John K. Samson – Provincial

Beschäftigt man sich mit John K. Samson und wie er von Musikerkollegen wahrgenommen wird, dann stößt man schnell auf eine einheitliche Meinung. Ein bescheidener Typ ganz ohne Starallüren soll er sein. Jemand, der vor Konzerten auch ganz gern mal durch das Publikum schlendert. Soweit nichts besonderes. Worüber sich aber ebenfalls alle einig zu sein scheinen: John K. Samson ist wohl einer der großartigsten Songschreiber überhaupt, was der Kanadier schon mehrfach mit seiner Band The Weakerthans unter Beweis gestellt hat.

Mit „Provincial“ wendet sich John K. Samons vom Indie Rock ab und begibt sich stattdessen auf eine Reise in die Welt der Singer-Songwriter. So ganz trifft das allerdings auch nicht zu. Denn obwohl die Mehrzahl der zwölf Songs im Grunde nur von einer Gitarre begleitet wird, hat sich auch der ein oder andere dynamische, kernige Song eingeschlichen. Ein Schaden entsteht deswegen aber noch lange nicht, wird doch so für die nötige Abwechslung gesorgt.

Die Art und Weise der musikalischen Begleitung ist auf „Provincial“ aber ohnehin eher nebensächlich. Seinen großen Reiz zieht die Platte nämlich aus den – Verzeihung für diese Lobhudelei – grandiosen Texten. John K. Samson bedient sich einer reichhaltigen, überaus detaillierten Sprache, mit der er Geschichten über verirrte Menschen und gottverlassene Orte entwirft, ohne dabei hochgestochen oder verkopft zu klingen. Viel eher sind die Texte von entwaffnender Einfachheit und zugleich Poesie in Reinform. Wenn Samson etwa ein heraufziehendes Gewitter mit den Worten Inky bruises are punched into the sky by bolts of light and then leak across the body of tonight beschreibt, dürfte wohl jedem mit einer Liebe zu Wörtern das Herz aufgehen.

Samson geht aber noch ein Stück weiter und entwirft sein Album als eine Art Straßennetz. Schon ein Blick auf Tracklist und Artwork lässt die Strukturen erkennbar werden: Da gibt es den „Highway 1 East“, der gleichzeitig Startpunkt und Intro der Reise ist. Weiter geht es schnurstracks zum Mittelpunkt „Longitudinal Centre“, nachdem unterwegs über Prokrastination und nächtliche Autofahrten sinniert wurde. „Highway 1 West“ ist dann schließlich die Ausfahrt und führt zum abschließenden Song „Taps Reversed“, bei dem sich Samson das Mikrofon mit seiner Frau Christine Fellows teilt. Passenderweise findet sich bei diesem Song auf der Rückseite des Albums ein Vermerk in Form eines schlichten Home. Schön.

Hört man „Provincial“ nur beiläufig mit einem Ohr, könnte man schnell den Eindruck gewinnen, dass es sich nur um eine weitere x-beliebige Singer-Songwriter-Platte handelt. Tatsächlich entfaltet sich die ganze Magie aber erst, wenn man dazu bereit ist, den Texten aufmerksam zu lauschen. Bei kaum einer anderen Platte ist es so lohnenswert, wenn man sich das Booklet schnappt und die Texte mitliest. John K. Samson wird mit „Provincial“ dem Ruf gerecht, den ihm viele seiner Kollegen zuschreiben: Samson ist in der Tat einer größten (Song)Schreiber unserer Zeit.

Tracklist:

 

 

 

 

01. Highway 1 East
02. Heart of the Continent
03. Cruise Night
04. Grace General
05. When I Write My Master’s Thesis
06. Letter In Icelandic From The Ninette San
07. Longitudinal Centre
08. http://www.ipetitions.com/petition/rivertonrifle
09. The Last And
10. Stop Error
11. Highway 1 West
12. Taps Reversed

Spielzeit: 37:03

Titelbild: Martin Cathrae

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