Der diabolische Peter Pan


In der Nacht vom 14. auf den 15. Mai 2012 ging ein weltweiter Ruck durch Ehen und Partnerschaften. Blizzard Entertainment öffnete zum dritten Mal die Tore der Hölle, an denen unzählige Fans schon eifrig rüttelten. So stark, dass nach dem offiziellen Startschuss erst einmal gar nichts ging. Die Server kollabierten unter dem massiven Ansturm. Unmut machte sich breit, Fans kratzen sich voller Verzweiflung die Augen aus und alte Diablo 2 Handbücher wurden verbrannt. So habe ich es mir in meiner Schadenfreude zumindest ausgemalt. Denn mir war Diablo 3 so egal wie die Ergebnisse des letzten Bundesliga-Spieltages. Dachte ich jedenfalls. Obwohl ich im Vorfeld eine erstaunliche Immunität gegen den Hype und die Werbemaschinerie entwickelt hatte, bin ich von einem Moment auf den anderen schwach geworden. Ein Erklärungsversuch.

Mit Diablo kam ich zum ersten Mal während meiner Jugend in Kontakt. Zu einer Zeit, in der ich mich kaum für damals aktuelle Spiele interessierte, sondern vor allem auf Spielesammlungen wie die Gold Games scharf war. Deren vierte Ausgabe enthielt neben unsterblichen Klassikern wie Fallout 1 und 2 auch ein Spiel namens Diablo. Das war  schneller und actionreicher als die postapokalyptischen Rollenspiele von Interplay. Trotz des sehr simplen Spielprinzips, was im Grunde nur aus Monster töten und dem Sammeln immer besserer Ausrüstung besteht, habe ich mit meinem Magier alle 16 Ebenen unter der Kathedrale von Tristram gesäubert. Das Kapitel Diablo war für mich abgeschlossen.

Bis ich einige Jahre später Diablo 2 in die Finger bekam. Mit meinem komplett verskillten Totenbeschwörer konnte ich sogar die zweite Schwierigkeitsstufe Alptraum meistern. Der zweite Teil machte für mich vieles besser. Ein interessantes Skillsystem, noch mehr Items und eine überraschend spannende Story, die mir vor allem wegen ihrer Rendersequenzen im Gedächtnis geblieben ist. Aber wie schon beim ersten Teil war auch hier bald die Luft raus. Ihr wisst schon, das simple Spielprinzip eben.

Beide Teile habe ich ausschließlich offline gespielt. Von der Existenz eines sogenannten Battle.net, Blizzards Onlineplattform, wusste ich zwar, habe es aber nie benutzt. Und das aus guten Gründen. Zum einen besaß unser Haushalt nur eine kümmerliche ISDN-Leitung, die meine Eltern bei entsprechend exzessiver Nutzung wohl ruckzuck in die private Insolvenz geführt hätte und zum anderen hörte man immer nur Geschichten über Cheater, Hacker und duplizierte Gegenstände aus dem Battle.net.

ALLES SCHÖN UND GUT, ABER WARUM HAST DU DIR JETZT DIABLO 3 GEKAUFT!?

Keine leichte Frage, aber ich will versuchen mich dem Kern der Sache zu nähern. Einer der Gründe ist von erschreckender Banalität: Ich habe Vertrauen in Blizzard. Seit Diablo 2 habe ich mir jedes Spiel der Kalifornier, ja auch World of Warcraft, gekauft und einen Heidenspaß damit gehabt. Sicher, Blizzard-Titel sind bestimmt keine Innovationen oder bringen das Medium in irgendeiner Form weiter. Böse Zungen würden das Wort „aalglatt“ verwenden und hätten damit sogar Recht. Denn mit Risiken und Neuentwicklungen tut sich Blizzard schwer. Nicht umsonst fußt der Erfolg auf den drei großen Hausmarken Diablo, Warcraft und Starcraft. Letzteres ist mit seinem zweiten Teil ein Paradebeispiel dafür, wie sehr Blizzard seine Spiele über die Jahre perfektioniert hat. Starcraft 2 ist im Grunde nicht mehr als eine Modernisierung des Originals von 1998. Und trotzdem fesselt es sogar Menschen wie mich, die für Echtzeitstrategie einfach zu blöd und zu langsam sind, für viele Stunden vor den Bildschirm. Bei Blizzard kann ich mich darauf verlassen, für einen gewissen Zeitrahmen prächtig unterhalten zu werden.

Wenn ich an Diablo, Starcraft oder Warcraft denke, kommt mir auch automatisch der Begriff „Flow“ in den Sinn. Die Kalifornier bemühen sich um einen möglichst reibungslosen Spielablauf. Mit unzähligen Komfortfunktionen räumt Blizzard jeden noch so kleinen Stolperstein aus dem Weg des Spielers. Sollte dabei doch mal etwas übersehen worden sein, weiß Blizzard die Aufmerksamkeit des Spielers von solchen Störquellen abzulenken: Jeder der angesprochenen Titel bombardiert den Spieler mit kleinen Belohnungen. Seien es Bonuscredits und optionale Missionsziele in Starcraft 2 oder Haustiere und Achievements in World of Warcraft. Diablo 3 erhebt dieses Leckerli-Prinzip zum eigentlichen Spielinhalt. Erwähnte ich schon wie stupide das im Grunde ist? In den ersten Minuten von Diablo 3 stört das aber überhaupt nicht. Wenn ein Zombie ein Paar blaue, weil magische, Handschuhe fallen lässt, hat man sich schon längst in der Jagd nach immer besseren Items verfangen. Blizzard gelingt es in Diablo 3 einen beängstigend effektiven Teufelskreis aus Anreiz und Belohnung zu entwerfen. Da ist er wieder, dieser Flow.

Zum Ende des ersten Akts haben sich bei mir jedoch erste Ermüdungserscheinungen eingestellt. Glücklicherweise, und hier kommen wir zu Grund Numero Zwei, gibt es aber Millionen von anderen Spielern. Heute leben wir nicht mehr in einer Zeit, in der AOL-CDs den Briefkasten verstopfen, sondern sind dank DSL-Flatrates praktisch dauerhaft online. Das hat auch Blizzard erkannt, weswegen für Diablo 3 eine ständige Internetverbindung nötig ist. So sehr man diese Gängelung auch verurteilen mag, für mich macht sie absolut Sinn. Denn ich möchte Diablo 3 gar nicht mehr alleine spielen. Ab dem zweiten Akt habe ich nur noch gemeinsam mit anderen Menschen gespielt, darunter auch viele Freunde. Nebenbei hat man per Skype gequatscht, gemeinsam Lobhudeleien über das Spiel angestimmt, Gegenstände untereinander ausgetauscht oder die Essenspausen vereinbart. Ja, man könnte sagen, dass wir es in den ersten Tagen ziemlich übertrieben haben. Einmal sagte jemand aus unserer Gruppe, er fühle sich gerade an Make Love, Not Warcraft erinnert. Alle lachten, mussten aber innerlich zustimmen. So kräftezehrend dieser Marathon auch gewesen sein mag: Das war es einfach wert.


Hier schließt sich der dritte und vermutlich wichtigste Grund an, warum Diablo 3 mich und viele andere Spieler so begeistert: Es ist die pure Nostalgie. Damit ist aber nicht nur das Spieldesign gemeint, welches sich 2012 in seiner bislang zugänglichsten Form präsentiert, indem es störende Altlasten wie Schriftrollen der Identifikation, mühsames Aufsammeln von Goldmünzen oder das starre Skillsystem über Bord geworfen hat. Nein, vielmehr ist Diablo 3 wie ein Trip in die eigene Jugend und zurück zu den Anfängen des Online-Gamings. Denn für viele war Diablo 2 neben Counter-Strike der Einstieg in eine völlig neue Welt. Man war nicht mehr nur auf LANs am Wochenende angewiesen, sondern konnte mit Spielern auf der ganzen Welt auf Dämonenjagd gehen. Heutzutage ist das dank World of Warcraft, Call of Duty & Co selbstverständlich. Ich und viele meiner Mitspieler gingen damals noch zur Schule. Man hatte Zeit, kaum Verpflichtungen und viel Raum für Diablo 2.

Heute sieht das freilich anders aus. Job oder Studium fressen einen Großteil der Tageszeit und man ist generell viel eingespannter als noch vor 12 Jahren. Daher glaube ich, dass man mit Diablo 3 auch unbewusst die Vergangenheit aufleben lässt, in der vieles nicht zwingend besser, aber ganz sicher unkomplizierter war. Blizzard macht es den Spielern in diesem Punkt auch sehr einfach. Denn der dritte Teil ist wie der zweite – nur besser. Während wir älter geworden sind, ist Diablo 3 so etwas wie eine Höllenversion von Peter Pan. Im Spiel werden erwachsene Menschen wieder zu den Jungen und Mädchen von damals. Behält man das im Hinterkopf, dann kann man viele der verrückten Dinge, die den Release von Diablo 3 begleitet haben, besser verstehen. Dann macht es zum Beispiel Sinn, dass einige Leute ihren Jahresurlaub für ein Computerspiel verplanen. Man darf auch nicht vergessen, dass manche Fans satte 12 Jahre auf einen Nachfolger gewartet haben. Diese schwindelerregende Zahl muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Manch einer absolviert in diesem Zeitraum eine komplette Schulausbildung.

Also ihr lieben genervten Ehefrauen und Ehemänner, Partnerinnen und Partner: Seid nicht allzu böse wenn eure Liebsten das innere Kind rauslassen und in Nostalgie schwelgen. Gegen einen Ausflug in Blizzards Nimmerland ist nichts einzuwenden, die anfängliche Euphorie legt sich mit der Zeit sowieso von selbst. Und überhaupt: Hate the game, not the player.

2 Gedanken zu „Der diabolische Peter Pan

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