52 Games #15: Kinder

Wieder einmal zu spät. Sicherlich schon das dritte Mal in einer Woche, dass ich meinen Sohn zu spät von der Schule abgeholt habe. Entsprechend ist auch seine Stimmung. Schweigend und teilnahmslos lässt er sich auf den Rücksitz fallen und mir bleibt nicht viel mehr übrig, als ihn hilflos durch den Rückspiegel zu beobachten. Anstatt ein Gespräch anzufangen, drehe ich den Schlüssel im Zündschloss und gebe Gas.

Zuhause angekommen, trottet Shaun geradewegs zum Fernseher, um sich mit Cartoons abzulenken. Ablenkung könnte ich auch gut gebrauchen, doch mein Sohn hat Vorrang: Ein kleiner Snack um halb fünf, Hausaufgaben um sechs, Abendessen um sieben, Schlafenszeit um acht. In den letzten Wochen und Monaten hatten wir viel Zeit uns auf diesen Rhythmus einzustellen. Mittlerweile greifen wir wie zwei Zahnräder ineinander, wenn es um die Einhaltung des Tagesplans geht. Aber ein Blick auf Shaun, wie er da auf der Couch sitzt und auf die blinkende Mattscheibe starrt, reicht aus, um wieder daran erinnert zu werden, dass geteiltes Leid eben doch nicht halbes Leid ist. Wir beide vermissen Jason. Er als Bruder und ich als Sohn. Shaun so stumm leiden zu sehen, bricht mir das Herz.

Am nächsten Tag ist es etwas besser. Weil es aufgehört hat zu regnen, entschließen wir uns zu einem Abstecher auf den örtlichen Spielplatz. Zwischen all den glücklichen Kindern und ihren Eltern kommen wir uns wohl beide recht seltsam vor, aber wie ich schon sagte, Ablenkung tut gut. Und tatsächlich: Nachdem ich Shaun gezeigt habe, wie man einen Bumerang wirft, probieren wir noch die Wippe und Schaukel aus. Habe ich ihn da eben lachen gehört? Für den Augenblick scheinen all unsere Probleme wie weggeblasen und ich fühle mich wie der Daddy des Jahres.

Ich hatte ja keine Ahnung, was noch auf uns zukommen sollte…

…denn nur kurze Zeit später wird Shaun vom Origami-Killer entführt. Fünf Hinweise wollen in ebenso vielen sadistischen Prüfungen errungen werden, um schließlich den Aufenthaltsort des Jungen aufzudecken. Die eingangs geschilderten Szenen haben damit rein gar nichts zu tun, sind aber trotz ihrer Banalität enorm wichtig, um zwischen Spieler und Figuren eine emotionale Bindung herzustellen. Denn Shaun ist mehr als eine Karotte an einem Stock oder eine Prinzessin Peach in Bowsers Schloss. Er ist das Kind der Hauptfigur Ethan Mars.

Wenn man es darauf anlegt, dann kann man viel an Heavy Rain bemängeln. Die ständigen Quick-Time-Events oder die Story mit ihren Logiklöchern. Trotz allem gelingt dem Spiel aber etwas, woran viele andere Vertreter scheitern: Heavy Rain nimmt seine Figuren zu jeder Sekunde ernst. Deswegen fällt die Identifikation mit Vater Ethan auch so leicht – sofern man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Zwar habe ich selbst keine Kinder, kann mich dank der Exposition aber sehr gut in Ethans Rolle und Gefühlswelt hineinversetzen: Der Spaß, wenn er mit seinem Nachwuchs im Garten herumtollt, die Trauer beim Verlust des einen Sohnes und die gestiegene Verantwortung gegenüber dem anderen. Und dann schließlich der unbeschreibliche Schmerz, wenn ihm auch noch der zweite Sohn vom Origami-Killer genommen wird, er im Regen zusammenbricht und den Namen seines Kindes in die Nacht schreit.

Gerade dieser Moment hat sich wohl auf ewig in mein Hirn gebrannt. Aber warum eigentlich? Immerhin ist und bleibt Heavy Rain nur ein Spiel. Vielleicht habe ich mich bis zu diesem Zeitpunkt so sehr in meine Rolle als Ethan hineingefunden, dass es sich so anfühlt als würde ich tatsächlich mein Kind verloren haben. Fest steht jedoch, dass Heavy Rain mir nicht nur einige der emotionalsten Momente in einem Videospiel beschert hat, sondern mir auch noch glaubhaft vermitteln konnte, was es bedeutet, selbst ein Kind zu haben und alles für seine Rettung geben zu wollen. Dafür ein herzliches und ehrliches Dankeschön.

Dieser Artikel zum Thema “Kinder” entstand im Rahmen des Projekts “52 Games” von Zockwork Orange.

2 Gedanken zu „52 Games #15: Kinder

    • Und anbei: ein tolles Spiel. Was man , wenn man es zur gänze auskosten will, abe rwohl allein spielen sollte, um sich allen Entscheidungen voll bewusst zu werden, udn sie nicht nur unter „ist ja nur ein spiel“ abzutun. Dann ers wird es erst recht zu einem unvergleichlichem Erlebnis!

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