufen geworfen und neu begonnen und ist, wie bereits erwähnt, sein digitalisiertes Ich. Fish steht permanent unter Strom und legt sicherlich die extremsten weil emotionalsten Reaktionen an den Tag. Schließlich geht es bei ihm nicht nur um Selbstverwirklichung, sondern eben auch um die eigene Existenz.

„Indie Game: The Movie“ ist ganz bestimmt keine absolut neutrale Dokumentation. Der Film schlägt sich klar auf die Seite der Programmierer und überspitzt vieles. Aber macht ihn das gleich schlecht? Nein! Denn das erleichtert die Empathie mit den Entwicklern. Gerade weil der Zuschauer sieht, wie verbissen und mitunter selbstzerstörerisch an den Spielen gewerkelt wird, fiebert er mit den Protagonisten mit. Ich habe beispielsweise die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als Phil Fishs Fez während einer Messevorführung ständig abgestürzt ist und musste vor Freude fast weinen, als ich sah, wie sehr es trotz allem vom Publikum geliebt wurde.

Was verbirgt sich nun eigentlich hinter dem Indie-Begriff? Sind Videospiele Kunst? Auch „Indie Game: The Movie“ findet keine endgültigen Antworten auf diese Fragen. Fest steht aber, dass die Menschen hinter den Spielen zweifelsfrei Künstler sind. Es geht hier nicht nur um Spiele. Es geht um Ideen und Schöpfergeist. Um den Glanz in den Augen der Leute, wenn sie über ihre Arbeit sprechen. Um Selbstverwirklichung und den unerschütterlichen Glauben in die eigenen Fähigkeiten. „Indie Game: The Movie“ ist all das: Ein wunderschönes Loblied auf die Kreativität. Ich ziehe meinen Hut vor diesem Film und den Menschen, die er portraitiert.

Indie Game: The Movie ist hier, hier und hier erhältlich.

Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 94 Minuten
Regie: Lisanne Pajot, James Swirsky

2 Gedanken zu „Indie Game: The Movie

  1. Ein toller Beitrag! Hat mich doch neugierig gemacht, obwohl mir Hype darum ein bisschen zu bemüht war bislang. Ist jetzt nicht mehr so, bin sehr gespannt werde ihn mir anschauen!

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