Shame

Brandon ist ein Mann, der alles hat: Einen gut bezahlten Job, ein attraktives Äußeres und Erfolg bei den Frauen. Doch der Schein trügt, denn der New Yorker hat ein massives Problem. Brandon ist süchtig nach Sex. Egal in welcher Form, egal mit wem, egal wo. Ob allein unter der Dusche oder auf Toiletten, mit zufälligen Bekanntschaften oder Prostituierten, virtuell oder real: Brandons Leben und Tagesablauf dreht sich nur um das Eine. Diese Routine gerät zusehends aus den Fugen, als seine psychisch labile Schwester Sissy in sein Leben platzt.

Wenn Regisseur Steve McQueen und Michael Fassbender zusammenarbeiten, muss man sich auf wohl auf extreme Rollen einstellen. Schon 2008 fanden die beiden für McQueens Regiedebüt „Hunger“ zueinander. Fassbender spielte darin den IRA-Häftling Bobby Sands, der sich während eines Gefängnisstreiks das Fleisch von den Knochen hungert. Und damals wie heute muss man den Hut vor seiner Schauspielleistung ziehen. Die Grenze zwischen Rolle und Darsteller verschwimmt. Michael Fassbender spielt diesen Brandon nicht, nein, er verschmilzt mit ihm. Da verwundert es kaum, dass die anderen Darsteller, mit Ausnahme der wunderbaren Carey Mulligan als Sissy, im Grunde nur als Stichwortgeber für den Hauptdarsteller fungieren.

Die Thematik von „Shame“ ist weder einfache Kost noch ist sie amüsant. Ganz im Gegenteil. Die Sexsucht ist der Affe auf Brandons Schultern, sein Dämon und Antrieb. Oberflächlich betrachtet ist Brandon ein erfolgreicher New Yorker Yuppie. Innerlich ist er jedoch ein Trümmerfeld, ein Mensch, der zu keiner dauerhaften Beziehung fähig ist. Was zählt, ist nur der nächste Höhepunkt, den er ohne jede Gefühlsregung über sich ergehen lässt. Der Sex ist kein leidenschaftlicher Akt, sondern verkommt zu einem Betäubungsmittel, das gerade immer bis zum nächsten Orgasmus reicht. Steve McQueen vermittelt all das bereits in seiner Exposition: Eine Prostituierte hier, ein Internetporno da, Brandon onanierend in der Dusche und auf dem Firmenklo. Wenn er dann über Blicke mit einer attraktiven Frau in der U-Bahn flirtet, erinnert das unweigerlich an ein Raubtier, das seine nächste Beute gewittert hat.

„Shame“ spricht viele Details nicht offen aus, sondern transportiert sie ganz subtil über Fassbenders atemberaubende Performance. Wie schon in „Hunger“ greift Steve McQueen dafür auf teils quälend lange Kameraeinstellungen zurück und verwandelt einzelne Szenen in regelrechte Theaterbühnen, die der Hauptdarsteller mit seinem intensiven und intimen Spiel auszufüllen weiß.

Steve McQueens neuester Film hebt zu keinem Moment den moralischen Zeigefinger. Es wäre ein Leichtes gewesen, aus dem Stoff ein Loblied auf feste Beziehungen zu stricken. Stattdessen konzentriert sich die Geschichte auf Brandon und seine Störung. Dass New York als Setting herhalten muss, kommt wohl nicht von ungefähr. Die Anonymität, Unverbindlichkeit, Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit der Metropole sind nur einige der möglichen Faktoren, die Brandon zu dieser leeren, emotionslosen Hülle gemacht haben. Die grenzenlose Freiheit der Großstadt wird zum Gefängnis, aus dem es für Brandon kein Entkommen gibt. So kann „Shame“ auch als unterschwellige Gesellschaftskritik am urbanen Lebensstil gedeutet werden.

„Shame“ ist kein Feel-Good-Movie, in dem der Protagonist am Ende gen Sonnenuntergang reitet. Stattdessen verkneift sich der Film eine Ultima Ratio für Brandons Problem und deutet lediglich eine mögliche Perspektive an. Steve McQueens zweiter Film steht seinem Erstling in nichts nach und bietet wieder einmal Schauspielkunst vom Allerfeinsten. „Shame“ ist ein intensiv, erschreckend und hochdramatisch. Was sich nach „Hunger“ nur angedeutet hat, wird nun ganz deutlich: Steve McQueen ist ein Regisseur, den man im Auge behalten sollte.

Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Steve McQueen
Drehbuch: Steve McQueen, Abi Morgan
Darsteller: Michael Fassbender, Carey Mulligan, James Badge Dale u.a.

Ein Gedanke zu „Shame

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