Botanicula

Oh Schreck! Eine Horde Spinnenwesen bedroht den Lebensraum hunderter Baumbewohner. Ob Raupe oder Blattlaus, Marienkäfer oder Biene – niemand ist vor den Angreifern sicher und wer ihnen erst in einmal in die Falle geht, endet schnell als leb- und farblose Hülle. Doch eine Gruppe aus fünf unfreiwilligen Helden schickt sich an, das letzte Samenkorn an einem geeigneten Ort einzupflanzen, um dort eine neue Heimat für sich und die restlichen Tierchen wachsen zu lassen. Natürlich ist das alles nicht so einfach und der Weg zum Ziel beschwerlich.

Botanicula erinnert an die Tage, als man das erste Mal den heimischen Garten mit einer Lupe erkundet hat. Als man vielen Prozessen noch selbst auf die Schliche gekommen ist, lange bevor der Biologieunterricht sie zwar erklärt, aber eben auch entzaubert hat. Wenn sich etwa die Rinde eines großen Baumes unter dem Vergrößerungsglas als dicht befahrene Straße entpuppt hat, auf der sich endlose Kolonnen aus Ameisen und Blattläusen um die Vorfahrt zanken. Diese Eindrücke aus der Mikroebene greift Botanicula auf und präsentiert sie in einem skurril-herzlichen Art Style. Daraus entsteht eine Welt, die aus über hundert Schauplätzen zusammengesetzt ist und von schätzungsweise ebenso vielen Pflanzen und Tieren bevölkert wird.

Vergleicht man Botanicula mit seinem Vorgänger Machinarium, mutet der neueste Streich des tschechischen Entwicklerstudios Amanita Design wie eine 180-Grad-Wende an. Statt der Tristesse einer Maschinenstadt wartet ein farbenfrohes Biotop auf den Spieler. In der Spielmechanik ähneln sich beide Titel dann aber doch. Mithilfe des Mauszeigers wird ein Bildschirm nach dem anderen nach interaktionswilligen Objekten abgegrast. Anders als beim geistigen Bruder, stößt man in Botanicula nur selten auf schwierige Rätsel. Viele Lösungen ergeben sich wie von selbst, indem man einfach nur mit der Umgebung experimentiert. Gerät man doch einmal in eine Sackgasse, liegt das weniger am Schwierigkeitsgrad als an der Unwissenheit darüber, was denn gerade von einem verlangt wird. Auch entpuppt sich der Ansatz der fünfköpfigen Heldengruppe als Luftnummer. Anstatt die unterschiedlichen Fähigkeiten der kleinen Kerlchen kombinieren zu müssen, reicht es an vorgegebenen Stellen den richtigen Helden für die jeweilige Aufgabe auszuwählen.

Aber diese Kritikpunkte sind verschmerzbar. Ein reines Adventure will Botanicula ohnehin nicht sein. Die Bezeichnung „Point and Click Exploration Game“ kommt schließlich nicht von ungefähr. Und zu entdecken gibt es allerhand. Jede Szene kitzelt den Erkundungsdrang aufs Neue. Was passiert wenn ich dieses Blatt anklicke? Wie wird wohl der schlummernde Käfer reagieren? Was versteckt sich in diesem Astloch? Viele Objekte in der Spielwelt reagieren schon beim bloßen Kontakt mit dem Mauszeiger, wodurch der Cursor zum Windhauch wird, der Blätter tanzen lässt. Ein Klick hingegen veranlasst viele Baumbewohner zu zahlreichen Animationen, die den „Awww-ist-das-putzig-Faktor“ durch die Decke schießen lassen.

Der Sound darf in dem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben. Denn so wie jedes klickbare Getier mit Animationen gesegnet ist, besitzt es auch einen einzigartigen Klang. Für den Soundtrack und jeden Ton im Spiel, angefangen beim kleinsten Pollenkorn bis hin zur dicken Hummel, ist das tschechische Alternative-Duo DVA verantwortlich. Die beiden verließen sich bei der Vertonung der Welt vor allem auf ihre Stimmbänder. Ohne große Schwierigkeiten identifiziert man das Quaken eines Froschchors oder das Summen einer Biene als verstellte menschliche Stimme. Aber das soll keine Kritik sein. Ganz im Gegenteil! Eher unterstreicht das Spiel mit der Stimme die kindliche Unbeschwertheit der Welt von Botanicula.

Zwar hat auch die ihre bedrückenden, ja geradezu düsteren Ecken, aber selbst dort mangelt es nicht an guter Laune und urkomischen Situationen. Bei den zahlreichen Verfolgungsjagden zwischen Spinnen und Heldengruppe fiebert man nicht etwa mit den kleinen Rackern mit, sondern amüsiert sich über sie, weil das Spiel ständig vermittelt, dass am Ende alles gut werden wird. Botanicula ist bis zum Rand mit positiver Energie gefüllt und eine Ode an kindlichen Entdeckungsdrang, vor allem aber ein traumhaft schönes Gewimmel und Gebimmel. Juchu!

Botanicula gibt es hier, hier oder hier.

Entwickler: Amanita Design
Plattform: Mac, PC
Erscheinungsjahr: 2012

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