Katawa Shoujo

Wow. Einfach nur wow. Ich bin stets aufs Neue beeindruckt, wie viel Dummheit man im Internet finden kann, wenn man nur tief genug gräbt. Auf Tigsource.com war es dann wieder soweit: Wenn Dummheit Gold ist, dann ist die Kommentarsektion unter dem Artikel zu Katawa Shoujo der Klondike River. Dort wird die Visual Novel doch tatsächlich als „cripple porn“ oder „cripple fucking simulator“ bezeichnet. Mir fällt spontan kein besserer Weg ein, um die eigene Engstirnigkeit und Unwissenheit zu demonstrieren, als mit solchen Kommentaren.

Richtig ist: Katawa Shoujo ist eine Dating-Sim im Stil einer Visual Novel und hat damit per se schon mal einen fragwürdigen Ruf. Das Genre erfreut sich vor allem im asiatischen Raum größter Beliebtheit und hat häufig nur ein Spielziel: Eine oder mehrere Damen in die Kiste zu kriegen.

Falsch ist: In Katawa Shoujo geht es nur um Sex. Im Mittelpunkt steht viel mehr die Beziehung mit fünf möglichen Kandidatinnen. Zwangsläufig kommt es dabei auch zu sexuellem Kontakt, doch ist der intelligent in die Geschichte eingewoben. Übrigens lassen sich besagte Szenen in den Optionen sogar deaktivieren.

Was die Novel jedoch von allen anderen abhebt, ist ihr ungewöhnliches Setting. Der Protagonist, Hisao Nakai, wird nach der Diagnose einer schweren Herzkrankheit auf die Yamaku-Akademie, eine Schule für Schwerbehinderte, versetzt. Dem Genre entsprechend hat man es also mit Schulmädchen zu tun, jedoch mit dem Unterschied, dass diese mitunter keine Arme und Beine haben oder taubstumm, blind und stark vernarbt sind. Die Wahl Hisaos als Protagonist ist insofern clever, weil er wegen seiner äußerlichen Unversehrtheit genauso mit der Situation fremdelt, wie der Spieler selbst. Im weiteren Verlauf geht es darum, wie Hisao mit seinem neuen Leben zurechtkommt, sich in den Schulalltag einlebt und seine Vorurteile Stück für Stück über Bord wirft.

Wie für eine Visual Novel üblich, ist man die meiste Zeit mit dem Lesen von Texten beschäftigt. Wesentlich seltener wird man vor Entscheidungen gestellt, die den Verlauf der Handlung beeinflussen. Während damit im ersten Akt bestimmt wird, mit welchem der fünf Mädchen Hisao anbandeln darf, bedingen die nachfolgenden Entscheidungen, in welche Richtung sich die entsprechende Beziehung entwickelt. Mit einem Spiel hat das freilich nur noch wenig zu tun. Zusammen mit dem Anime-Zeichenstil, den man entweder mögen oder wenigstens ausblenden können muss, stellt das aber auch schon die größte Einstiegshürde dar. Der Lohn für die Mühe ist eine erstaunlich tiefgehende Geschichte.

Ich war ehrlich überrascht mit wie viel Respekt und Leichtfüßigkeit das ungewöhnliche Thema angefasst wurde. In Katawa Shoujo geht es eben nicht um die schweren Behinderungen der Schüler, sondern wie sie damit zurechtkommen. Da ist zum Beispiel die hyperaktive Emi, die trotz ihrer Beinprothesen der Star der Laufmannschaft ist. Und auch die taubstumme Shizune hat es ungeachtet ihrer Beeinträchtigung zur Klassen- und Schülersprecherin geschafft. Das mag genauso klischeehaft wirken wie die Darstellung der Schulmädchen. Befasst man sich jedoch eingehender mit den Mädchen, dann kommen hinter der Anime-Kulisse tiefgründige und durchweg interessante Persönlichkeiten zum Vorschein.

Es ist den Autoren zu verdanken, dass die Interaktion mit den Figuren immer glaubwürdig bleibt. Ist Hisao wegen der verschiedenen Behinderungen anfänglich noch sehr zurückhaltend und gehemmt im Umgang mit seinen neuen Mitschülern, lösen sich diese Vorbehalte mehr und mehr in Luft auf. So dumm es auch klingen mag: Nicht nur Hisao, sondern auch ich als Spieler habe gemerkt, wie normal die Schüler eigentlich sind. Die Frage, ob jemand mit einer Behinderung weniger perfekt ist, als ein gesunder Mensch, stellt sich gar nicht erst – zumindest nicht für die Personen in Katawa Shoujo. Eine Behinderung ist eben kein Problem, solange man sie nicht zum Problem macht.

Ich rechne es dem Spiel hoch an, dass es sich auf so eine gekonnte Weise mit einem vermeintlichen Tabuthema auseinandersetzt. Zwar wäre noch viel mehr möglich gewesen – das Spiel beschränkt sich auf körperliche Behinderungen und schneidet die Wahrnehmung von gesunden Menschen allenfalls an – und einige der Routen kranken an Vorhersehbarkeit, doch es ist ein Anfang. Katawa Shoujo ist kein „cripple fucking simulator“, sondern eine rührende und ermutigende, vor allem aber ernstzunehmende Geschichte über behinderte Menschen.

Katawa Shoujo kann hier für Windows, Mac OS X und Linux gratis heruntergeladen werden.

Entwickler: Four Leaf Studios
Plattform: PC
Erscheinungsjahr: 2012

2 Gedanken zu „Katawa Shoujo

  1. ganz genau dieses visual novel ist einfach nur fantastisch mit einem tieferen sinn der eigentlich vielmehr verbreitet werden sollte um einfach nur lächerliche vorurteile aus der welt zu schaffen!

  2. Katawa Shojo ist wirklich klasse! Professionelle Umsetzung, eine hübsche Geschichte und viele Stunden Spielzeit. Was will man mehr?

    Für „Zocker“ ist Katawa Shoujo übrigens weniger geeignet, da fehlt es an Action. Das ist aber zugleich in meinen Augen auch einer der größten Vorteile: Ich z.B. mag keine „normalen“ Spiele.

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