Mass Effect 3


Dieser Artikel enthält zum Teil massive Spoiler zur Geschichte aller Mass Effect Teile.

Es ist das Ende einer langen Reise. Seit vier Jahren kämpft Commander Shepard schon um die Zukunft des Universums. Unzählige Gefechte, Verluste und Strapazen liegen hinter ihm. Aber auch Momente voller Hoffnung, unerschütterlicher Kameradschaft und Romantik. Die Mass Effect Reihe besitzt alles, was eine gute Space Opera benötigt. Doch alles hat irgendwann ein Ende und nun, im Jahre 2012, wird das letzte Kapitel der Saga aufgeschlagen.

Auch „mein“ Shepard hat in den vergangenen Jahren viel erlebt. Der erste große Auftrag, die Jagd nach dem Verräter Saren, setzte einen Stein ins Rollen. Kaidan Alenko musste schweren Herzens geopfert werden, den insektoiden Rachni wurde eine zweite Chance gegeben und in der Schlacht um die Citadel rettete Shepard nicht nur den Tag, sondern auch gleich den intergalaktischen Rat. Zwei Jahre und eine Auferstehung später zog Shepard gemeinsam mit Cerberus gegen die Kollektoren, Marionetten der Reaper, in den Kampf. Ein Team aus Spezialisten wurde für eine Selbstmordmission versammelt, um den Kampf zur Basis der Kollektoren, jenseits des Omega 4 Relays, zu tragen. Eine Selbstmordmission, die leider nicht jedes Crewmitglied überstanden hat. Mit der Zerstörung der Kollektorenbasis hat es sich Shepard zwar mit Cerberus verscherzt, dafür aber wieder einmal wertvolle Zeit bis zur unvermeidlichen Ankunft der Reaper erkauft. Doch die ist mit Beginn des dritten Teils auch abgelaufen: Die Reaper klopfen nicht freundlich bei der Erde an, sondern reißen gleich die ganze Hauswand ein. Shepard rettet sich auf die Normandy und tritt den taktischen Rückzug an, um die verschiedenen Völker auf einen letzten Kampf gegen die übermächtigen Invasoren einzuschwören und die Erde zurückzuerobern.

Ab hier erinnert der spielerische Aufbau frappierend an den Vorgänger. Statt dem Sammeln einzelner Crewmitglieder auf dem Weg zum Finale, sind es nun eben ganze Völker, die rollenspieltypisch natürlich eine Gegenleistung für ihre Hilfe verlangen. Damit werden gleichzeitig die wichtigsten Storyfäden abgeschlossen: Der Genophage der Kroganer kann geheilt, der Quarianer-Geth-Konflikt geschlichtet und das ultimative Geheimnis der Asari gelüftet werden. Wie weit man mit den Kriegsvorbereitungen ist, lässt sich jederzeit an einer Konsole an Bord der Normandy abfragen, womit auch der Fortschritt der Geschichte vermittelt wird. In deren Verlauf wird Shepard erneut mit früheren Entscheidungen und alten Bekannten konfrontiert. Allein wenn man sich zum ersten Mal wieder auf der Normandy bewegt oder der Citadel einen Besuch abstattet, fühlt sich das so an als würde man nach Hause kommen. Gerade in solchen Augenblicken schlummert eine ungeheure emotionale Kraft, besonders für Spieler, die seit dem ersten Teil dabei sind.

Wenn ich auf die Mass Effect Reihe zurückblicke, kommen mir sofort viele dieser Momente in den Sinn. Die Konfrontation mit Wrex auf Virmire oder das Wiedersehen mit Garrus in den Slums von Omega. Ich knackte Jacks harte Schale, unterhielt mich stundenlang mit Thane und opferte meine Romanze mit Liara zugunsten von Tali. Nie standen für mich die Actioneinlagen im Vordergrund. Es waren die Geschichte, das Universum mit all den bunten Charakteren und natürlich die Entscheidungen, die seit dem ersten Teil meinen Commander Shepard formten. All diese Zutaten sollten in einem epischen Finale, das laut Bioware auch wieder mehr Rollenspielelemente beinhaltet, wieder zusammenkommen und mein kleines Fanherz höher schlagen lassen.

Stattdessen hat Mass Effect 3 dafür gesorgt, dass meine Liebe zu der Serie einen Knacks bekommen hat. Der angepriesene stärkere Rollenspielpart beschränkt sich beispielsweise auf die größere Modifizierbarkeit von Waffen und Fähigkeiten. Grundsätzlich ist das sogar gut und richtig, waren diese Spielelemente doch eine der ewigen Schwachstellen von Mass Effect. Aber offenbar wurde diese Verbesserung mit reduzierten Möglichkeiten im „zivilen“ Rollenspiel erkauft. Besonders auffällig wird das bei kleinen Streitereien zwischen NPCs, über die man im Spielverlauf stolpert. So diskutieren etwa zwei Bürger über das Für und Wider eines Militärbeitritts oder ein Händler zankt sich mit seinem Kollegen über Unterstützung einer Bürgerwehr mit Waffen. Shepard kann sich in diese Gespräche nicht direkt einklinken, sondern lediglich per simplem Tastendruck einem der beiden Streithähne zustimmen. Trotz der Belohnung mit Erfahrungspunkten, fühlt man sich um einen aufregenden Dialog betrogen.

Auch die zahlreichen Nebenmissionen scheitern daran einen Bezug zwischen Spieler und Spielwelt herzustellen, so wie es beispielsweise die Loyalitätsmissionen im zweiten Spiel vermocht haben. Entweder hat man es mit größeren Schießbuden zu tun, die dank ihrer Schlauchstruktur und den dümmlichen Gegnern schnell langweilen oder man scannt Planetenoberflächen nach Artefakten ab. Würde man in einigen dieser Missionen nicht auf alte Mitstreiter treffen, könnte man sie sich wohl komplett sparen. Trotz der Schwächen im Spiel- und Leveldesign macht Mass Effect 3 in den Begegnungsmissionen wirklich Spaß. Es wird einem regelrecht warm ums Herz, wenn man auf eine verantwortungsvolle Jack trifft oder auf Grunt, der endlich seinen Platz unter den Kroganern gefunden hat. Solche Momente funktionieren deshalb so gut, weil ich weiß, dass meine früheren Handlungen den Werdegang dieser Charaktere maßgeblich geprägt haben.

Anstatt diese alte Stärke aber weiter auszubauen geht das Spiel einen Schritt zurück: All die Emotionen, all die neuen und alten Entscheidungen werden von Mass Effect 3 in Form einer kalten Zahl auf das Militärstärkekonto gekotzt. Die Rachni wurden begnadigt? Herzlichen Glückwunsch! 100 Punkte mehr. Wrex hat den ersten Teil überlebt? Hier bitte, 25 Punkte. Der anhaltende Konflikt zwischen den Geth und Quarianern wurde geschlichtet? Fantastisch, macht nochmal einige hundert Zähler zusätzlich. Natürlich werden die entscheidenden Hauptmissionen mit wunderbaren Zwischensequenzen abgerundet, doch was an der ganzen Mechanik stört, ist das Gefühl, dass all die früheren Mühen so furchtbar egal für das Finale sind.

Lediglich die Anzahl der gesammelten Punkte und die finale Entscheidung aus dem zweiten Teil bestimmen nämlich darüber welche Enden zur Auswahl stehen. Ja, richtig „zur Auswahl stehen“. Denn anstatt ein definitives Ende, abhängig vom Spielverlauf und getroffenen Entscheidungen zu präsentieren, werden einfach mehrere Knöpfe angeboten. War das bei Deus Ex: Human Revolution schon ein großer Kritikpunkt, so führt Mass Effect 3 mit dieser Lösung sein ganzes System von „Entscheide dich und lebe mit den Konsequenzen“ ad absurdum. Das Ende ist gleich in mehrfacher Hinsicht unbefriedigend und hat die restliche Spielerschaft völlig zu Recht auf die Barrikaden getrieben. Einerseits unterscheiden sich die Endsequenzen lediglich in der Farbe der Explosionen und anderseits fehlt ein angemessener emotionaler Abschluss der Trilogie. Ist es denn wirklich zu viel verlangt, wenn ich erfahren will, was nach dem Ende mit meinen Weggefährten Crew und den verschiedenen Rassen passiert? Habe ich mir das nach all dieser Zeit nicht verdient? Stattdessen wird man vom Spiel mit einer Textbox entlassen, zwischen deren Zeilen ganz deutlich „DLC“ geschrieben steht.

All den Schwächen in der Story und den seltsam reduzierten Dialogen zum Trotz: Mass Effect 3 ist ein gutes Spiel. Wäre es ein Film, würde es ganz sicher aus Hollywood kommen, mit allen Schwächen und Stärken, die so eine Produktion mit sich bringt. Wenn es mit der Geschichte nicht so recht klappen will, macht es das eben mit einer atemberaubenden Inszenierung wieder wett. Und tatsächlich spielt Mass Effect 3 diese Karte meisterhaft aus. Vor allem in den zerstörten Straßen Londons oder auf der Heimatwelt der Asari kommt Weltuntergangsstimmung auf, die die Finalität der Geschichte hervorragend einfängt.

Was bleibt also nach dem Abspann? So sehr mich das Ende der Trilogie auch enttäuscht haben mag: Mir bleiben immer noch die unzähligen schönen Momente, die mir die Serie im Verlauf der Jahre beschert hat. Augenblicke, die ich mir ganz sicher nicht von solch einem entkoppelten Ende zerstören lasse. Mass Effect ist noch immer ein Unikat im Bereich der Videospiele. Nämlich eine detailliert ausgearbeitete Space Opera, deren Charaktere und Inszenierung gleichermaßen begeistern und berühren und über jeden Zweifel erhaben sind. Mass Effect 3 muss man als Fan der Reihe sowieso gespielt haben. Nur sollte man eben keinen Abschluss à la die Rückkehr der Jedi-Ritter erwarten.

Entwickler: Bioware
Plattform: PC, Playstation 3, Xbox 360
Erscheinungsjahr: 2012

3 Gedanken zu „Mass Effect 3

    • Was anderes bleibt einem ja kaum übrig. Schon beim From Ashes DLC hatte ich das Gefühl, dass er vorab extra aus dem Spiel geschnitten wurde, um damit schnelle Mark zu machen. So optional kam der mir nämlich gar nicht vor, wenn man sich mal anschaut, wie gut der in die Handlung eingebettet ist.

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