52 Games #5 – Prüfung


Wo es Prüfungen gibt, da gibt es auch Regeln. Denken wir nur mal an die Klassenarbeit in der Schule: Nicht spicken, nicht abschreiben, Lösungswege angeben, leserlich schreiben und so weiter. Damit sind einerseits die gleichen Bedingungen für alle Teilnehmer gegeben und andererseits wäre so eine Prüfung ohne Regeln ja gar keine Herausforderung.

Spinnt man den Gedanken einmal kühn weiter, dann könnte man auch jedes x-beliebige Spiel, dank der Existenz von Regeln, als Prüfung bezeichnen. Das mag zwar nicht auf jedes Spiel zutreffen, leuchtet aber vor allem beim Survival-Horror-Genre, welches ich zu meinen Favoriten zähle, ein. Dessen Vertreter spiele ich grundsätzlich unter strengen Bedingungen:

    1. Nur im Dunkeln! Geschlossene Vorhänge sind nur zulässig, wenn damit Mondlicht oder Straßenbeleuchtung ausgeschlossen werden. Solche Spiele wollen müssen nachts gespielt werden.

  • Nur mit Kopfhörern! Im Optimalfall mit Surround-Sound, um die essenzielle Soundkulisse auch angemessen zu würdigen.

 

Mit diesen zwei effektiven Spielregeln bin ich bisher immer gut gefahren. All die Silent Hills, Resident Evils, Project Zeros oder Dead Spaces waren auf diese Art machbar. Kleine und große Nervenprüfungen waren sie alle. Der eine Titel mehr, der andere weniger. Doch irgendwann kam Amnesia: The Dark Descent. Die unangekündigte Klausur unter Survival-Horror-Prüfungen.

Dabei fing alles so gut an: Das Setting von Amnesia könnte auch einem 0815-Gruselroman entsprungen sein. Verlassenes Schloss, Protagonist mit Gedächtnisverlust, unheimliche Stimmung – so etwas hat man ja schon tausendmal gesehen. Alles kein Problem. Denkste!

Das liegt vor allem an Daniel, dem Protagonisten in Amnesia, der mich durch verschwommene Sicht, lauten Herzschlag und Zähneknirschen unweigerlich mit seiner Panik ansteckt. Schon bald verfluche ich meine eigenen Regeln, möchte schnell den nächstbesten Lichtschalter drücken und Katzenvideos auf Youtube schauen, um meinen Puls zu beruhigen. Zeit für eine Pause. Steam sagt mir, dass ich gerade mal 80 Minuten mit Amnesia verbracht habe. Das kann doch nicht stimmen! Gefühlt bin ich die vierfache Zeit durch das Gemäuer geschlichen. Was ich in dem Moment noch nicht weiß: Diese 80 Minuten sollten auch Wochen später mein absoluter Spielzeitrekord sein.

Es folgen Sessions von 10-15 Minuten Länge, nach denen meine Nerven kaum mehr als solche zu bezeichnen sind (Grüße an den Weinkeller und das Gefängnis!). Wenn ich einen guten Tag habe oder die weniger gruseligen Areale erkunde, komme ich auch gerne mal auf 45-60 Minuten Spielzeit.

Trotzdem: Amnesia macht mich fertig. Es lässt mich an den eigenen Regeln zerbrechen und ist meine ganz persönliche Survival-Horror-Prüfung. Bis heute habe ich den Abspann nicht gesehen. Dieses Spiel wird mich solange aus meiner Steambibliothek anlachen, bis ich meinen ganzen Mut zusammennehme, um ihm den Rest zu geben.

Übrigens habe ich während Amnesia eine dritte Regel aufgestellt, die das Herzinfarkt-Risiko deutlich senkt:

3. Skype vor dem Spielstart beenden!

Dieser Artikel zum Thema „Prüfung“ entstand im Rahmen des Projekts „52 Games“ von Zockwork Orange.

7 Gedanken zu „52 Games #5 – Prüfung

  1. Pingback: [52 Games] Thema 06: Geschwindigkeit » 52 Games » Zockwork Orange

  2. Wunderbarer Text, vielen Dank dafür! Ich bin absoluter Spätzünder, was Amnesia angeht – habe es vor ca. zwei Wochen zum ersten Mal gespielt. Ungefähr 60 Minuten. Und seitdem (noch) nicht wieder.

    Gutes Gefühl, mit dieser unfassbaren Panik nicht allein zu sein😉

  3. Bei mir liegts aus purer …äh… Ehrfurcht auch schon sicher zwei Monate auf Halde. Da denkt man, das Trauma wäre überwunden und schwupps kommt dieses hinterhältige Blogprojekt um die Ecke und reißt alte Wunden wieder auf😉

  4. Bei den Regeln fehlt eigentlich nur noch das alleine spielen. Ich merke das momentan bei Alan Wake. Irgenwie ist das Spiel schlimmer für mich, als ich dachte. Dann gestern ein Kapitel in Anwesenheit eines Kumpels gespielt: alles halb so schlimm. Heute wieder allein im Dunkeln mit Surround Headset in den vernebelten Wäldern unterwegs: Panik.

    Amnesia ist aber eines der Spiele, um die ich seit langem einen großen Bogen mache. Too much für mich, denke ich.

  5. Kann ich gut verstehen. Ich denke was Amnesia so schlimm macht, ist die absolute Wehrlosigkeit des Protagonisten. Da kann ich mich eben nur panisch in einen Schrank flüchten, wenn mich einer der wenigen Gegner überrascht. Bei Alan Wake und Konsorten habe ich hingegen ständig die Möglichkeit, mich gegen meine Verfolger zu wehren.

    Aber ich geb dir Recht: Die nächtlichen Waldausflüge bei Alan Wake entfalten ihren ganz eigenen Horror.

  6. Pingback: Humble Indie Bundle #5 | kopftreffer.de

  7. Pingback: Slender | Hören, Sehen, Knöpfe drücken.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s