Agent Fresco – A Long Time Listening


Geht es um Musik aus Island, denkt man nicht unbedingt an leicht verdauliche Töne. Viel wahrscheinlicher ist, dass einem sofort die üblichen Verdächtigen wie Björk, Sigur Rós oder Ólafur Arnalds in den Sinn kommen. Diese drei sind sicherlich Paradebeispiele für die Komplexität und Vielfältigkeit der isländischen Musikszene. In eben jener Tradition wollen auch die vier Herren von Agent Fresco stehen und legen mit dem Debütalbum „A Long Time Listening“ ein erstes Zeugnis ihres Schaffens ab.

Ist man ganz besonders faul und einfallslos, könnte man die Musik von Agent Fresco in die Schublade mit der wenig spezifischen Aufschrift „Emotionale Rockmusik“ stecken. Doch weil diese eh schon aus allen Nähten platzt und das dem Sound der vier Isländer nicht gerecht werden würde, soll auf eine genaue Zuordnung verzichtet werden. Nur so viel: Genregrenzen werden ganz bewusst ignoriert. Auf „A Long Time Listening“ finden sich gewaltige Soundcollagen, die aus Versatzstücken aus Hardcore, Jazz, Postrock, Screamo, Progressive Rock oder auch Electronica zusammengesetzt wurden. Mühelos springen Agent Fresco zwischen den verschiedensten Stilrichtungen hin und her – gerne auch mal mitten im Song, wie etwa „Above These City Lights“ beweist.

Zusammengehalten wird dieser vermeintliche Flickenteppich durch die alles überstrahlende Stimme von Sänger Arnór Dan Arnarson. Ganz im Sinne der Musik, deckt sein Gesang ebenfalls ein breites Spektrum ab. Mal verlieren die Worte ihren Sinn in unartikulierten Schreien, mal legt Arnór größtmögliche Verletzlichkeit an den Tag und flüstert die kryptischen und fragmentierten Texte ins Mikrofon. Die meiste Zeit bewegt er sich aber zwischen den beiden Extremen, ohne aber auf ein Höchstmaß an Emotionalität zu verzichten. Kein Wunder, thematisiert das Album doch den Tod seines Vaters. Und tatsächlich klingt es so, als würde Arnór noch einmal alle Emotionen durchleben, die mit solch einem Ereignis einhergehen. Verzweiflung, Wut, Trauer aber auch Hoffnung geben sich auf „A Long Time Listening“ die Klinke in die Hand.

Bei so einem ambitionierten Album besteht natürlich auch die Gefahr, dem Hörer zu viel zuzumuten. Und ja: Immer wieder gibt es Momente, in denen nicht nur musikalische Grenzen, sondern ganze Songs gesprengt werden, wo weniger einfach mehr gewesen wäre. Ein Album für zwischendurch ist „A Long Time Listening“ mit seiner Laufzeit von 66 Minuten ohnehin nicht. Zu komplex sind die Strukturen, zu viele kleine Details wollen in den verschachtelten Songs entdeckt werden. Ruft Agent Frescos wilder Tanz mit den Musikstilen zu Beginn allenfalls Schwindelgefühle hervor, so erweist sich die gebotene Abwechslung schon bald als clever gespielte Trumpfkarte. Egal ob sich immer weiter hochschraubende Stücke wie „Eyes of A Cloud Catcher“ oder „Of Keen Gaze“, eine erhabene Hymne wie der Titeltrack oder die zurückgenommenen Instrumentals „Almost At A Whisper“ und „One Winter Sailing“: Die ehemaligen Musikstudenten verstehen ihr Handwerk und erinnern in ihren besten Momenten an die frühen Werke von Dredg.

Wie man es auch dreht und wendet: Agent Fresco beeindrucken auf „A Long Time Listening“ mit einer beachtlichen musikalischen Bandbreite. Man darf gespannt sein, in welche Richtung sich die Herren entwickeln. Vor allem wenn man bedenkt, dass das nächste Album wohl kaum einen ähnlich tragischen Realbezug aufweisen wird wie „A Long Time Listening“. Wenn es in Zukunft wieder einmal um die Frage nach dem ganz speziellen Island-Sound geht, dann wird man neben Björk, Sigur Rós und Òlafur Arnalds auch an Agent Fresco denken müssen. Frábær!

Tracklist:

 

 

 

 

01. Anemoi
02. He Is Listening
03. Eyes Of A Cloud Catcher
04. Silhouette Palette
05. Of Keen Gaze
06. Translations
07. A Long Time Listening
08. In The Dirtiest Deep Of Hope
09. Yellow Nights
10. Paused
11. Implosions
12. Almost At A Whisper
13. Pianissimo
14. One Winter Sailing
15. Tiger Veil
16. Above These City Lights
17. Tempo

Spielzeit: 66:21

Titelbild: Nederlands UITburo

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