Don’t take it personally, babe, it just ain’t your story


Zu meiner Schulzeit kannte noch kein Mensch soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder wie sie alle heißen. Von einigen Cracks, die sich auf Myspace rumtrieben, einmal abgesehen. Heute sieht die Sache natürlich ganz anders aus. Quasi jeder Heranwachsende mit Internetanschluss gehört einer oder mehreren dieser Communities an. Oder besser: Muss ihnen angehören. Wer sich den Online-Netzwerken verweigert, läuft Gefahr auch in der echten Welt außen vor zu bleiben. Für jemanden wie mich, der nicht direkt mit sozialen Netzwerken aufgewachsen ist, eine reichlich seltsame Vorstellung.

In eben jene Kerbe schlägt die Visual Novel Don’t take it personally, babe, it just ain’t your story von Christine Love. Der Spieler verkörpert darin den Mittdreißiger Mr. Bell. Als Literatur- und Vertrauenslehrer einer 11. Klasse, hat dieser alle Hände voll zu tun, für das schulische und emotionale Wohl seiner Schützlinge zu sorgen. Keine leichte Aufgabe, wenn die Schüler ihre Probleme bevorzugt unter sich und in der Sicherheit eines sozialen Onlinenetzwerkes klären. Was sie nicht wissen: Jedes Wort, jedes Statusupdate und jede private Nachricht kann von Mr. Bell und dem Spieler mitgelesen werden.

Durch diesen Kniff spielt sich die Geschichte auf zwei, sich gegenseitig beeinflussenden Ebenen ab. So kann es passieren, dass eine unaufmerksame Schülerin ihrem Ärger mit einer Statusmeldung Luft macht, wenn man sie im Unterricht aufruft und so vor der ganzen Klasse blamiert. Von solchen kleinen Spielereien einmal abgesehen, ist die Onlineüberwachung aber ein unschätzbares Werkzeug, um das Beziehungsgeflecht und die Persönlichkeiten der gerade einmal sieben Schüler zu verstehen. Vor allem macht es die hervorragend geschriebene Geschichte erst so reizvoll.

Denn Mr. Bell (und damit der Spieler) befindet sich in einer permanenten Zwickmühle. Wie viel des unrechtmäßig erlangten Wissens darf er in die Gespräche mit den Schülern einfließen lassen? Soll er sie wirklich auf Probleme ansprechen, von denen er eigentlich gar nichts wissen dürfte? Und warum schnüffelt er trotzdem im Privatleben der Teenager herum, wo es doch auf der Hand liegt, dass es falsch ist? Zumindest die letzte Frage lässt sich aus Spielersicht beantworten: Weil es enorm spannend ist! Die Dialoge unter den Schülern, die geheimen Nachrichten und Komplotte lassen nie Langeweile aufkommen. Natürlich kann man dem Spiel vorwerfen, dass es sich stellenweise wie eine Seifenoper anfühlt. Und trotzdem wachsen einem die Charaktere mit der Zeit ans Herz. Wohl auch deswegen, weil Christine Love ganz bewusst auf Stereotypen wie „Der Sportler“ oder „Das Sensibelchen“ verzichtet.

Love nutzt typische Teenagerprobleme wie Zickenkriege, Beziehungsstress und sexuelle Orientierungslosigkeit als Basis für den eigentlichen thematischen Überbau ihrer Novel: Don’t take it personally, babe, it just ain’t your story ist in erster Linie eine Geschichte über den Umgang mit sozialen Onlinenetzwerken. Love geht es um Privatsphäre, Cybermobbing und die Grenze zwischen normalem Interesse und purem Voyeurismus. Gerade letzteres demonstriert das Spiel mit einer denkwürdigen Szene: An einer Stelle der Geschichte tauschen zwei Schülerinnen pikante Fotos untereinander aus, die durch ein Passwort geschützt sind. Das lässt sich aber nicht im Spiel finden, sondern nur im Internet. Und während man noch Google danach befragt, macht es im Kopf leise ‚klick‘. Was macht man hier überhaupt gerade? Hat man eben wirklich versucht das Passwort zweier virtueller Personen zu knacken, um Einblick in ihre privaten Fotosessions zu bekommen? Urplötzlich fühlt man sich sehr, sehr schlecht, zu gleichem Maße aber auch erhellt. Denn im Gegensatz zum regelmäßigen Abrufen der Mails und Updates, ist die Entschlüsselung des Passworts ein rein optionales Element. Die vom Spiel ausgelegte Falle ist zugeschnappt. Der Voyeur ist nicht Mr. Bell sondern man selbst.

Überhaupt ist „Don’t take it personally, babe, it just ain’t your story” eines dieser Spiele, nach denen man sich nicht unbedingt dümmer fühlt. Auch wenn ich der abschließenden Moral nicht ganz zustimmen kann, so hat es das Spiel zumindest geschafft, dass ich mich für 3-4 Stunden intensiv mit Fragen zur Privatsphäre in Onlinenetzwerken auseinandergesetzt habe, während ich hervorragend unterhalten wurde. Solche Spiele darf es gerne öfter geben.

Don’t take it personally, babe, it just ain’t your story kann hier gratis heruntergeladen werden. Kudos gehen an den hörenswerten Podcast Indiefresse, durch den ich erst auf das Spiel aufmerksam wurde und dank dem ich die nächsten Wochen wohl eine Visual Novel nach der anderen spielen werde.

Entwickler: Christine Love
Plattform: PC
Erscheinungsjahr: 2011

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s