Grave Encounters

„If there is something strange in your neighborhood, who you gonna call?“, so Ray Parker Jr. im Jahr 1981. Auf die Frage konnte es damals nur eine Antwort geben: „Ghostbusters!“ Doch seitdem ist eine Menge Zeit verstrichen. Gespenster und paranormale Phänomene versucht man heute nicht mehr mit Protonenstrahlern, sondern mit Kameraobjektiven einzufangen. Auf die Frage von Ray Parker Jr. würde das Team um Lance Preston wohl „Grave Encounters!“ entgegnen.

In der namensgebenden TV-Show sind Preston und seine vier Kollegen ständig auf der Suche nach verspukten Orten, um übernatürliche Geschehnisse für die Zuschauer aufzunehmen – seit fünf Episoden vergeblich. Doch das Reiseziel für die nächste Folge scheint vielversprechend: Das Collingwood Psychiatric Hospital, eine verlassene Nervenheilanstalt, um die sich natürlich allerhand Mythen und Schauermärchen ranken. Voller Hoffnung auf erstklassiges Material für die Sendung, lässt sich das fünfköpfige Team für eine Nacht in der verlassenen Anstalt einschließen.

Dass sich „Grave Encounters“ mit seiner Grundidee und Inszenierung stark an „Blair Witch Project“ orientiert, jenem Film, der 1999 das Horror-Subgenre Found Footage populär gemacht hat, ist offensichtlich: Schon vor dem eigentlichen Film will ein TV-Produzent dem Zuschauer das Material der Geisterjäger als echt verkaufen. Anstatt das Geschehen aber nur mit wackeligen Handkamerabildern zu dokumentieren, bedient man sich auch einiger Standkameras, die an paranormalen Hotspots positioniert sind – „Paranormal Activity“ lässt grüßen. Das sorgt zumindest für eine gewisse Abwechslung.

Vor allem zu Beginn erweist sich „Grave Encounters“ als amüsante Abrechnung mit real existierenden TV-Formaten wie „Ghost Hunters“. Das Team um Lance Preston glaubt nur vor der Kamera an Geister. Ist eine Szene erstmal abgedreht, bricht die Mannschaft häufig in Gelächter aus, was vor allem in Einstellungen mit dem angeblichen Medium Houston Grey der Fall ist. Das Team ist sich auch nicht zu schade einen Gärtner mit 20 Dollar zu bestechen, damit der sich ganz plötzlich an seine Begegnung mit einem Geist erinnert, sobald ihn die Kamera ins Visier genommen hat.

Anstatt den durchaus gelungenen Einstieg konsequent weiterzuspinnen, verstrickt sich der Film in Klischees und wenig originellen Blair Witch Project-Zitaten. So geht natürlich im Verlauf des Drehs ein Teammitglied in den stockfinsteren Gängen verloren und wird zum Köder für den Rest. Geradezu dämlich wirkt hingegen eine andere Szene, in der drei Mitgliedern ganz plötzlich bewusst wird, dass sie sich im Gebäude verirrt haben, nur um wenige Momente später doch am vereinbarten Treffpunkt einzutrudeln. Kann ja so schlimm nicht gewesen sein.

Ärgerlich ist ein kleiner Twist in der Mitte des Films, ab dem der Streifen plötzlich einen ganz anderen Ton anschlägt. Nun wird nicht mehr auf Kopfkino und Suspense, sondern auf plumpe Schockeffekte gesetzt. Die anfangs unsichtbaren Geister der Insassen manifestieren sich in billig wirkenden und leider auch greifbaren Schreckgestalten. Spätestens hier wird deutlich, warum „Blair Witch Project“ so wunderbar funktioniert hat, sofern man sich darauf eingelassen hat. Dessen Trick bestand nämlich darin, die Urängste des Zuschauers zu kitzeln: Verloren in einem stockdunklen Wald, umgeben von unheimlichen Geräuschen, alles dokumentiert vom subjektiven Auge einer Handkamera. Den echten Horror hat man jedoch nie zu Gesicht bekommen.

Bei „Grave Encounters“ wird man den Gedanken nicht los, dass man die Wälder von Burkittsville auf Teufel komm raus durch eine verlassene Nervenheilanstalt ersetzen wollte. Problem: Wenn drei Filmstudenten nicht mehr aus einem Wald herausfinden, dann ist das zumindest plausibel. Doch „Grave Encounters“ fährt für die Ausweglosigkeit des Collingwood Psychiatric Hospital eine Erklärung auf, die einem Horrorfilm klassischer Machart wesentlich besser zu Gesicht gestanden hätte. Mit eben jenem Twist geht die Realitätsillusion, die eine Mockumentary nun mal erzeugen soll, unwiderruflich zu Bruch.

„Grave Encounters“ weiß nicht was er für ein Film sein will. Ein klassischer Horrorstreifen, in dem die Schocks nach dem Geisterbahnprinzip abgefrühstückt werden? Oder vielleicht doch eine beklemmende Mockumentary, die ganz gezielt mit den Urängsten des Zuschauers spielt? Die Low-Budget-Produktion ist weder das eine noch das andere und diese Unentschlossenheit bricht dem Film das Genick. Stellen sich zu Beginn noch regelmäßig die Nackenhaare auf, wird später vor allem das Zwerchfell gereizt, woran auch die an sich fantastische Kulisse nichts ändern kann. Und wenn ein Horrorfilm den Zuschauer erstmal zum Lachen bringt, ist wirklich etwas seltsam in der Nachbarschaft.

Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 95 Minuten
Regie: The Viscious Brothers
Drehbuch: The Viscious Brothers
Darsteller: Sean Rogerson, Ashleigh Gryzko, Mackenzie Gray u.a.

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