The Yellow Sea

Das Schicksal meint es nicht gut mit Gu-nam. Als sogenannter Joseonjok, ein nach China geflohener Koreaner, lebt er ein jämmerliches Leben im autonomen Bezirk Yanbian. Von seiner Frau, die vor einigen Monaten nach Südkorea gegangen ist, um die Familie zu ernähren, hat er weder ein Wort gehört noch etwas vom versprochenen Geld gesehen. Dabei hätte er letzteres dringend nötig, steht er doch bei den Männern in der Kreide, die seiner Frau einst das Visum verschafft haben. In dieser ausweglosen Situation macht ihm der örtliche Unterweltboss Myun ein Angebot, was er nicht ablehnen kann: Für ihn soll Gu-nam einen Mann in Seoul umbringen und wäre damit auf einen Schlag seine Schulden los. Doch wie schon der Trailer verrät: Das Attentat geht schief und Gu-nam hat noch mehr Probleme am Hals.

Mit „The Yellow Sea“ inszeniert Regisseur Na Hong-jin einen Thriller, der sich vor westlichen Äquivalenten nicht zu verstecken braucht. Eine Anbiederung an den Westen ist das aber noch lange nicht, kommen doch typisch asiatische Elemente zum Einsatz. So gliedert sich die Erzählung in vier große Kapitel und allein für die Exposition beansprucht Na Hong-jin die ganze erste Stunde. Einschläfernd ist das aber nicht, denn die Schilderung Gu-nams Situation kommt im Stile einer Milieustudie daher. Die Problematik der Joseonjoks ist für westliches Publikum wohl komplettes Neuland, doch wird schnell klar, dass jene im Prinzip nur Menschen zweiter Klasse sind, die weder in China noch in ihrem Heimatland Korea wirklich willkommen sind.

Gleich zu Beginn erzählt Gu-nam von einer Tollwut-Epidemie, die vor Jahren sein Dorf heimgesucht hat und bringt den Film damit auf den Punkt. Denn die Einleitung und Planung des Attentats ist als Inkubationszeit zu verstehen, nach welcher die Krankheit ungehemmt über die Leinwand wütet. Gu-nams anfängliche Skrupel wandeln sich auf der Flucht vor Polizei und Gangsterbanden schon bald in die Überlebensinstinkte eines in die Enge getriebenen Tieres. Auch der Konflikt zwischen koreanischer und chinesischer Mafia entzieht sich jeglichen Regeln und ist entsprechend brutal in Szene gesetzt.

Kurz und schmerzlos kommt hier kaum jemand ums Leben. Statt Schusswaffen verlässt man sich lieber auf Messer und Beile, was dem Morden eine unangenehm persönliche Note verleiht. Dennoch ist „The Yellow Sea“ aber weit von einer stumpfen Gewaltorgie entfernt. Dafür sorgen zum einen die packende Geschichte und zum anderen die überzeugenden Darsteller.

Ha Jung-woo gelingt es etwa den inneren Konflikt Gu-nams hervorragend darzustellen. Einerseits geht es ihm natürlich um das blanke Überleben, andererseits versucht er aber auch das Schicksal seiner Frau aufzuklären. Was zunächst sehr aufgesetzt anmutet, ist jedoch vorbildlich in die restliche Geschichte eingebunden. Unumstrittener Star ist aber Kim Yun-seok in der Rolle des Gangsterbosses Myun: Ein charismatischer Schweinehund, der die Dinge lieber selbst in die Hand nimmt, anstatt seine Untergebenen damit zu beauftragen. Das grenzt ihn deutlich von seinen koreanischen Kontrahenten ab, die auf die Sauberkeit ihrer Anzüge bedacht sind, während Myun in Auseinandersetzungen zu einem blutrünstigen Derwisch mutiert.

Dass „The Yellow Sea“ letztlich nur ein guter bis sehr guter Thriller ist, liegt an einigen wenigen Schwächen. Gerade die Actionszenen sind so rasant geschnitten, dass die Übersicht ganz gern einmal verloren geht. Und so sehr sich die Hauptfiguren in das Gedächtnis brennen, so gibt es leider auch einige Nebenfiguren, deren Identität und Motivation rätselhaft bleiben. Auf der Habenseite kann der Film aber mit seinem ausgewaschenen Look, einer gehörigen Portion Sozialkritik und dem schweißtreibenden Katz-und-Maus-Spiel seiner Hauptfiguren punkten. Auch wenn „The Yellow Sea“ kein absolutes Meisterwerk ist, so ist der Film doch ein weiteres Beispiel für das hohe Niveau koreanischer Filmproduktionen.

Erscheinungsjahr: 2010/12 (Südkorea/Deutschland)
Laufzeit: 140 Minuten
Regie: Na Hong-jin
Drehbuch: Na Hong-jin
Darsteller: Ha Jung-woo, Kim Yun-seok, Cho Seong-ha u.a.

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