Geständnisse

Ob gestohlene Förmchen im Sandkasten, das Brutzeln von Ameisen mit einer Lupe oder Mobbing auf dem Schulhof: Kinder können manchmal ziemlich grausam sein. Jeder war wohl schon einmal Zeuge davon. Doch das gehört wahrscheinlich zum Kindsein dazu. Bei dem, was die Schulkinder in Tetsuya Nakashimas „Geständnisse“ fertigbringen, müssen aber wohl auch die verständnisvollsten Pädagogen kräftig schlucken.

Am letzten Schultag vor den Ferien gleicht die Klasse 7b einem Hexenkessel: Alle reden durcheinander, es wird gestritten und gelacht, keiner ist aufmerksam. Im Auge dieses Sturms, und die Ruhe selbst, ist die Lehrerin Yuko Moriguchi. Als sie ihren Schülern verkündet, dass sie sich vom Lehrerberuf zurückzieht, jubelt die Klasse auf. Doch Moriguchi ist noch nicht fertig. Sie beginnt von ihrer kleinen Tochter Manami zu erzählen. Davon, wie sie sich ganz allein um sie kümmern musste, wie sehr es Manami gefiel, den Hund ihrer Nachmittagsbetreuerin zu füttern und wie sie schließlich im Schwimmbecken der Schule ertrank. Für die Polizei war es ein tragischer Unfall, Moriguchi geht jedoch von Mord aus. Schlimmer noch: Die beiden Täter, A und B, sind Schüler ihrer Klasse. Weil die durch ihr junges Alter vor ernsten Strafen geschützt sind, beschließt Moriguchi die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Seelenruhig gesteht sie, die Milch der beiden Täter zur Strafe mit HIV-positivem Blut vergiftet zu haben, und entlässt ihre geschockten Schüler schließlich in die Ferien.

So weit, so fies. Regisseur Tetsuya Nakashima wählt einen reichlich ungewöhnlichen Einstieg für seinen Rachefilm, denn Moriguchis Monolog erstreckt sich über die erste halbe Stunde und nimmt damit fast ein Drittel der Gesamtlaufzeit in Anspruch. Dass dabei keine Langeweile aufkommt, liegt zum einen an der fesselnden Geschichte der Lehrerin und zum anderen an der starken Bildsprache. Der Kontrast zwischen dem Schwarz und Weiß der Schuluniformen scheint sich auf den Klassenraum auszuweiten und verleiht ihm dadurch die Sterilität eines Krankenzimmers. Dazu kommen Rückblenden in sanftem Sepialook und hochästhetische Zeitlupenaufnahmen, die sich durch den kompletten Film ziehen.

Moriguchis Vortrag ist im Grunde nur der Stein des Anstoßes für die nachfolgende Geschichte. Diese wird kapitelweise, in Form weiterer Geständnisse der Hauptpersonen, erzählt. Mit jedem weiteren Stück werden die Fragmente der Geschichte neu angeordnet oder um zusätzliche Informationen ergänzt. Durch das Spiel mit den Blickwinkeln überschneiden sich Szenen und werden in neue Kontexte gesetzt. So entsteht nach und nach ein komplexes Geflecht aus Beziehungen, gegenseitigen Abhängigkeiten und verletzten Gefühlen. Jede verstrichene Filmminute erhöht zudem die Länge der anfänglich überschaubaren Kette aus Ursache und Wirkung. Scheint der Mord an Manami zu Beginn das auslösende Ereignis zu sein, wird im Verlauf der Handlung immer deutlicher, dass die eigentlichen Ursprünge viel weiter reichen.

Nakashima zeichnet mit „Geständnisse“ ein finsteres Bild einer modernen Gesellschaft. Die Schüler scheinen von jeglichen Regeln und Moralvorstellungen befreit, sind rücksichtslos und ohne Reue. Hier haben wir es mit einer vollkommen enthemmten Jugend zu tun, die durch das Jugendgesetz gegen harte Strafen gefeit ist und dies gnadenlos auszunutzen weiß, beziehungsweise wegen ihrer zerrütteten Psyche vielleicht auch gar nicht anders kann. Der Fokus liegt hier eindeutig auf dem Innenleben der kleinen Monster, die Eltern werden im Vergleich dazu nur oberflächlich beleuchtet. Dennoch wirft der Film die Frage auf, wer nun eigentlich für das zerstörerische Verhalten verantwortlich zu machen ist. Die Eltern? Die Lehrer? Vielleicht doch die Kinder selbst? Oder das lasche Gesetz?

Nakashimas Film bleibt aber im Herzen eine bösartige Kreuzung aus Rachefilm und Psychothriller. Die spannende Ausgangsbasis, bei der die ungeheuerliche Tat schon längst geschehen ist, weckt genügend Interesse, um den Rachetrip bis zum bitteren Ende durchzustehen. „Geständnisse“ ist ein filmisches Biest in Hochglanzoptik und besticht mit einer gnadenlosen Geschichte, die weder Kompromisse noch falsche Scheu vor Konsequenzen kennt.

Erscheinungsjahr: 2010
Laufzeit: 106 Minuten
Regie: Tetsuya Nakashima
Drehbuch: Tetsuya Nakashima, Kanae Minato (Buchvorlage)
Darsteller: Takaku Matsu, Yukito Nishii, Kaoru Fujiwara u.a.

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