Journey


Vor mir erstreckt sich eine endlose Wüstenlandschaft. Der Sand reflektiert das unbarmherzige Glühen der Sonne. Am Horizont zeichnen sich in weiter Ferne die Konturen eines Berges ab. Das Ziel der Reise. Und hier, am Anfang, auf einer Düne, stehe ich. Ein unscheinbarer Nomade mit wehendem Schal. Wie die Reise verlaufen wird ist ungewiss. Ganz sicher ist aber, dass es nach dem ersten Schritt kein Zurück mehr gibt.

Journey ist das mittlerweile dritte Spiel von thatgamecompany, deren Werke immer etwas ganz besonderes sind. In flOw verhalf man etwa einem Mikroorganismus zur nächsten Stufe der Evolution, während man in Flower Wiesen zum Blühen brachte. Beide Spiele demonstrieren, dass es den Entwicklern eher um die Kreation von Erlebnissen, als um die Erschaffung von klassischen Spielen geht. Auch Journey ist das Ergebnis dieser Maxime. Wo flOw und Flower aber lediglich entspannend sind, schafft Journey im Handumdrehen noch etwas anderes, viel wichtigeres: Es weckt Emotionen.

Einsam ist es hier. Die Zivilisationen, die hier einmal gelebt haben müssen, sind längst verschwunden. Übrig geblieben sind lediglich Ruinen, vom Sand verschlungene Zeugnisse ihrer einstigen Existenz. Auf meiner Reise studiere ich einige Wandgemälde, welche mir eine Geschichte erzählen, die ich nicht verstehe. Das macht nichts. Was zählt ist der Berg am Horizont. 

Journey verzichtet auf klare Antworten. Die Geschichte wird allein durch kurze, kryptische Zwischensequenzen und die Spielwelt selber erzählt. Egal ob Wüstenlandschaft, Monumente oder unterirdische Komplexe: Journey ist in jeder Sekunde traumhaft schön. Das gilt im Übrigen auch für den Soundtrack, der den ohnehin schon malerischen Szenerien den letzten Schliff zur Perfektion verleiht.

Als ich ratlos vor einer gewaltigen, zerstörten Brücke stehe, traue ich meinen Augen kaum: In der Ferne bewegt sich etwas. Nein, nicht etwas. Jemand. Beim Näherkommen bemerke ich, dass der Fremde wie ich aussieht. Abgesehen von der Länge des Schals sind wir identisch. Der Fremde begrüßt mich mit einer Reihe kurzer Töne, ich grüße ebenso zurück.

Journey ist ein Spiel, welches unbedingt online gespielt werden möchte. Thatgamecompany haben ihrem Spiel einen Onlinemodus spendiert, den es so bisher noch nicht gegeben hat: Jederzeit besteht die Möglichkeit, auf einen anderen Spieler zu treffen. Weder erfährt man seinen Namen, noch seine Herkunft. Mangels Chatfunktion ist man dazu gezwungen, sich über Töne zu verständigen, mit denen man sonst nur Schalter aktiviert oder aus fliegenden Stofffetzen neue Wege formt. Fast schon zwangsläufig entwickelt sich zwischen den Spielern also eine ganze eigene Sprache, von der man nie weiß, ob sie der Andere genauso versteht wie man selbst.

Ich habe das Gefühl, als würden wir uns schon ewig kennen. Wie selbstverständlich setzen wir die Brücke wieder instand, fliegen nebeneinander durch die Luft und rutschen nach der Landung eine Sanddüne hinunter. Unsere Euphorie drücken wir mit schnellen Tonfolgen aus, unser Staunen über eine Aussicht mit einem einzelnen langgezogenen Ton. Nebeneinander sitzen wir im Wüstensand und sehen dabei zu, wie die Sonne den Sand in pures Gold zu verwandeln scheint. Mein Begleiter steht auf und gibt einen kurzen Ton von sich. Dann löst er sich auf. Ich bin wieder allein.

Es ist schlichtweg faszinierend, wie Journey es schafft eine emotionale Bindung zwischen vollkommen fremden Spieler zu erzeugen. Dabei ließe es sich ohne weiteres allein durchspielen, ein Abhängigkeitsverhältnis zu einem anderen Spieler besteht also gar nicht. Und dennoch sind mir all die anonymen Mitreisenden schneller ans Herz gewachsen, als es ein Mitspieler in einem reinrassigen Koop-Spiel je könnte. Warum? Vielleicht weil man sich gegenseitig das Gefühl der Einsamkeit von den Schultern nimmt. Oder weil man auch einfach gemeinsam innehalten und die Panoramen genießen kann. Vielleicht sollte man ein Spiel wie Journey aber auch gar nicht erst analysieren, sondern sich einfach darin fallen lassen.

Entwickler: thatgamecompany
Plattform: Playstation 3 (PSN)
Erscheinungsjahr: 2012

2 Gedanken zu „Journey

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