Chronicle

Wie viele Superheldenfilme kommen eigentlich pro Jahr in die Kinos? Fünf? Sechs? Auf jeden Fall zu viele. Marvel und Co. lassen eine Comic-Lizenz nach der anderen von namhaften Filmstudios ausschlachten. Klar, die daraus resultierenden Filme sind trotz oft durchwachsener Qualität die reinsten Publikumsmagneten und entsprechend erfolgreich. Trotzdem ist eine Übersättigung und zunehmende Einfallslosigkeit im Genre nicht von der Hand zu weisen, schließlich steht uns dieses Jahr sogar schon ein Spiderman-Reboot ins Haus. Dass es auch anders geht, will nun „Chronicle“ unter Beweis stellen. Doch der Vergleich hinkt ein wenig, handelt es sich dabei doch um einen Superheldenfilm, der eigentlich gar keiner ist.

Die Grundzüge der Geschichte sind schnell erzählt. Die drei Jugendlichen Andrew (Dane DeHaan), Matt (Alex Russell) und Steve (Michael B. Jordan) entdecken mitten im Wald ein Loch im Boden. Angelockt von Geräuschen, die aus den Tiefen des Schlundes zu kommenen scheinen, steigen sie hinab und stoßen auf ein mysteriöses Objekt. Die Begegnung bleibt nicht ohne Folgen. Wie sich herausstellt, hat der Kontakt den Jugendlichen telekinetische Fähigkeiten verliehen. Obwohl anfangs nur schwach ausgeprägt, können sie wie ein Muskel trainiert werden, wodurch die anfangs harmlosen Streiche schon bald der Vergangenheit angehören.

„Chronicle“ ist gleich aus mehreren Gründen erfrischend. Da wäre zum einen die Inszenierung im Stil einer Found Footage: Zu Beginn beschließt Andrew seinen Alltag mit einer Billigkamera zu filmen. Dabei entstehen selbstverständlich wackelige und unscharfe Bilder. Bevor sich bei empfindlichen Zuschauern aber der Magen umdreht, bedient sich der Film eines kleinen Kniffs und ersetzt die Steinzeitkamera mit einem HD-Modell, wodurch immerhin die Unschärfe der Vergangenheit angehört. Doch auch die wackelige Kameraführung ist spätestens dann außer Kraft gesetzt, wenn Andrew lernt das Gerät mit seinen Gedanken durch den Raum schweben zu lassen. Damit werden mitunter wunderschöne und spektakuläre Kamerafahrten ermöglicht, die in einer Found Footage gar nicht vorkommen dürften, sich aber wegen der Handlung geradezu anbieten und auch noch schlüssig begründet werden. „Chronicle“ sprengt durch diesen Trick die Fesseln seiner Mockumentary-Ästhetik ohne sich aber allzu weit davon zu entfernen.

Ebenfalls ungewöhnlich ist, dass Regisseur Josh Trank trotz der Superkräfte niemals die Menschen dahinter vergisst. Nicht falsch verstehen, Spezialeffekte gibt es reichlich und trotz des vergleichsweise mickrigen Budgets von 12 Millionen Dollar, können die sich wirklich sehen lassen. Es wäre also ein leichtes gewesen, den Film zu einer Special-Effects-Orgie verkommen zu lassen. Stattdessen nimmt sich Josh Trank viel Zeit für seine Figuren und die Folgen, die sich aus den Superkräften ergeben. Die Telekinese fungiert als Verbindung zwischen den unterschiedlichen Persönlichkeiten und schweißt sie zusammen. Davon profitiert vor allem Außenseiter Andrew, der zuhause von seinem brutalen Vater und in der Schule von seinen Mitschülern malträtiert wird.

Wunderbar auch, wie der Umgang mit den Superkräften dargestellt wird. Die drei Jungs kommen nämlich gar nicht erst auf die Idee sich hautenge Kostüme zu schneidern und auf Verbrecherjagd zu gehen, sondern stellen vor allem eine Menge Blödsinn an. Und seien wir mal ehrlich: Das würde doch jeder genauso machen. Überhaupt schwebt die Frage, was man denn mit solchen Superkräften selbst anfangen würde, permanent im Raum. Der deutsche Untertitel „Wie weit würdest du gehen?“ erweist sich als handlungsleitend, denn wie Spiderman schon sehr richtig sagte: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“. Nicht jeder der Jugendlichen sieht das genauso und so steuert der Film unweigerlich auf den finalen wie uralten Konflikt zwischen Gut und Böse zu.

„Chronicle“ ist wohl eine der großen Überraschungen des Filmjahres 2012. Der erste größere Film von Josh Trank ist ein visuell beeindruckendes Gedankenexperiment, das die Grenzen von Superhelden- und Found-Footage-Filmen auslotet. Zwar sind Anleihen typischer Highschool- und Coming-of-Age-Geschichten kaum von der Hand zu weisen, doch vergisst der Film bei all den komischen Elementen niemals den eigentlich dramatischen Unterton seiner Geschichte. Dazu tragen vor allem die herrlich unverbrauchten Schauspieler bei, die einzeln sowie im Zusammenspiel überzeugen können. Besonders hervorzuheben ist hier die Leistung von Dane DeHaan als komplexer Sonderling Andrew. „Chronicle“ schafft es ähnlich wie „Watchmen“ zum Nachdenken anzuregen und ist damit eigentlich Pflicht für alle jene, die genug von glatt gebügelten Superheldenverfilmungen haben.

Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 83 Minuten
Regie: Josh Trank
Drehbuch: Max Landis
Darsteller: Dane DeHaan, Alex Russell, Michael B. Jordan u.a.

Ein Gedanke zu „Chronicle

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